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Interview

Jose F. A. Oliver über die türkische Autorin Asli Erdogan

28. Februar 2017
&copy Yves G. Noir&copy dpa

Die türkische Journalistin Asil Erdogan saß über 100 Tage in der Türkei in Untersuchungshaft. Einer der Vorwürfe lautet, dass sie Mitglied einer terroristischen Vereinigung sei. Der Hausacher Lyriker José F. A. Oliver gibt im Interview eine Einschätzung der Situation.

Ganze 132 Tage saß die türkische Schriftstellerin und Journalistin Asli Erdogan (49) in Untersuchungshaft, bis sie am 29. Dezember 2016 bis zum Prozessbeginn im März entlassen wurde. Man wirft ihr unter anderem Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung – der PKK – vor. In einem Gespräch mit der »Frankfurter Allgemeinen« kurz nach ihrer Entlassung sagte Erdogan, sie sei Schriftstellerin, die Menschenrechtsverletzungen auf der ganzen Welt anprangere, politisch aktiv sei sie ebenso wenig wie Mitglied in einer politischen Vereinigung. Ihre Kolumne führen inzwischen Freunde und Kollegen fort – einer der Kolumnisten ist der Hausacher Lyriker José F. A. Oliver. Der Mittelbadischen Presse gibt Oliver eine Einschätzung der Situation.

Was ist das Besondere an Asli Erdogan, warum wird ihre Person in den Medien so herausgenommen? 
Jose F. A. Oliver: Ich halte sie für eine Autorin, die sich ihrer politischen Verantwortung bewusst ist und sich deshalb auch als sensible Journalistin an die Öffentlichkeit wendet. Das gelingt ihr auf eine sehr poetische Art und Weise, die Sprache in literarischer Qualität auslotet und pointiert. Das mag einer der Unterschiede sein. Hinzu kommt, dass sie auch international bekannt ist, weil sie mehrfach Stipendien außerhalb der Türkei hatte und damit auch andere Verbindungen, Bekanntschaften und Freundschaften entstehen konnten, die über die Türkei hinausweisen und eine konkrete Solidarität schaffen.

Wodurch unterscheidet sie sich von anderen Autoren und Journalisten, die ja ebenfalls angeklagt sind für diverse »Verbrechen«.
Oliver: Ein mich berührender Aspekt wäre noch die Tatsache, dass sie krank ist. Aber ansonsten gebe ich Ihnen Recht, sie ist eine unter hunderten von Zeitungsmenschen, die mundtot gemacht oder verhaftet, angeklagt und sogar schon verurteilt wurden. Das türkische Regime ist ruchlos machtbesessen und meuchelt dabei mit perfiden Methoden die kritische Berichterstattung. Die Erdokratur stranguliert in ungehemmter Perversion den Freitheitsanspruch des einzelnen Menschen und benutzt das Wort »Demokratie« als todbringende Travestie.

Vorgeworfen werden ihr vom Staatsanwalt Mitgliedschaft in der PKK und ihre Kolumnen, über die es aber laut Erdogan vor dem Putsch keine Beschwerden gegeben habe. Die Inhalte verstießen nicht gegen türkisches Recht. Sie hat Kritik an den Sicherheitskräften geübt und eine öffentliche Entschuldigung für den Genozid an den Armeniern ausgesprochen, was eine Hetzkampagne ausgelöst hat. Sind das die eigentlichen Gründe, die Kolumne also nur vorgeschoben?
Oliver: Die Gründe sind so undurchsichtig wie die Machenschaften des faschistoiden Staatsapparates in Ankara und am Bosporus. Es wäre erst einmal zu klären, wer genau diese sogenannte Staatsanwaltschaft ist, die sich zusehends in den Dienst eines Despoten gestellt hat und was deren Motive und Ziele charakterisieren. Insofern sind alle offiziell erhobenen Vorwürfe unter dem Deckmäntelchen von Recht und Ordnung eine einzige Farce und in keiner Hinsicht als demokratisch legitimiert zu betrachten, sondern sie spiegeln die pure, diktatorische Willkür. 

Und ihre Sicht?
Oliver: Die Staatsanwaltschaft scheint mir in der Türkei nicht mehr unabhängig zu agieren. Alles hat einem Despoten zu buckeln, dessen Machtgier keine Grenzen mehr kennt. Ganz einfach: Wer nicht für mich ist, ist gegen mich.

Erdogans Kolumne wird in der Tageszeitung Ösgürlükcü Demkrasi fortgeschrieben – wie kann das sein? Also geht es wohl doch weniger um die Inhalte als um die Person.
Oliver: Diese Folgerung  ziehe ich nicht. Es geht um die nicht mehr gewährleistete Freiheit einer Person, ihre Meinung äußern zu dürfen, weil sie es nicht mehr darf. Die Würde eines Textes hängt unmittelbar mit der Würde der Person, die ihn verfasst hat, zusammen. Das ist nicht zu trennen.

