04.01.2013

Römer, Ritter, Revoluzzer

Offenburger schlüpft gern in historische Uniformen – und hat sein Hobby zum Beruf gemacht
Michael Maucher (links) und Robert Schlenker haben ein sehr spezielles Hobby: In historischen Uniformen stellen sie mit zig anderen Geschichtsbegeisterten berühmte Schlachten nach. In ihren Händen halten sie selbstgemachte Feldflaschen.
Reenactment-Anhänger wie der Offenburger Michael Maucher schlüpfen in ihrer Freizeit in historische Rollen. Die Liebe zum Detail gehört zu dem Hobby dazu – doch es gibt auch Grenzen, gerade bei deutscher Geschichte.

Mal eben die Uniform überstreifen? Diesen Vorschlag weist Michael Maucher entschieden zurück. »Wenn wir das machen, dann nur, um wirklich in eine Rolle zu schlüpfen«, sagt der 53-jährige Offenburger, der sich selbst als »Hardcore-Reenactor« bezeichnet. Reenactment – so nennt man ein Hobby, das ursprünglich aus den USA nach Deutschland geschwappt ist. Dort stellen historisch interessierte Gruppen schon lange bedeutende Geschichtsereignisse nach, zum Beispiel die Schlacht von Waterloo.

Importiertes Vergnügen

Wie in den USA nehmen auch die deutschen Vertreter ihr Hobby äußerst ernst: »Uns geht es nicht darum, für andere ein Schauspiel zu liefern, sondern uns selbst mit der Materie auseinanderzusetzen«, sagt Maucher. Die Schränke und Regale seines Wohnzimmers sind gefüllt mit Soldatenmützen, Militärabzeichen, Trinkflaschen und Uniformen. »Das ist mehr als ein Spiel«, betont Maucher, der neben seinem bürgerlichen Namen auch zwei selbsternannte Armeeränge bekleidet: Sergeant der 2. Badischen Jägerkompanie 1808 und Private im 42nd Royal Highland Regiment of Foot (ein schottisches Regiment im 17./18. Jahrhundert).

Wer ins Reenactment eintaucht, schlüpft für einige Tage in eine Rolle, die mit dem modernen Alltag nichts mehr zu tun hat. Europaweit treffen sich Gleichgesinnte, um Schlachten an den Originalschauplätzen nachzustellen. Allein in diesem Jahr war Michael Maucher in Deutschland, Italien, Spanien, Belgien, Holland und Frankreich aktiv – immer gekleidet in selbstgenähte Uniformen. »Bevor wir ein Kleidungsstück herstellen, vergehen zwei bis zehn Jahre Recherchearbeit.«

Bei Maucher geht die Leidenschaft so weit, dass er sein Hobby zum Beruf gemacht hat. Als »Schuhnagel« stellt er vom Gürtel bis zum Tornister alles her, was das Reenactment-Herz begehrt.  »Als ich Ende der 70er-Jahre anfing, war es in Deutschland superschwer, an geeignete Ausrüstung zu kommen«, sagt Maucher. »Man konnte sie eigentlich nur in den USA kaufen.« Seit den 90er-Jahren betreibt er seinen Shop hauptberuflich, die meisten Kunden kaufen ihre Accessoires ganz neuzeitlich per Online-Bestellung.

Einen anderen Schwerpunkt hat sich Robert Schlenker gesetzt, der hauptberuflich als Maschinenbauer arbeitet. Er ist 49 Jahre alt, kommt aus Dauchingen bei Villingen-Schwenningen und steht dem Freundeskreis Lebendiger Geschichte vor. Auf Fotos sieht er mit seiner weißen Uniformhose, den Schulterstücken und dem breiten Hut wie Napoleon Bonaparte höchstpersönlich aus – natürlich nur für Laien. In Wahrheit verkörpert er nämlich einen Generaloberst der Badischen Armee zwischen 1786 und 1815. 

Als Vereinsvorsitzender kümmert sich Schlenker nicht nur um blank geputzte Bajonette und gut geölte Gewehre. »Die Organisation der Veranstaltungen nimmt fast 50 Prozent der Zeit ein«, sagt der Hobby-General, der seinen gesamten Urlaub dem Reenactment widmet. Ein Event will gut geplant sein: Woher kommen die Pferde? Wer trifft die Absprachen mit der Polizei? Sind alle Teilnehmer versichert? Zwar sind im Gefecht keine echten Kugeln im Einsatz – auch für Historiker gelten aktuelle Waffengesetze –, aber im Scharmützel gehören Blessuren dazu. »Jeder von uns hatte schon einmal blaue Flecken.« Bei aller Authentizität stürme man aber nicht mit gefletschten Zähnen aufeinander los. 

Spaß hat seine Grenzen

In Baden gehen rund tausend Personen dem Reenactment nach – vom Römer über den Schwarzwald-Bauern bis zum 1848er-Revoluzzer. Sie exerzieren, marschieren, campieren und kämpfen, immer versucht, der Vergangenheit möglichst nahe zu kommen. Und manchmal liegt nur ein schmaler Grat zwischen Realismus und Pietätlosigkeit. »In England spielen einige schon den Irakkrieg nach«, räumt Maucher ein. Amerikanische Gruppen hätten kein Problem damit, SS-Uniformen zu tragen – eine hässliche Facette des Reenactment, der man in Deutschland klar widerspreche. 

Doch auch an Mauchers Auto klebt ein Aufkleber mit dem Logo des deutschen Afrikakorps: ein Wehrmachtsverband, der von 1941 bis 1943 Nordafrika besetzt hielt. »Mein Interesse gilt dem Militär im Allgemeinen«, rechtfertigt sich der Reenactor. Schließlich seien auch Aufkleber der Fremdenlegion, der Kommandotruppen von Sri Lanka und der Royal Thai Marines auf dem Auto. »Ich bin ein Demokrat durch und durch«, betont Maucher und zeigt ein Foto seiner Frau Chamini – eine Sri-Lankerin.

Freundeskreis Lebendiger Geschichte; Vorsitzender: Robert Schlenker, www.f-l-g.de, E-Mail: praesident@f-l-g.org, • 06 11 / 378-967 (Geschäftsstelle Wiesbaden).

Steve Przybilla

>>> TopVideo <<<

Ortenau in 100 Sekunden - 24.5.2013

Storch.TV Willstätt

Storch.TV Offenburg

Polizeiradar
Sonderbeilage: Hannover Messe

Umfrage: Promillegrenze
Bienvenue

Anzeige
Feedback