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Rheinau-Diersheim

Modernes Gerät findet 2000 Jahre alte Metalle in Diersheim

Geomagnetische Kartierung des Diersheimer Gräberfeldes lässt einige »fette Fundstücke« erhoffen / Es handelt sich um die ältesten Gräber aus vorrömischer Zeit im Südwesten
21. April 2017
&copy Ellen Matzat

Die vier Hektar große Grabungsstätte östlich von Diersheim ist nun geometrisch kartiert. Ein Gradiometer mit zehn Sonden, das aussieht wie ein landwirtschaftliches Gerät, fünf Meter breit, misst das Erdmagnetfeld. Manche Stellen lassen interessante Funde vermuten, die 2000 Jahre alt sind.

»Oh, da sind ein paar fette Dinger drin«, freute sich am Donnerstag Archäologe Johann Schrempp von der Abteilung für provinzialrömische Archäologie an der Uni Freiburg. Mit Geophysiker Harald von der Osten und Johannes Lauber vom Landesamt für Denkmalpflege in Esslingen, zuständig für Inventarisation, sowie mit Andreas Karcher, ehrenamtlicher Archäologiebeauftragter aus Helmlingen, studiert er den sofort einsehbaren Plan der Geomagnetik auf dem Diersheimer Feld. 

Das GPS-System kann die Funde bis auf wenige Zentimeter genau bestimmen. »Es wird alles gemessen, was magnetischer als die Umgebung ist, das können auch Feuerstellen, Mauerreste oder gefüllte Gräben sein«, erklärte von der Osten.

Mit der neuen Technik hatte er in rund zwei Stunden alles abgesucht: »Das Gerät haben wir seit drei Jahren, es ist einmalig in Baden-Württemberg.« Früher hätte man von Hand für dieselbe Fläche drei Tage gebraucht und auch die Auswertung war mühseliger. Die potentiellen Flächen sollen in Absprache mit dem Landwirt beim Ansäen ausgespart werden. Grundstücksbesitzerin Helga Grampp-Weiß ist Chefin des Vereins für Heimatgeschichte Diersheim und  an den Grabungen sehr interessiert. 

So alt wie nirgends

Die provinzialrömische Archäologie befasst sich vornehmlich mit Hinterlassenschaften der Römer außerhalb Italiens. Gerade der Übergang vom Urgeschichtlichen zum Provinzialrömischen ist beim Gräberfeld in Diersheim sehr interessant. Es ist eine der wenigen Stellen im Land, an dem eine vorrömerzeitliche Besiedlung überhaupt nachgewiesen werden kann und beherbergt wohl die bisher ältesten Gräber aus der vorrömischen Zeit in Südwestdeutschland.

Bis etwa 70 vor Christus war Südwestdeutschland stark besiedelt, dann brechen so ziemlich alle Siedlungen ab, erklärt Archäologe Schrempp, es gebe eine Siedlungslücke von 100 bis 150 Jahren: »Da wüssten wir gerne mehr.« Zu Beginn des 1. Jahrhunderts nach Christus fänden sich am rechten nördlichen Oberrhein Gruppen, Oberrheingermanen von den Forschern genannt.

Rund 2000 Jahre alte Diersheimer Gräber

Die rund 2000 Jahre alten Diersheim-Gräber stammen aus der tiberischen Zeitstellung, also 20 bis 30 nach Christus. »Noch aus der Lebenszeit Jesu«, veranschaulichte Andreas Karcher

Im Offenburger Rittermuseum, in Freiburg und Esslingen liegt schon metallisches Diersheimer Grabinventar aus, konserviert wurde es in der Restaurierungswerkstatt in Esslingen. Keramik- und Knochenfunde sollen an der Uni Freiburg wissenschaftlich aufgearbeitet werden. 

Kulturell seien die in Diersheim Bestatteten dem elbger­manischen Raum zuzuordnen, also dem Gebiet zwischen Hamburg und Tschechien. »Intensiv beschäftigen wir uns mit den Fragen, wie und weshalb sie hierherkamen«, erklärt Schrempp. Vielleicht wurden die Elbgermanen aus Rom gezielt als eine Art Grenzsoldaten angeworben, um hier den Rhein, also die Reichsgrenze, zu sichern.

Sehr viele Waffen

Interessant sei auch, dass sich die Siedlungsgruppen von Groß-Gerau bis Diersheim durch Beigaben in den Gräbern und kulturelle Bezüge unterscheiden. Es gebe unglaublich viele Schwerter, Lanzenspitzen, Schilde, Messer, Äxte, Pfeilspitzen. Die Waffen deuten auf den vermuteten Grenzdienst hin. 

16 Gräber wurden in Diersheim seit 2015 gefunden. Auch der Pflug brachte Grabreste hervor. »Wir gehen davon aus, dass dieses Gräberfeld mit mindestens 200 Metern Länge recht groß war und hier 200 bis 400 Bestattungen stattgefunden haben«, mutmaßt Schrempp. Der Pflug habe manches zerstört. Wie viel noch übrig ist, müsse man jetzt herausfinden. Im nördlichen Bereich des Feldes habe es sehr schlecht ausgesehen.

Die exakten Ausdehnungen des Gräberfeldes sind noch nicht bekannt, es liegt auf einer inselartigen Erhebung im niederen Auenbereich direkt an einem Altwasserlauf, den man noch am Reiherstieggraben als Entwässerungslauf erkennt. Die Gräber waren immer hochwasserfrei, was der lößbedeckte Boden zeige. 

Grabungen im Sommer

»Jetzt hoffen wir dieses Jahr auf eine gute dritte Kampagne, die maßgeblich vom Amt für Denkmalpflege finanziert wird«, freut sich Schrempp. Nun werde gegraben, denn bis in 15 Jahren sei wohl nicht mehr viel übrig. Maisanbau mit Mineraldüngung sei nicht gut für die Gräber. Sie liegen etwa 30 Zentimeter unter der Ackerkrume. Durch Erosion fehlt im Vergleich zu vor 2000 Jahren schätzungsweise ein halber Meter. Die nächsten Grabungen sollen im August/September stattfinden.

Autor:
Ellen Matzat

Hintergrund

Zufallsfund

Andreas Karcher entdeckte 2013 zufällig bei einer Begehung per Metallsonde Bronzefunde aus vorrömischer Zeit. Daraufhin fanden die Grabungen 2015 und 2016 statt. Eigentlich hatte Karcher Überreste aus Napoleons unnötiger »Schlacht um Diersheim« gesucht, die Diersheim sogar einen Platz im Arc de Triomphe in Paris beschert.em

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