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Oberkirch/Haverfordwest

Oberkirchs Partnerstadt und der Brexit

Referendum über EU-Verbleib von Großbritannien ist kein großes Thema in Haverfordwest
20. Juni 2016
&copy Kay Wagner&copy privat&copy privat

Austritt aus der EU? Auch in Oberkirchs walisischer Partnerstadt Haverfordwest können die Bürger  in wenigen Tagen darüber abstimmen. Lokale Belange scheinen bei der Entscheidung kaum eine  Rolle zu spielen. Auch nicht die Verbindung zum Renchtal.

Hitzige Debatten im Gemeinderat, öffentliche Veranstaltungen der Pro- und Contra-Parteien, mit Plakaten zugekleisterte Straßen, um unentschiedene Wähler zu überzeugen? All das  Fehlanzeige in Haverfordwest, Oberkirchs walisischer Partnerstadt, kurz vor der Volksbefragung zum  Verbleib von Großbritannien in der EU. »Wir haben ein paar lächerliche Flugblätter mit der Post  bekommen«, erzählt Peter Kay, ehemaliger Fachschaftsleiter für Deutsch an der Sir Thomas Picton School in Haverfordwest, Partnerschule der Oberkircher Realschule. Aber sonst: nichts.  Gesprächsthema sei die Brexit-Frage ebenfalls nicht. Zumindest nicht in seinem Freundeskreis. 

Diese Beobachtungen teilen auch andere. Wahlfieber oder lokale Begeisterung für das Brexit-Thema finden in Haverfordwest nicht statt.

Zumindest nicht sichtbar. Auch deshalb sei wohl damit zu rechnen, dass die Beteiligung an der Volksbefragung dem gleichen Schema folge, wie bei normalen Wahlen, sagt Gemeinderat Peter Lewis. Nämlich: Mehr als die Hälfte der Bürger würde ihre Stimme überhaupt nicht abgeben.

»Haverfordwest ist eine kleine Stadt, ziemlich abseits des  britischen Mainstreams und voll mit Leuten, die das Vertrauen in Politiker verloren haben«, sagt Lewis. Das Verhalten in der Brexit-Frage habe die Meinung über diese Politiker kaum geändert. Denn keine der Seiten habe mit Argumenten überzeugen können. »Und beiderseits wird natürlich  behauptet, die andere Seite lüge nach Strich und Faden«, berichtet Kay vom Ton in der  landesweiten Debatte.

Stärker bei Verbleib

Das habe allerdings auch mit den Themen zu tun, die diskutiert worden seien. Wirtschaftliche Entwicklung, Einwanderungsbeschränkungen, Selbstbestimmung oder  Kompromisse mit der EU – das seien »leider auch die Gebiete, wo Tatsachen schwer zu finden sind«, sagt Kay. Von Lokalpolitikern sei das Thema Brexit nicht aufgegriffen worden. Die seien an solchen Fragen wie EU nicht interessiert. 

Ganz so negativ sieht es Samuel Kurtz, Journalist bei Haverfordwests Lokalzeitung Western Telegraph, nicht. »Unser lokaler Abgeordneter im britischen Parlament, Stephen Crabb, ein Konservativer, hat gesagt, er glaube, dass Großbritannien stärker sei, wenn das Land in der EU bleibe, und wirtschaftlich darunter leiden werde, wenn es zum Brexit käme«, sagt Kurtz. Also ein klares Bekenntnis für die EU von Haverfordwests Stimme im britischen Parlament.

