08.03.2013

Armut wächst im Verborgenen

Alltag und Tabuthema zugleich: Auch zahlreiche Kinzigtäler kämpfen mit großen finanziellen Sorgen
»Umfairteilen statt vertuschen« forderten am Mittwoch Aktivisten bei einer Demonstration gegen den stark entschärften Armuts- und Reichtumsbericht vor dem Bundeskanzleramt in Berlin.
Armut – ein Schreckgespenst, das auch im Kinzigtal hunderten Menschen schlaflose Nächte bereitet. Doch in der öffentlichen Wahrnehmung sind Geldsorgen immer noch ein Tabuthema.

Wolfach. Der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung schlägt seit Mittwoch hohe Wellen. Der Ortenaukreis und das Kinzigtal sind in der emotionalen Debatte um soziales Ungleichgewicht und finanzielle Sorgen keine Inseln der Glückseligen: »Armut, die gibt’s bei uns tatsächlich auch – sie ist nur nicht sichtbar«, bestätigt Dorothea Brust-Etzel, Fachbereichsleiterin Offene Hilfe der Caritas, im Gespräch mit dem Offenburger Tageblatt. Und ihre Kollegin Constanze Blank stimmt zu: »Man erkennt Armut nicht nur an kaputten Klamotten.«

Mit Familie wird’s eng

345 Beratungsfälle verzeichnete die Caritas vergangenes Jahr – in 80 Prozent davon ging es um finanzielle Probleme. Wen es trifft ist dabei ganz unterschiedlich. Generell gebe es aber auch im Kinzigtal immer mehr Menschen, die von ihrer Arbeit nicht leben könnten. »Vor allem, wenn Familie da ist, wird es oft eng«, weiß Brust-Etzel: »Ein Alleinstehender kann vielleicht von einem Stundenlohn von 7,50 Euro brutto leben.« Gelte es aber zudem Kinder zu versorgen, reiche das Geld oft schlicht nicht. Doch es gebe auch immer mehr ältere Kinzigtäler, die in die Beratung der Caritas kämen. »Das wird zunehmen.«

Im öffentlichen Bewusstsein werde das Thema Armut im Kinzigtal »sicher nicht so wahrgenommen, wie es wahrgenommen werden sollte«. Das liege auch an der ländlichen Struktur: Soziale Brennpunkte wie in Großstädten gebe es nicht. »Und die Betroffenen gehen damit nicht nach außen. Das ist nach wie vor ein Tabuthema«, betont Brust-Etzel.

Scham spiele eine große Rolle und sei ein Grund, warum viele oft erst dann Hilfe suchten, wenn die Probleme überhand nehmen, beispielsweise die Miete überfällig ist oder der Strom abgedreht wird. Blank und Brust-Etzel wollen Betroffene ermutigen, sich frühzeitig Hilfe zu suchen. Mit den Problemen wachse die Verzweiflung. Denn Geldsorgen beschränken sich erfahrungsgemäß nicht nur auf den Füllstand des Portemonnaies. Eheprobleme und Depressionen können ebenso Folgen sein. In der Beratung gelte es darum, neben der finanziellen auch die psychosoziale Situation der Ratsuchenden zu verbessern.

Definition ist schwierig

Wer arm oder bedürftig ist, lasse sich schwer pauschal definieren. Die Zahl derer, die von ihrem Einkommen zwar existieren, aber nicht leben könnten, nehme aber zu, dieser Trend zeichne sich auch im Kinzigtal ab, bestätigt das Caritas-Duo. Wer gerade so über die Runden kommt, für den ist das soziale Leben oft unerschwinglich – Kino- oder Cafébesuche, dafür fehlt das Geld. Ebenso wie für teure Klassenfahrten: »Das ist Eltern dann oft peinlich und unangenehm.«

Man müsse die Augen offen halten, appellieren Blank und Brust-Etzel an die Kinzigtäler. »Auch Eigentum schützt nicht davor, dass man arm sein kann.« Vom eigenen Häuschen könne man nämlich schlecht abbeißen, wenn die Rente nicht bis zum Monatsende reicht.

Staatliche Hilfe trotz Vollzeitjob

Armut lässt sich nur schwer in Statistiken darstellen. Doch auch Armin Mittelstädt, Leiter der Kommunalen Arbeitsförderung Ortenaukreis (KAO), bestätigt den Trend, dass immer mehr Arbeitnehmer auf staatliche Unterstützung angewiesen sind – trotz Vollzeitjob.

»Das hat in der letzten Zeit zugenommen.« Im Einzugsgebiet der Dienststelle Wolfach zählt die KAO 600 erwerbsfähige Leistungsberechtigte – eingerechnet der Familien 889 Personen. Etwa ein Drittel der Leistungsempfänger sei trotz Job auf Unterstützung angewiesen.

Insgesamt heißt das: Von den kreisweit 10 669 Leistungsempfängern haben etwas mehr als 3850 ein Arbeitseinkommen. 860 davon verdienten mehr als 800 Euro im Monat. Ab diesem Wert gehe man statistisch in der Regel von Vollzeitbeschäftigung aus.

»Der Bedarf ergibt sich in der Regel aus der Familienstruktur. Wer aber schon Vollzeit arbeitet, der kann oft nicht mehr arbeiten.« Ein Berufswechsel sei eine mögliche Lösung – wenn die Qualifikationen stimmen. Für gut 2000 Ortenauer ist das aber keine Option: Alleinerziehende könnten, wenn überhaupt, oft nur in Teilzeit arbeiten und seien auf Hilfe angewiesen.

Tobias Lupfer

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