"Gazastreifen Weihnachten 2012« nennt die Bildhauerin Ilse Teipelke ihre Krippeninszenierung, die durch die kriegerischen Ereignisse der letzten Wochen eine ungeahnte Brisanz bekommen hat. Die Szene ist zwar längst nicht so brutal dargestellt wie die Wirklichkeit im Gazastreifen dieser Tage, bildet aber einen deutlich sichtbaren Bruch inmitten der diesjährigen Krippenausstellung: »ein Einbruch der Realität in die heile Krippenwelt«, wie es die Künstlerin formuliert.
Die Heilige Familie hat zwischen Teilstücken einer hohen Mauer, die sich bis zum Horizont durch eine wüstenartige Landschaft zieht, Schutz gesucht. Nur ein kleiner Engel fand den Weg hinein und steht still im Hintergrund. Sonst kann keiner zum Kind gelangen, weder die Hirten noch die Heiligen Drei Könige. Alle stauen sich an der Mauer, die von historischem Kriegsvolk gesichert wird, das aus römischen Soldaten und aus Kreuzrittern besteht.
Es ist Krieg im Heiligen Land, immer noch Krieg, und da sieht keiner das Wunder, das das Kind in der Krippe verkörpert, und die Friedensbotschaft verhallt ungehört.
Über diese Inszenierung stolpert man und gerät ins Grübeln. Und das ist durchaus erwünscht.
Ein Erstlingswerk
Ilse Teipelke ist in Offenburg aufgewachsen und zur Schule gegangen. Nach dem Abitur studierte sie an der Kunstakademie in Stuttgart Bildhauerei und Kunstgeschichte. Mehrere Jahre unterrichtete sie an Gymnasien, auch am Offenburger Schillergymnasium. Seit 1980 ist Teipelke freischaffende Bildhauerin. Sie arbeitet mit »gebrauchten« Dingen und Materialien, die sie in ihren Installationen und Skulpturen in einen neuen Zusammenhang stellt. Eine Weihnachtskrippe hatte sie vorher noch nie inszeniert.
Die rund 180 Figuren der Museumskrippe, die Teipelke inszeniert hat, sind etwa 230 Jahre alt. Sie stammen aus drei verschiedenen Krippen, die heute untrennbar vereint sind. Längst nicht alle wurden für die aktuelle Inszenierung verwendet. Die Soldaten, die sonst mit Schwertern und Lanzen ihre Stärke demonstrieren, hat die Künstlerin entwaffnet. Sogar die Engel, die in Barockkrippen große vergoldete Kreuze vor sich hertragen, müssen in der aktuellen Inszenierung ohne diese auskommen.
Sie haben sich unters Volk gemischt oder stehen auf den Sanddünen im Hintergrund und werfen zauberhafte Schatten.
Kind in einer Schachtel
Das Jesuskind liegt weder in der Krippe noch in den Armen seiner Mutter. Es ist in die Pappschachtel gebettet worden, in der es außerhalb der Weihnachtszeit aufbewahrt wird. Das verweist einerseits auf das alljährlich wiederkehrende Weihnachtsritual, zu dem auch das Aus- und wieder Einpacken der Krippenfiguren gehört, und andererseits auf die Armut der Flüchtlingsfamilie, die nichts als einen Pappkarton hat, um das Neugeborene hineinzulegen.
Die historischen Krippenfiguren »mit ihren vielen schönen Details, bis in die Flügelspitzen der Engel« setzt Teipelke, trotz der ungewöhnlichen Art der Präsentation, respektvoll in ihrer politischen Inszenierung ein.
Spannung erzeugt sie nicht zuletzt, indem sie Stilmittel des 21. Jahrhunderts – eine Betonmauer mit Stacheldraht oder die kaum verhüllte Technik des Unterbaus – benutzt, um spätbarocke Krippenfiguren zu inszenieren. So eine Darstellung wie diese hat es in Offenburg bisher noch nicht gegeben.
Noch bis zum 6. Januar, dem Dreikönigstag, ist diese Krippe inmitten der Krippenausstellung im Ritterhausmuseum zu sehen.
Ausstellung »Krippen und Fatschenkinder«, über 50 Exponate, bis Sonntag, 6. Januar, im Ritterhausmuseum in Offenburg; Eintritt: drei Euro (ermäßigt zwei Euro), Info: Telefon 0781/822577.