Auf die Bürger der Stadt scheint das nicht abgefärbt zu haben. Das mag an der grundsätzlichen Zerstrittenheit der Konservativen bei der Brexit-Frage liegen.
Die Partei von Premierminister David Cameron bekommt seit gut zehn Jahren regelmäßig die meisten  Stimmen bei Wahlen in Haverfordwest – beziehungsweise dem Wahlbezirk, zu dem die gut 12 000 Einwohner  zählende Stadt gehört. Bei den britischen Parlamentswahlen im Mai 2015 erreichten die Tories gut 40 Prozent der Wählerstimmen, gefolgt von der Labour Party (Arbeiterpartei) mit 28 Prozent, die  klar gegen den Brexit ist, und der EU-skeptischen UKIP mit gut zehn Prozent. Letztere war die einzige der drei Parteien, die Wähler hinzugewinnen konnte. 

Keine Rückschlüsse

Doch auch diese Stimmverteilung lässt  keine Rückschlüsse auf das eventuelle Wahlverhalten am Flüsschen Cleddau zu. »Nach meinen Beobachtungen wird die Meinung für den Austritt immer stärker«, sagt Dorette Stephens.

Sie glaubt, dass die Leute in Wales vergessen hätten, wie arm ihr Land in den 60er-Jahren war. »Und wenn ich sie daran erinnere, sind sie beleidigt«, sagt die gebürtige Deutsche, die 1970 einen Waliser geheiratet hatte und als Deutschlehrerin in Haverfordwest unterrichtete.

Eine andere Prognose wagt Lewis: »Ich glaube, dass eine größere Mehrheit für den Verbleib in der  EU stimmen wird, als die Umfragen vorgeben«, sagt er. Journalist Kurtz will sich nicht festlegen. »Es  ist unmöglich, das Ergebnis vorauszusagen«, meint er. Ähnlich sieht es Kay: »Keiner kann wissen, wie die Mehrheit denkt.« Die katastrophalen Meinungsumfragen vor den letzten Parlamentswahlen hätten das bewiesen.

Und die Partnerschaft zu Oberkirch? Auch die spielt in der Brexit-Debatte von Haverfordwest – sofern es sie gibt – keine Rolle. Aus einem einfachen Grund, wie Lehrer Kay es ausdrückt: »Eine Mitgliedschaft in der EU hat nichts mit unseren Beziehungen zu Oberkirch zu tun.«

Autor:
Kay Wagner

Hintergrund

»Für Partnerschaft würde sich nicht viel ändern«

Welche Bedeutung hätte der Brexit für die Städtepartnerschaft mit Oberkirch? »Für die Partnerschaft würde sich nicht viel ändern«, sagt  Hermann Brüstle, Leiter der Stabsstelle Zentrale Steuerung bei der Stadt Oberkirch.

 Herr Brüstle, wie steht die Stadt Oberkirch zum Thema Brexit?

Hermann Brüstle: Als Stadt mit europäischem Profil und als bekennende Europäer würden wir ein Ausscheiden der Briten aus der Europäischen Union sehr bedauern. Ein Nein hätte wohl weitreichende Konsequenzen. Wirtschaftlich, politisch und schlimmstenfalls auch für den  territorialen Zusammenhalt von Großbritannien und der EU. In einer Zeit der europäischen Krisen, mit einem Mangel an Solidarität zwischen den Mitgliedstaaten, käme ein Brexit einer weiteren Schwächung des Zusammenhalts gleich.

Hat es über dieses Thema Gespräche mit Vertretern von Haverfordwest gegeben?

Brüstle: Wegen des Brexits gab es keine Kontakte und Gespräche mit unserer Partnerstadt. Die Partnerschaft mit Haverfordwest hat eine gute Basis, sowohl in Haverfordwest als auch in Oberkirch, die unabhängig von irgendwelchen wirtschaftlichen oder politischen Zusammenhängen sehr aktiv ist.

 Was würde ein Brexit für die Städtepartnerschaft bedeuten?

Brüstle: Für die Städtepartnerschaft würde sich grundsätzlich nicht viel ändern. Die menschlichen Beziehungen und Freundschaften gäbe es auch weiterhin. Der Austausch wie bisher geht weiter und steht natürlich auch bei einem Brexit auf fruchtbarem Boden.

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