03.01.2013

Auf den Hund gekommen

Ob Zwergpudel oder Bernhardiner – bei Nadine Watter kommen alle auf den Tisch. Ihr Werkzeug ist messerscharf, doch es fließt kein Blut: Sie geht Bello ans Fell.

Mit einem leisen Quietschen streift sich Nadine Watter die Plastikhandschuhe über. Sie ist Hundefrisörin, betreibt in Seelbach ihren eigenen Salon. Blitz-blanke Zangen und Scheren liegen bereit, jetzt fehlt nur noch der »Kunde«, dem die Zotteln gestutzt werden müssen. 
Bei Hündin Tapsi ist aber zunächst einmal Überzeugungsarbeit nötig. Wo steckt sie überhaupt? Nadine Watter geht auf die Suche. Auf dem höhenverstellbaren Frisiertisch steht Tapsi noch nicht. Auch nicht hinter der pinken Trennwand oder zwischen den vielen Stoffhunden, die im Salon liegen. Und schon gar nicht in der Badewanne, in der sie nun eigentlich shampooniert werden müsste. Vor dem Hasenstall wird Nadine Watter schließlich fündig. Gegenwehr ist zwecklos: »Komm schon, Mausi, jetzt bekommst du einen Winterschnitt.«

Als das Wasser plätschert, scheint Tapsi zu schrumpfen: Bei lauwarmen 40 Grad verwandelt sich das dicke Fell zu einer dünnen Schicht, die an der Haut des Tiers festpappt. »Man sollte Hunde am besten nur einmal im Jahr baden«, sagt Nadine Watter, »sonst verliert die Haut ihren natürlichen Schutz.« Das Vollbad mit Shampoo war der ausdrückliche Wunsch des Frauchens. »Die alte Dame möchte, dass ihre kleine Tapsi im Winter möglichst pflegeleicht ist.«

Behutsam verteilt Watter das Nerzölshampoo auf Tapsis Rücken. Es riecht nach nichts, es schäumt kaum, wirkt dafür aber rückfettend. Tapsi läuft nervös in der Wanne umher, hin und wieder ist ein leises Wimmern zu hören. »Das mögen sie alle nicht so gerne«, sagt die Hundefrisörin, bevor sie das Shampoo auswäscht. Tapsi schüttelt sich, ist bereit für die eigentliche Prozedur. Bevor das Fell runterkommt, muss der Vierbeiner erst mal trocknen. Dafür liegt auf Watters Werkzeugtisch ein spezieller Fön. Er bläst stark, wird aber nicht heiß. »Fönboxen wie im Fernsehen gibt’s bei mir nicht. Davon bekommen die Tiere nur Panik.«
Je trockener Tapsi wird, desto wohler scheint sie sich zu fühlen. Sie steht still auf dem Frisiertisch, während Watter fönt und gleichzeitig bürstet. Vor zehn Jahren hat die 34-Jährige ihren Salon eröffnet – ein Traumjob, wie sie sagt. »Ich wollte immer schon mit Tieren arbeiten. Während meines Tierheilpraktiker-Studiums habe ich zum ersten Mal Katzen geschoren und gemerkt, wie viel Spaß das macht.« Wirtschaftlich sei das Geschäft im Winter schwierig: »Die meisten lassen ihre Hunde im Oktober das letzte Mal scheren und das Fell über den Winter wachsen. In dieser Zeit habe ich dann nicht so viel zu tun.«

Striegeln, fönen, bürsten: Allmählich sieht Tapsi wieder so aus wie vor der Badewanne – nur sauberer. »So, Mausi, jetzt bist du dran«, sagt Watter, während sie eine Schere vom Tisch nimmt. Nach und nach fällt die Wolle. »Manche Kunden bestehen darauf, sie wieder mitzunehmen«, berichtet die Hundefrisörin. »Sie spinnen die Wolle und stricken Pullover daraus oder legen sie ins Auto, um Marder fernzuhalten.« Schickimicki-Frisuren gebe es bei ihr nicht. »Ich würde zum Beispiel nie einem Hund im Winter das Fell um die Nieren herum wegschneiden, nur weil das modisch ist. Was ihm schadet, mache ich nicht.«

