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Sasbach

Weitwurf mit Granaten-Attrappen

In der DDR wurde der militärische Schutz der Heimat von klein auf indoktriniert / Zeitzeuge an Lender
30. Mai 2015
&copy Roland Spether

Gebannt, aber auch leicht irritiert verfolgten die Neuntklässler Heimschule Lender kurz vor den Ferien den Ausführungen des Zeitzeugen und Stasi-Opfers Mario Röllig über die Beispiele frühkindlicher Erziehung in der ehemaligen DDR, die schon von klein auf ein Ziel verfolgte: den Schutz der Heimat.

»Wir lernten schon im Kindergarten mit Gummisoldaten und Plastikpanzern Krieg spielen.« Dies zog sich weiter durch die Schule bis in die Berufswelt hinein, denn letztlich ging es darum, die Menschen zu einem »funktionierenden Zahnrad der Diktatur« zu machen und die Deutsche Demokratische Republik (DDR) mit einem »antifaschistischen Schutzwall« vor Imperialisten und Kapitalisten zu schützen.
Stasi-Opfer Mario Röllig erzählte an der Lender: »Wir haben in der Schule mehr Soldaten und Panzer gezählt als Äpfel und Birnen, wir haben die Reichweite von Geschossen berechnet und im Sportunterricht gab es Weitwurf mit Attrappen von Handgranaten.«
Schulleiter Lutz Großmann begrüßte Mario Röllig, der 1967 in Ost-Berlin geboren wurde und 20 Jahre später versuchte, über Ungarn weiter in den Westen zu fliehen. Doch er wurde von der ungarischen Grenzpolizei verhaftet und nach einer Woche Gefängnis dem DDR-Staatssicherheitsdienst übergeben.
Er kam ins Stasi-Gefängnis nach Berlin-Hohenschönhausen, wo man ihm den »Versuch des ungesetzlichen Grenzübertritts« vorhielt. Nach drei Monaten wurde er aufgrund einer Amnestie aus der Untersuchungshaft entlassen, am 8. Oktober 1987 wurde das Verfahren gegen ihn mit der Auflage »drei Jahre Bewährung« eingestellt. Er stellte einen Ausreiseantrag, da auch nach seiner Entlassung die Repressalien der Stasi nicht aufhörten. Nach einem Protestbrief an Staatschef Erich Honecker wurde er am 8. März 1988 aus der DDR ausgebürgert.
»Jeder Tag in dieser Diktatur war für mich verschenkt, ich wollte im freien Westen ein neues Leben führen.« Deutsch-deutsche Geschichte aus einer für sie fernen Zeit war für die Neuntklässler zum Greifen nah, als sie den ehemaligen DDR-Bürger erlebten, der zum Staatsfeind erklärt, bespitzelt, schikaniert und eingesperrt wurde und der trotz allem keinen Hass gegen dieses Unrechtssystem hegt.
Information als Waffe
Vielmehr ist ihm wichtig, und dies hat er den Lenderschülern zu ihrer Berlinreise deutlich gemacht, dass Aufklärung und Information der beste Angriff gegen jedwede Form von Totalitarismus und Unterdrückung ist. Heute führt Mario Röllig Besucher durch die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen und damit durch jenes Stasi-Gefängnis, in dem er als Republikflüchtiger eingebuchtet worden war.
Aufmerksam verfolgten die Schüler die Ausführungen über das angepasste »Leben vor der Wohnungstür« in der DDR und das kritische und nach Westen orientierte »Leben hinter der Wohnungstür«. Wer diesen Spagat beherrschte, konnte sich relativ gut zurechtfinden. Wer aber etwa als Schüler Kritik äußerte oder sich Wehrlagern in den Ferien verweigerte, musste mit dem System rechnen.
Dies verdeutlichte er an einem sozialistischen Lehrsatz aus dem Biologieunterricht: »Die Evolution, die Entwicklung vom Urmenschen, endet in der höchst entwickelten sozialistischen Persönlichkeit, die es nur in der Sowjetunion, aber auch in den Bruderstaaten und der DDR gibt.« Auf seine Frage, wie es denn um seine Tante in Nordrhein-Westfalen bestellt sei, bekam er vom Lehrer die Antwort: »Deine Tante gehört zum schlechter entwickelten kapitalistischen System.«
Druck nach dem Outen
Seinen »sozialistischen Alptraum« erlebte er, als er sich als homosexuell outete und mit 17 eine Beziehung mit einem Westberliner Politiker einging. Stasi-Mitarbeiter versuchten ihn als Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) anzuwerben. Weil er es ablehnte, Menschen zu bespitzeln, wurde er massiv unter Druck gesetzt. Es folgte seine berufliche Degradierung zum Abwäscher mit ständiger Überwachung – und letztlich sein Wunsch zu fliehen.

Autor:
Roland Spether

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