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Kultur regional

Im Überschwang der Gefühle

Brillantes Kreuzgangkonzert mit Komponisten aus dem Zarenreich ließ in die russische Seele blicken
03. Juli 2012
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In eine Welt starker Empfindungen entführte das Kreuzgangkonzert am Samstagabend. Unter dem Motto »St. Petersburg – Im Reich des Zaren« wurde technische Brillanz und eine intensive Auseinandersetzung mit den Werken geboten.

Offenburg. Das Offenburger Streichtrio eröffnete das zweite Offenburger Kreuzgangkonzert mit Serge Tanejews spätem Streichtrio h-Moll. Es lebte aus der enormen Spannung zwischen offen zur Schau getragener Freiheit und innerer Zerbrechlichkeit, zwischen schreiendem Gefühlsausbruch und elegischer Nachdenklichkeit. Friedliche Ruhe kam nur selten auf, denn auch die einfühlsame Zartheit barg in sich immer wieder auch die schweifend suchende Ungewissheit.

Serge Tanejews Musikstil war geprägt von umfangreicher Themenarbeit, Klang- und Tempowechsel, kontrapunktischer Stimmführung und expressionistisch ausgereizten Harmoniegebilden. Frank Schilli (Violine), Rolf Schilli (Viola) und Martin Merker (Violoncello) setzten diese reich gefüllte Partitur mit Spielfreude und großem Können in packende Musik um.

Bequeme Harmonien

Das Streichquartett op. 35 von Anton Arensky, mit einem Variationssatz über ein Thema von Tschaikowsky und dem Gedächtnis dessen Todes gewidmet, schlug eine ganz neue Seite auf. Die Musik hatte wohlklingende »bequeme« Harmonien, sie beherbergte religiöse Musikthemen aus Psalm und orthodoxer Liturgie, und sie ließ auch die Zarenhymne erklingen. Dadurch, dass die Quartettbesetzung mit einem zweiten Cello ausgestattet war, erhielt die Tenorlage eine besondere Betonung, eine Cello-Melodie konnte mit dem Streichtrio begleitet werden.

Den ersten Satz zeichneten die melancholische Seele und Klangfülle aus, er ließ aber auch impulsive Entwicklungen und Geigenstrich-Rauheiten zu. Das Tschaikowsky-Thema wurde sehr gegensätzlich, zart, heiter und humorvoll bearbeitet, sodass die Trauer hinübergeführt wurde in tröstliche Empfindungen.

Der dritte Satz erinnerte an »Väterchen Russland«, so mild durchdrang das orthodoxe Klangbild das Streichquartett. Im vierten Satz umschloss ausgelassenes Tonfeuerwerk einen sehr dunklen ruhigen Abschnitt. Man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Zarenhymne in sarkastischer Weise behandelt wurde. Das Offenburger Streichtrio und der Cellist Florian Rohn legten die der Musik innewohnende Kraft frei und erreichten vor der Pause ein beeindruckendes Zwischenfinale.

Macht der Töne

Pjotr Iljitsch Tschaikowsky hat sein Streich-Sextett »Souvenir de Florence« 1890 geschrieben. Die Besucher des Kreuzgangkonzertes spürten von Anfang an, welch unbändiger Lebensstrom in diesem Sextett strömt, so sehr gaben sich Frank Schilli und James Alexander, Violinen, Rolf Schilli und Anne-Francoise Guezingar, Violen, Martin Merker und Florian Rohn, Violoncelli, in excellenter Weise der Macht der Töne hin.

Der Dreivierteltakt war nicht einfach dahinschlendender Walzer, er wurde zum Träger sowohl sehnsüchtiger Melancholie als auch unerschöpflicher Lebensenergie. Im Rhythmus sprühte Leben, die Chromatik erhöhte den Spannungsdruck, bis die Springbogen zackig tanzten, mächtige Tonsäulen den Raum bis zum Bersten füllten.

Man weiß, dass Kammermusik für Streicher die Musik auf das Wesentliche konzen-triert. An diesem Abend im zum Himmel offenen Kreuzgang konnte man dies hautnah erleben. Er zeigte: Im Zarenreich gab es eine große überzeugende, die russische Seele verkörpernde Musikkultur.

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Autor: 
Kurt Bayer

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