Natürlich kennt auch Nadine Watter das Klischee ihrer Branche: exzentrische Herrchen und Frauchen, die ihrem Liebling die neueste Mode verpassen. Gefärbtes Fell, lackierte Nägel, Frisuren wie beim Schönheitswettbewerb. »So ist das hier auf dem Land aber nicht«, sagt sie. Zu Watters Kunden gehören demnach auch Rassen, von denen man es eigentlich nicht erwartet. »Zu mir kommen auch Hunde von Jägern. Und von Leuten, die selbst Frisöre sind.« Wichtig sei vor allem die Hygiene, weshalb Watter nicht nur ihre Werkzeuge sterilisiert, sondern auch Handschuhe und Schürze trägt. »Wer Flöhe hat, wird bei mir nicht geschnitten.«

Aber warum Bello überhaupt in den Salon bringen? Nadine Watter lacht. »Menschen gehen doch auch zum Frisör, obwohl sie es theoretisch selbst könnten.« Es drehe sich um Qualifikation. Wer seinem Hund mal eben selbst ein bisschen Fell abschneiden wolle, könne ihn leicht verletzten. Allein schon die Art des Fellkürzens sei wichtig: schneiden, scheren oder doch trimmen, also mit einem Werkzeug zupfen? »Wenn man das nicht beachtet«, sagt Watter, »kann man beim Fell viel kaputtmachen.«
Tapsi hat es fast geschafft. Sie hechelt, dreht den Kopf zum Fenster. Sehen kann sie jedoch nichts, weil das Glas mit Folie beklebt ist. »Sonst werden sie unruhig«, begründet Watter. Ähnlich sei es bei Hausbesuchen. Das mache sie ungern, »weil sich die Hunde in ihrem Revier ganz anders verhalten. Da kennen sie sich aus, sind aufgekratzt und toben viel mehr herum.« Tapsi dagegen steht geduldig. Inzwischen liegen überall kleine Fellknäuel, die zusammengefegt werden.

Der Frisiertisch hält bis zu 100 Kilo Gewicht aus – Bernhardiner sind also auch kein Problem. Gebissen wurde die Hundefrisörin bisher noch nie, auch wenn manche Vierbeiner so nervös sind, dass sie einen Maulkorb tragen müssen. Die 34-Jährige weiß: Bissig werden manchmal nur Herrchen und Frauchen, wenn ihnen Watter einen Tipp geben möchte. »Wenn ich merke, dass die Hunde zu dick sind, muss ich aufpassen und das behutsam anbringen. Für die Besitzer ist das schlimmer, als wenn ich sie beleidigen würde.«

Nach etwa einer Stunde ist Tapsi fertig. Nun kommt auch Watters Terrier Othello herbeigelaufen, um die frisch frisierte Hunde-Dame zu beschnuppern. Katze Hexli schnurrt um den Tisch. »Erstaunlich, wie gut das funktioniert«, staunt Watter. »Die Hunde haben ihr noch nie was getan. Sie merken sofort, dass das hier ihr Revier ist.« Auch Tapsi zeigt an der Katze kaum Interesse. Erleichtert saust sie durch den Salon – jetzt gibt’s ein Leckerli. Watter bewahrt ein ganzes Sammelsurium an Futter in ihrem Vorratsschrank auf.

Was die Pflegebehandlung kostet, hängt vom Aufwand und von der Größe des Hundes ab. Bei Tapsi sind für Baden und Frisieren 30 Euro fällig, große Rassen kosten bis zu 55 Euro. Um zu sehen, was sie dafür bekommen, schauen sich manche Besitzer das Styling bis zum Ende an. »Die meisten gehen aber einkaufen, kommen erst am Ende wieder«, erzählt Watter. »Dann sind die Hunde auch nicht so abgelenkt und wollen ständig zu Frauchen.«

application/pdf Hier finden Sie die Reportage im Zeitungslayout als pdf-Datei.
Przybilla Steve

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