Die taz hat Erdogans Kolumnen übernommen, Sie haben dort ebenfalls eine geschrieben. Ist Ihre Kolumne auch in der Türkei erschienen?
Oliver: Ja, das ist hoffnungsgut und stärkt, weil es um eine solidarische Geste geht. Nichts ist schlimmer als zu schweigen. Es ist eine uns mögliche Form, international Widerstand zu praktizieren. Dass der Kölner Schriftsteller Gerrit Wustmann die Reihe in der taz angeregt hat, ist großartig. Die Kolumnen, nicht nur meine, sind auch auf Türkisch erschienen. Bis das Online-Portal gesperrt wurde. 

Worum ging es in Ihrer Kolumne?
Oliver: Um die Freiheit des Denkens und des Sagens. Um kritische Beteiligung am gesellschaftlichen und politischen Leben. Um Fantasie und Widerstand. Um Hoffnung. Um die Würde des Lebens. 

Warum haben Sie sich an der Aktion beteiligt und warum mit diesem Inhalt?  
Oliver: Ich wurde von Gerrit Wustmann angefragt, wie eine Reihe anderer Schriftstellerinnen und Schriftsteller auch. Der Bitte bin ich gerne nachgekommen und habe versucht, einen Text zu entwerfen, der menschlich Kraft schenkt und perspektivisch ist. In der Überzeugung, dass die Gedanken frei sind – wie es in einem unserer bekanntesten Volkslieder heißt.

Als Journalistin schreibt Erdogan über Tatsachen – Zustand in den Gefängnissen, Frauenrechte, Gleichberechtigung. 
Olvier: Ihre Kolumnen tragen nicht minder poetische Züge wie ihre Romane und reichen uns kompromisslose Sätze, um den Staatsverbrechen, die im Augenblick in der Türkei Menschen einsperren, foltern und morden, ein Forum zu geben. Sie schreibt gegen das Verschweigen dieser Barbarei und gegen das Schweigen an.

Wie haben Sie die Romanautorin Erdogan erlebt?
Oliver: Als Romanautorin ist sie eine Stimme der heutigen türkischsprachigen Literatur, die sich ihren Figuren poetisch-surreal und analytisch-nüchtern zugleich nähert. Das ist ihre Stärke und das ist das Herausfordernde für ihre Leserinnen und Leser und schenkt ungewöhnliche Perspektiven, wo es letzten Endes auch immer um die sinnentleerte Einsamkeit heutiger Menschen geht. Ich denke ganz besonders an ihren Roman »Die Stadt mit der roten Pelerine«. Ein harter, aufwühlender Roman, der in Brasilien spielt und in dem es um eine junge Türkin geht, die dort lebt.

Nach ihrer vorübergehenden Entlassung hat Erdogan gesagt, sie möchte am liebsten die Türkei verlassen – allerdings hat sie ein Ausreiseverbot. Sie ist ja nicht zum ersten Mal geflohen. 
Oliver: Ich verstehe, dass sie die Türkei verlassen möchte, weil sie das Land verlassen muss, um in jeder Hinsicht zu überleben, auch wenn sie den Preis für ein mögliches Exil (noch) nicht abschätzen kann. Aber wer könnte das schon? Ich wollte auch nicht in der Türkei leben und der menschenverachtenden  Herrschersucht eines kranken Tyrannen und seiner »Daumen« ausgeliefert sein.

Es ist nachvollziehbar, ja; doch kann sie außerhalb des Landes noch ihre kritischen Themen schreiben? 
Oliver: In der Türkei wird wahrscheinlich bald gar keine Literatur mehr möglich sein, die sich der gesellschaftlichen Wirklichkeit stellt. Es sei denn im Untergrund. Oder im Exil.

Doch sie sagt, außerhalb der Türkei habe sie wegen der Sprache keine Chance zu schreiben. Doch andere Exilautoren sind auch nicht sprachlos geworden.
Olvier: Ich glaube nicht, dass Sie verstummen wird. Und ich weiß, dass sie beispielsweise die solidarischen Kolumnen im türkischen Inland und im Ausland wahrgenommen hat – und wahrnimmt. Auch als Kraft in der Not.

Autor:
Jutta Hagedorn

Info

Die Autoren

Die mehrfach preisgekrönte Autorin Asli Erdogan ist zu einer Symbolfigur für die Willkür des türkischen Staates nach dem Putschversuch im Juli 2016 geworden. Gefährdet war sie allerdings schon seit den 90er-Jahren, war deswegen auch mehrmals ins Ausland geflohen. Jetzt wird ihr Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, der PKK, und Volksverhetzung vorgeworfen. Ihr droht lebenslange Haft. 

Der Hausacher Lyriker José F. A. Oliver war 2013 Stadtschreiber in Instanbul, kennt daher auch Land und Kultur, was er in seinem Band »21 Gedichte aus Istanbul, 4 Briefe & 10 Foto:worte« festgehalten hat. 

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