04.01.2013

Revolution in den Ruinen

Hotel soll auf Burg von Haverfordwest entstehen / Streit um angebliche Behinderten-Diskriminierung
Haver Burg: In den Ruinen der alten Burg soll bald ein Hotel stehen – die Bürger von Haverfordwest machen sich deshalb Sorgen.
Angekündigte Veränderungen im Stadtbild beschäftigen die Öffentlichkeit in Haverfordwest, die walisische Partnerstadt von Oberkirch. Außerdem waren dort kurzzeitig die Masern ausgebrochen und ein Schild mit zweideutiger Aufschrift sorgt für Unruhe.

Haverfordwest. Eine Revolution bahnt sich im Stadtbild von Haverfordwest an, der walisischen Partnerstadt von Oberkirch. Denn in den Ruinen der altehrwürdigen Burg, deren Mauern und Türme die Stadt überragen und ihr ein prägendes Gesicht verleihen, soll ein modernes Hotel entstehen. Und zwar – und das ist der Aufreger – auf der ganzen Fläche der Burg. Zunächst sollte nur ein Teil der Ruinen dem Hotelbetreiber überlassen werden, der Parkplatz und der Gefängnisbereich. Jetzt ist vom ganzen Areal die Rede, und die Veröffentlichung dieser Pläne schockt einen Teil der Bevölkerung. Sie fürchtet um den öffentlichen Zugang zur Burg. Denn einmal in privater Hand, obliegt es dem neuen Besitzer, Touristen und Nicht-Hotel-Gäste auf dem Gelände zuzulassen oder ihnen den Zugang zu verweigern. Zwar waren in den ursprünglichen Plänen tägliche Besucherzeiten vorgesehen. Doch da sich jetzt am Bauvorhaben doch massive Änderungen ergeben haben, fürchten viele Bewohner von Haverfordwest, dass davon auch die Besuchsmöglichkeiten betroffen sein könnten.

Skandal oder nur ein Missverständnis? Diese Frage beschäftigte ebenfalls die Öffentlichtkeit in Haverfordwest, allerdings nur ein paar Tage. Auf einem Schild in der Küche eines Sandwich-Fast-Food-Res­taurants war »Daily Retard« zu lesen, und das Schild konnte man von der Bestelltheke aus sehen. Die Mutter eines geistig behinderten Kindes erblickte es und war schockiert. Denn: »Retard« kann im Englischen so viel wie »geistig Zurückgebliebener«, aber auch »Depp«, »Vollidiot« oder nur »Verzögerung« heißen. Was genau das Schild mit dem Zusatz »daily« – »täglich« – ursprünglich bedeuten sollte, darüber gab es den Streit. Die Mutter empfand es als Beleidigung für geistig Behinderte. Erbost benachrichtigte sie die Presse. Die Leitung des Fast-Food-Restaurants hingegen verteidigte sich: Der Ausdruck bezeichne den Auftau-Prozess von tiefgefrorenem Brotteig. Wer hat recht?

»Man kann auch überempfindlich reagieren«, so der Kommentar vieler Leserbriefschreiber. Einige wiesen aber auch darauf hin, dass das Wort ziemlich komplex und eine eindeutige Lesart nicht möglich sei. Das Schild blieb jedenfalls hängen – die Fragen offen.

Platz für 106 Wohnungen

Für Gesprächsstoff sorgt auch die Geschäftswelt. Ein Investor will an den Ufern des Flusses Cleddau einen riesigen Gebäudekomplex errichten, in dem ein neues Einkaufszentrum und 106 Wohneinheiten Platz finden sollen. Es soll am nördlichen Ende der Innenstadt entstehen und somit die Nord-Viertel der Stadt mit dem Stadtzentrum verbinden. Doch noch ist vieles unklar: Das Land, auf dem der Komplex entstehen soll, gehört noch gar nicht dem Investor. Wann die Arbeiten beginnen und wie sie genau aussehen sollen, steht ebenfalls noch nicht fest. Vor einem Jahr fand eine öffentliche Befragung zu den Plänen statt, aber bisher sind die Ergebnisse noch nicht veröffentlicht. Klar, dass das die Bürger misstrauisch macht. Und sie ähnlich wie auf die Burg auch gespalten auf dieses Projekt blicken.

Für viele Familien mit kleinen Kindern wurde die Zeit zum Ende des Jahres außerdem durch eine Warnmeldung gestört: Masern sind ausgebrochen in Wales, und einer der ersten Fälle wurde in Haverfordwest entdeckt. In Großbritannien ist die Krankheit wie in Deutschland meldepflichtig, und sofort ging der Aufruf durch Stadt und Land, Kinder bis 16 Jahre impfen zu lassen. Experten und Ärzte wurden in Medien interviewt, um über die Gefahren der Krankheit aufzuklären. Ob es an dieser schnellen Aufklärungsarbeit lag oder einfach daran, dass Masern dann doch eher selten sehr schlimme Folgen aufweisen: Die Welle schwappte vorbei, und gestorben ist an der Krankheit keiner. Zumindest nicht in Haverfordwest.

STICHWORT

Kantaten-Premiere

Zu einer Premiere der etwas besonderen Art kam es in der Adventszeit in Haverfordwest. Die angeblich erste Weihnachtskantate, die seit über einem halben Jahrhundert entstanden ist, hatte in der Kirche St Mary’s Church von Oberkirchs Partnerstadt Welturaufführung. Die Komponisten der heiligen Chormusik mit dem Thema von Jesu Geburt stammen zwar nicht aus Haverfordwest, sondern aus anderen Orten von Wales. Die St Mary’s Kirche aber wurde wegen ihrer außergewöhnlich ansprechenden Architektur und Innenausstattung für die Premiere ausgewählt – für den perfekten Rahmen, den sie für die Kantate biete. kw

Kay Wagner

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