Durbach. Gerade mal seit zwei Jahren im Amt, war Hans Weiner 1971 als junger Bürgermeister gleich richtig gefordert. Es stand nicht weniger als die Selbstständigkeit Durbachs auf dem Spiel. Aber Weiner hatte die richtigen Argumente parat, um die Gefahr im Keim zu ersticken. Am 13. Dezember 1971 hatte er es Schwarz auf Weiß vom Innenministerium, dass an der Eigenständigkeit Durbachs nicht gerüttelt wird.
Weiner hatte zuvor bei einer Anhörung in der Oberrheinhalle die Entfernung angeführt: »Von Offenburg nach Durbach sind es zehn Kilometer, bis zum Ortsteil Gebirg gar 15 Kilometer«, betont der 73-Jährige, der von 1969 bis 1993 die Geschicke der Gemeinde lenkte. Der schützende Rammersweierer Wald tat sein Übriges: »Es gibt keinerlei geografische Verflechtungen, Durbach liegt in einem Tal, das nicht zur Stadt Offenburg hinführt«, so Weiner. Dazu kam Durbachs besondere Stelle als Wein- und Tourismusort mit 121 Vollerwerbslandwirtschaftsbetrieben, eigener Winzergenossenschaft und leistungsstarker Gastronomie. Und nicht zu unterschätzen: »Von der Gemarkungsfläche waren wir vor der Gemeindereform größer als Offenburg«, sagt Weiner.
Begehrlichkeiten aus Offenburg konnten angesichts dieser klaren Sachlage folglich erst gar nicht richtig aufkommen. Aber als es um die Zukunft Ebersweiers ging, stand Offenburgs OB Karl Heitz sofort auf dem Plan. »Er sprach vor dem Gemeinderat und versprach alle Forderungen des Wunschkatalogs, den wir aufgestellt hatten zu erfüllen«, erinnert sich Gerhard Kirn, damaliger Gemeinderat und von 1989 bis 2004 Ortsvorsteher von Ebersweier. Zunächst seien die Meinungen durchaus geteilt gewesen, blickt der 77-Jährige zurück. »Einige meinten, die Stadt sei finanziell leistungsfähiger und wir hätten bessere Chancen«, erzählt Kirn. Andere wiederum hegten die Befürchtung, dass Ebersweier bei einem Anschluss an Offenburg mit seinen vielen Ortsteilen das letzte Rad am Wagen sein könnte. Wieder gab letztlich die topographische Lage den Ausschlag: »Von der Geographie her gehören wir einfach ins Durbachtal«, betont Kirn. Sein langjähriger Weggefährte Hans Weiner ergänzt, dass es natürlich schon vor der Gemeindereform Verbindungen zwischen den zwei Orten gegeben habe. So hätte man einen gemeinsamen Flächennutzungsplan gehabt und die Ebersweierer hätten auch schon die Leichenhalle in Durbach genutzt.
Die Abstimmung im Ebersweierer Gemeinderat fiel unter diesen Vorzeichen recht deutlich aus. Mit 5:2-Stimmen votierte das Gremium für den Anschluss an Durbach. Die Bürger hatten am 7. März 1972 mit 89,5 Prozent Ja-Stimmen ein noch deutlicheres Votum abgegeben. Und am 9. März 1972 titelte das Offenburger Tageblatt »Erste Bauernhochzeit im Kreis Offenburg«. Dank einer kräftigen Sonderzuweisung des Landes in Höhe von 965 000 Mark konnte Durbach den kompletten Ebersweierer Wunschkatalog erfüllen – von der Einsegnungshalle über den Ausbau der alten Schule bis zur Halle am Durbach.
»Natürlich gab es ein paar Schäleichene, also ganz hartgesottene Durbacher«, denkt Kirn schmunzelnd an die Anfangszeit zurück, als Ebersweier um manche Investition hart habe kämpfen müssen. Doch nicht zuletzt aufgrund der umsichtigen Amtsführung von Hans Weiner sei Ebersweier am Ende »gut gefahren«: »Er war uns immer ein fairer Partner.« Heute ziehen beide Zeitzeugen ein positives Fazit der Eingemeindung. »Es war der richtige Weg«, sagt Kirn. Und Weiner verweist auf die vielen Einrichtungen und Vereine, wo beide Orte schon richtig zusammengewachsen seien – sei es die gemeinsame Schule, die Feuerwehr, die Spielgemeinschaften der Fußballvereine, die Seelsorgegemeinschaft der Kirchen oder die Dorfhelferinnenstation.
Den Alt-Bürgermeister freut es noch immer sehr, dass er mit Ausflügen nach Rom und Berlin und vielen weiteren Aktionen das Gemeinschaftsgefühl im Gemeinderat stärken konnte. »Sogar einen eigenen Ratsherrentrunk haben wir am Ölberg zusammen angebaut«, erzählt Weiner. Aber das gehört für einen goldenen Weinort wie Durbach ja auch fast dazu.
NÄCHSTEN SAMSTAG: Was in Neuried während der Gemeindereform alles passierte.
Fakten zum Ort:
Die Eingemeindung von Ebersweier zu Durbach trat am 1. Januar 1973 in Kraft. Bürgermeister Toni Vetrano sieht das Zusammenwachsen beider Orte sehr positiv. Inzwischen sei es oft schwierig festzustellen, wer Durbacher und Ebersweierer sei. Durbach sei durch die Eingemeindung von Ebersweier in seiner Selbstständigkeit gestärkt worden. Vieles hätte man nicht erreichen können, wenn jeder vor sich hingebrutzelt hätte.
Fakten zum Ort:
▸ 3820 Einwohner (1260 in Ebersweier), 2633 Hektar Gemarkungsfläche (Ebersweier: 457,8), neun Hektar Gewerbefläche, erste Erwähnung: Durbach 1287, Ebersweier 1215 (was in zwei Jahren groß gefeiert wird).







