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Tim Otto Roth

Was Physik und Kunst gemeinsam haben

Künstler freut sich über den Erfolg seiner Installation »Heaven’s Carousel«
23. Juli 2015
&copy Peter Heck&copy Tim Otto Roth

Tim Otto Roth hat mit seiner Installation »Heaven’s Carousel« in Karlsruhe für Aufsehen gesorgt. Bei den Besuchern kommt sie gut an, sagt der Künstler im Gespräch mit der Mittelbadischen Presse und erzählt, wie es zu diesem spektakulären Werk kam.

»Ich bin ein künstlerischer Spätzünder«, gesteht Tim Otto Roth im Gespräch mit der Mittelbadischen Presse und schmunzelt. Der gebürtige Oppenauer, der am Bahnhof seiner Heimatstadt sein Atelier hat, studierte nämlich zunächst einmal Philosophie und Politik. Etwas Künstlerisches hätte ihm schon gefallen, aber an Bildende Kunst habe er gar nicht gedacht, erzählt er. Später schrieb er sich an der Kunsthochschule in Kassel ein. Promoviert hat er dann auch noch. Eines seiner Themen: Die Theorie der visuellen Kommunikation. Und da kommt man ihm schon ziemlich gut auf die Spur.

Tim Otto Roth strahlt Begeisterung aus für das, was er tut und denkt. Und derzeit ist er richtig glücklich mit dem Erfolg seines »Heaven’s Carousel«, das er auf Einladung der Stadt und im Rahmen der »Globale« des ZKM zum 300. Geburtstag von Karlsruhe zeigt.

Haben ihm die Philosophie und die Politik geholfen? »Ich bin ein sehr politischer Mensch und auch politisch aktiv«, sagt Roth, »Polit-Kunst« mache er allerdings nicht. Die Philosophie habe ihn gelehrt, präzise Fragen zu stellen und sich ein präzises methodisches Repertoire zuzulegen: »Kunst ist immer theoretisch.«

Mit seiner Kunst möchte er etwas anstoßen, Resonanzen erzeugen. Das ist nun doppeldeutig. Bei »Heaven’s Carousel« kann man das sehen. Denn Roth ist von der Physik inspiriert. Weswegen er die Abkopplung der Naturwissenschaften von der Kunst gar nicht versteht und Brücken baut zwischen den Disziplinen. Immerhin, meint er, untersuche doch die Physik viele Phänomene der Kunst wie Licht, Farbe – oder Raum.

Raum ist sein Stichwort. Es zieht sich wie ein roter Faden durch seine Arbeiten. Der Raum, und wie er sich darstellt, wie man ihn erfassen kann. Man könnte auch sagen, das Körperliche, das aus dem Flächigen entsteht. Technik, (Astro-)Physik, Mathematik, Molekular- und Neurobiologie – nichts ist Roth zu exotisch. Hier findet er seine Inspiration. Das alles sieht er als »ästhetische Herausforderung« für die Künste. Gute Ingenieurskunst schaffe Synthesen, bringe doch etwas Neues hervor, bemerkt er. Der bedient er sich und hasst es, in Rechtfertigungszwang zu geraten, wenn er Technologien mit künstlerischen Mitteln in einen neuen Kontext stellt.

Angeregt wurde Tim Roth durch die Fotografie. Von Man Ray unter anderem, der sich von der Naturwissenschaft ab- und dem Pop zugewandt habe. Das Kino ist für Roth »die große Kunst des 20. Jahrhunderts« – werde aber als Kunst abgelehnt. Weil sie Maschinenkunst sei und kollaborativ dazu. Ähnliches gelte für Video und Fotografie, dabei habe sich in Deutschland die »Konzeptfotografie« entwickelt. Wichtig sei aber trotz allem eine »emotionale Andockmöglichkeit«, das Sinnliche, das Ästhetische.

Die häufige Frage an Künstler »Was soll das denn?« habe er selten gehört, aber das liege vielleicht an der Ästhetik seiner Werke und daran, dass der Betrachter Dinge durch seine Erfahrung bearbeite und reflektiere. Roth fordert daher auch eine »Schule des Sehens und Hörens« und meint, dass wir heute »einen reflektorischen Umgang mit der medialisierten Welt« brauchen.

Und die Finanzierung? Niemand stellt sich sein »Heaven’s Carousel« in den Vorgarten. Das vielleicht nicht, meint der Künstler schmunzelnd, aber er sei durchaus schon dabei, kleine Versionen zu entwickeln. Mäzenatentum stellt für Roth kein Problem dar, zumal er sich zumindest derzeit als »Staatskünstler« betrachtet. Er werde vom Staat finanziert – sprich von staatlichen Forschungseinrichtungen wie der Max-Planck-Gesellschaft, der TU Dresden oder dem KIT Karlsruhe, der ESA und Nasa oder anderen Einrichtungen in den USA. Kunst sei schließlich auch eine Form von Experimentierlabor, meint er.  Zusammen mit Esa und Nasa hat er bereits ein Hubble-Projekt erarbeitet.

»From a distant past« hieß es und beschrieb »Farben der entferntesten Objekte im Universum«.Es ging um Astro-Physik und ästhetische Dimensionen, um das Spektrum Farbe und die Kunst der exakten Beschreibung von Farbe. Seit zehn Jahren mache er solche Projekte, habe dafür auch unter anderen den Preis des ZKM erhalten. Sein »Heaven’s Carousel« wurde vor Karlsruhe in Baltimore und an der New Yorker Wallstreet gezeigt. »Spektakulär« sei das gewesen. Er habe mit künstlerischen Mitteln auf den Paradigmenwechsel auf der Hubble-Konferenz in Rom reagiert: Der Erkenntnis, dass das Universum schneller auseinanderfliegt als angenommen.

»Heaven’s Carousel« habe eine »psychedelische Wirkung«, freut sich Roth. Für die Installation nutzte er in einer »additiven Synthese« Sinustöne, also die einfachste Tonform – »keine Klänge«, betont er. Die Töne werden im Raum kreiert und über 36 Lautsprecher hörbar gemacht, so dass sie sich bei der Bewegung im Raum immer wieder neu mischen: »Ein außergewöhnliches Sinnenerlebnis«.

Bei einer Aktion »Kunst am Bau« in Dresden habe er sie wieder genutzt – allerdings fixiert. Die Idee mit den Lautsprechern hat Roth bereits 2012 beim »Klangroom« im ZKM entwickelt. »Die versteht jeder«, sagt Roth über seine Installation. Man höre und sehe, erlebe je nach Position die Effekte unmittelbar, auch wenn es gegen »westlich etablierte Skalen« gehe, gegen Harmonievorstellungen.

Roth geht es um die Sensibilisierung für Kunst im weitesten Sinne. Was Flexibilität von den klassischen Kulturinstitutionen verlange. Das ZKM etwa breche solche überkommenen Strukturen auf. Nach etlichen Veröffentlichungen hat Roth nun auch seine erste Monografie fertig: die Kulturgeschichte der Schattenbilder.

Autor:
Jutta Hagedorn

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