04.01.2013

Von Bürgernutzen bis Wagner

Viele Berufe und Einrichtungen, die es früher gab, sind heute verschwunden / Beispiele in Meißenheim
In dem Anwesen wohnte früher Seilermeister Christian Spengler. Auf dem Weg entlang des Althreins wurden die Seile gefertigt. Für große Drahtseile reichte die Länge des Weges, der zu sehen ist, nicht aus und es ging im »Ortsfeldele« weiter. Übrigens nannte
Früher war nicht alles besser, aber manches anders. Was genau, das zeigt der Lahrer Anzeiger am Beispiel von Meißenheim.

Meißenheim. In früheren Jahren gab es auf den Dörfern Einrichtungen oder Menschen, die eine besondere Aufgabe erfüllten, die es so heute nicht mehr gibt – ein Überblick am Beispiel Meißenheim.

▸ Der Bevölkerung war das Erscheinen des Ortsdieners, »des Botts« mit der Ortsschelle, der die öffentlichen Bekanntmachungen vorlas, bekannt. Nach dem Bau einer Ortsrufanlage 1965 wurde diese Tradition aufgegeben, auch weil viele die Mitteilungen wegen des Straßenlärms nicht mitbekamen. Heute stehen die Mitteilungen im Amtsblatt.

▸ Der Bürgernutzen, eine Art der Altersversorgung für Familien, wurde 1962 gegen Entschädigung abgelöst. Die Familien konnten auf Bürgerlosen für die älteren Familienmitglieder Lebensmittel anpflanzen, die teilweise auch verkauft werden konnten. So wurde unter anderem Tabak angepflanzt und das Tabakgeld floss in die Taschen der Älteren, damit sie sich etwas kaufen oder krankenversichern konnten.

▸ Die Diakonissenschwestern vom Mutterhaus in Nonnenweier waren früher im Kindergarten. Heute sind Erzieherinnen mit der Betreuung der Kinder beschäftigt. Wie diese Aufgabe früher von nur einer Schwester mit höchstens einer Helferin bewältigt werden konnte, kann sich heute keiner mehr vorstellen, zumal es damals mehr Kinder gab.

▸ Die Gemeindekrankenschwester war früher auch eine Diakonissenkrankenschwester. Sie hatte ihr Domizil zuletzt im Bereich des heutigen evangelischen Kindergartens. Sie versorgte bettlägerige Menschen zu Hause. Diese Aufgabe wird heute von der Sozialstation im Ried bewältigt.

▸ Die örtliche Hebamme gibt es nicht mehr. Die Kinder kommen in den Kliniken zur Welt. Einzelne Kinder werden noch von einer Hebamme, die für ein großes Gebiet zuständig ist, zu Hause zur Welt gebracht.
▸ Der Leichenbeschauer hatte die Aufgabe festzustellen, ob eine Person, auch wirklich nicht mehr lebt.

▸ Den Totenwagenfahrer gibt es schon lange nicht mehr. Heute werden die Verstorbenen in der Leichenhalle aufgebahrt. Früher wurden sie an ihrer Wohnstätte mit einem Leichenwagen mit einem Leichenbegleitzug abgeholt und zum Friedhof gebracht.

▸ Der Totengräber war früher eine besondere Person im Gemeindegefüge. Er musste allerhand Dienste auf dem Friedhof versehen.

▸ Der Schweinehirte (»dr Sauhirt«) trieb den Eber von Haus zu Haus, zu einem läufigen Mutterschwein. Heute gibt es nur noch in wenigen Anwesen Schweine. Das sind in der Regel große Landwirtschaften, die selber Eber haben.

▸ Nach dem Schlachten eines Schweins, eines Kalbs oder einer Ziege in Privathäusern musste der Fleischbeschauer kommen und feststellen, ob das Fleisch nicht von Parasiten befallen war. Heute macht dies der Tierarzt.

▸ Für das Pressen von Apfel- oder Birnenmaische gab es mehrere Mostereien (Trottereien) im Dorf. In großen Gefäßen wurde der süße Saft nach Hause transportiert. Der Küfer stellte die Fässer aus Holz her für den später vergorenen Wein. Heute gibt es große Edelstahlbehälter.
▸ Der Beschlagschmied wurde von allen Landwirten, die ein Zugtier hatten, aufgesucht. Er versah die Pferd, Kuh und Ochse mit Hufeisen. Bei Kühen waren es nur kleine Metallplatten, die an den Zehen befestigt wurden.

▸ Wenn Kuh, Stier ein Kalb notgeschlachtet werden musste, sprang ein Viehversicherungsverein ein, in dem alle Halter Mitglieder waren und jeder musste sich bei einer Notschlachtung entsprechend seinem Anteil kostenmäßig beteiligen, damit der Viehhalter entschädigt werden konnte. War das Fleisch verwertbar, konnten die Mitglieder mit entsprechender Fleischmenge pro gehaltenem Rind ebenfalls etwas entschädigt werden.

▸ In der Festhalle und im Bereich der Mühle in Meißenheim gab es Gemeinschaftsgefrieranlagen, für die die meisten Familien auf dem Dorf ein Gefrierfach gekauft hatten und dort Fleisch, Obst und Gemüse lagerten. Träger der Anlage waren die Raiffeisengenossenschaft und die Gemeinde.

▸ In der Turn- und Festhalle gab es im Keller Gemeinschaftswäscherei und -bad. Beim Baden am Wochenende wurden die neuesten Nachrichten verbreitet, die sich im Dorf ereignet hatten.

▸ Das Dreschen von Fruchtgarben erfolgte durch den Müller von Meißenheim, entweder zu Hause in der Scheune oder neben der Mühle. Das Saatgetreide wurde in einer Gemeinschaftsanlage gebeizt, damit Schädlinge die Saat nicht vernichteten. Der Müller in Meißenheim hat seinen Dienst längst aufgegeben.

▸ Abends wurden die Welschkornzapfen (Maiskolben) zu Hause in der Scheune von Helfern von Laubblättern befreit und in Silos eingelagert oder an noch bestehenden Laubblättern zu Bündeln gebunden. Genauso wurden abends die Tabakblätter an Schnüre aufgefädelt. Bevor dies mit Maschinen geschah, wurde alles mit Hand angestochen. Dies war immer eine gute Gelegenheit, sich über die neuesten Ereignisse im Dorf auszutauschen und viele Helfer waren erforderlich. Die Scheunen wurden zum Ort der Begegnung und manches Paar lernte sich hier kennen.

▸ Der Wagner fertigte die Räder aus Holz und der Schmied die Eisenreifen für die landwirtschaftlichen Transportwagen. Beide bauten auch ganze landwirtschaftliche Wagen. Der Rechenmacher drechselte Handwerkszeug für Landwirte wie Rechen, Gabeln, Stiele aus Holz. Der Seiler stellte lange Hanfseile und Drahtseile für die Landwirte und insbesondere für die Schifffahrt auf dem Rhein her. In Meißenheim war ein Seilermeister am Altrhein »blaue Wolken«.

▸ Auf der Gemeinschaftswaage wurden Lasten, besonders landwirtschaftliche Erzeugnisse, gewogen.

Hans Spengler

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