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Kehl

Die komplette Neujahrsrede von OB Toni Vetrano im Wortlaut

10. Januar 2017
&copy Rolf Hoffmann

Die Tram kommt – das war ein zentrales Thema von Kehls Oberbürgermeister Toni Vetrano am Montagabend im Neujahrsempfang in der Kehler Stadthalle. Nach 17 Jahren Planung rollt die Tram in diesem Jahr erstmals von Straßburg bis an den Kehler Bahnhof. Hier ist Vetranos Rede im Wortlaut.

Ich begrüße Sie recht herzlich zum Neujahrsempfang der Stadt Kehl und freue mich sehr, dass wir heute einen besonderen Gast unter uns haben: seine königliche Hoheit Bernhard Prinz von Baden, der nachher zu uns sprechen wird.

Musikalisch eröffnet wurde der heutige Abend von der Stadtkapelle Harmonie Sundheim mit ihrer Dirigentin Caroline Hornung.

Im Namen des Gemeinderates, der Ortschaftsräte, der Ortsvorsteher, der Stadtverwaltung und persönlich wünsche ich Ihnen ein gutes und vor allem friedvolles neues Jahr. Bleiben Sie gesund und denken Sie daran, in der Hektik des Alltags auch zwischendurch innezuhalten und auf sich selber zu achten.

Prognosen darüber, was das neue Jahr bringen wird, sind in der Regel mindestens unpräzise, häufig sogar unzutreffend – das mussten wir gerade 2016 auf der weltpolitischen Bühne mehrfach erleben. Ein Ereignis, da bin ich mir ganz sicher, wird Kehl 2017 indes auf jeden Fall prägen und verändern: Die Tram kommt! Und dieses besondere Ereignis möchten wir – das kann ich jetzt schon ankündigen – mit Ihnen gemeinsam am Wochenende des 29./30. Aprils ausgiebig feiern.

Die Tram kommt. Endlich, könnte man hinzufügen: Siebeneinhalb Jahre lang haben wir gemeinsam mit unseren Straßburger Partnern an diesem ehrgeizigen grenzüberschreitenden Projekt gearbeitet – im November 2009 wurde die erste Kooperationsvereinbarung über die Vorentwurfsplanung unterzeichnet. Der Gedanke, Kehl in das Straßburger Tramnetz einzubinden, ist indes um Jahre älter: Bereits im Zusammenhang mit dem landschaftsplanerischen Wettbewerb für die grenzüberschreitende Gartenschau 1999/2000 gab es die ersten Überlegungen und eine entsprechende Machbarkeitsstudie darüber, wie die Tram über den Rhein geführt werden könnte. Übrigens wurde schon damals aufgezeigt, dass die Tram weder über die Europa- noch über die Eisenbahnbrücke fahren kann und damit ein eigenes Brückenbauwerk benötigt.

Dass es mit dem Bau so lange gedauert hat – dafür gibt es viele Gründe: die wenigsten sind technischer Natur, die meisten sind politischen Ursprungs. Wahlausgänge haben ebenso eine Rolle gespielt wie eine Ungenauigkeit in der Übersetzung in einem deutsch-französischen Abkommen, das von den Regierungen für den Bau der Passerelle geschlossen worden war. Auf beiden Rheinseiten galt es den Kampf um staatliche Zuschüsse zu gewinnen und die unterschiedlichen Genehmigungsverfahren zu einem positiven Ende zu bringen.

Keine Sorge, ich werde jetzt nicht vor Ihnen ausbreiten, was in all diesen Jahren geschehen ist und welche Hindernisse wir zu überwinden hatten – das würde den Rahmen des heutigen Abends bei weitem sprengen. Wir haben für Sie in der Jahresschrift – auch nicht alles – aber doch vieles aufgeschrieben; Sie dürfen das druckfrische Heft gerne draußen im Foyer mitnehmen.

Die zentrale Botschaft für 2017 lautet: Die Tram kommt. Und wir freuen uns darauf. Die Tram wird vieles leichter machen: Wir können staufrei und umweltfreundlich nach Straßburg fahren – unsere Nachbarn können genauso unkompliziert zu uns kommen. Wir können in Straßburg in die Oper gehen und anschließend noch ein Glas Wein trinken und die Tram bringt uns immer noch nach Kehl zurück.

Wir haben das Glück, dass wir an die erste Straßburger Tramlinie angebunden werden. Die erste Linie ist in diesem Fall durchaus doppeldeutig zu verstehen: Tatsächlich war die Linie A, auf der die Linie D ebenfalls fährt, die erste Tramlinie, die im November 1994 in Betrieb genommen wurde. Als erste Linie wurde sie natürlich mitten durch das Stadtzentrum gebaut, um möglichst vielen Menschen die Möglichkeit zu bieten, die Tram zu nutzen.

Das bedeutet, dass Sie vom Kehler Bahnhof aus direkt und ohne Umstieg quasi die 1A-Lagen in Straßburg erreichen können: Sie können mitten ins Zentrum zur Grand’Rue fahren, zum Kleber-Platz, zum Straßburger Bahnhof mit TGV-Anbindung nach Paris – inzwischen sind Sie in weniger als einer Stunde und 50 Minuten dort –, Sie können weiterfahren zur ganzjährig geöffneten Straßburger Eishalle, zum neuen Skaterpark, zur 12 000 Besucher fassenden Veranstaltungshalle Zénith, in der internationale Stars auftreten. Mit einem Umstieg gelangen Sie in die Straßburger Oper, ins Europa-Viertel, in die Orangerie oder in das ganzjährig geöffnete Freibad im Stadtteil Wacken.

Die Tram wird das Lebensgefühl in Kehl verändern. Wir werden noch enger mit Straßburg zusammenwachsen. Wir werden, wenn wir in die Tram steigen, kaum noch wahrnehmen, dass wir über eine Grenze fahren. Und ich bin mir sicher: Schon in einem oder in zwei Jahren werden wir uns fragen, wie wir eigentlich ohne die Tram ausgekommen sind.

Die Tram kommt. Da gibt es kein Zurück mehr. Das sage ich zum einen für diejenigen, die unsere Vorfreude teilen, das sage ich aber auch an die Adresse derjenigen gerichtet, die immer noch so tun, als ließe sich die Tram stoppen, als ließe sich noch irgendetwas rückgängig machen.

Die Tram kommt und fährt ab Ende April bis zum Bahnhof. Die Tram kommt und wir werden die Strecke weiterbauen bis zum Rathaus – auch das steht fest. Die Bauzeit wird nicht einfach werden, keine Frage, aber einfach sind große Veränderungen nie.

Der Stadtumbau vor der Gartenschau war auch nicht einfach – das ist nur lange her und deshalb (fast) vergessen. Auch damals war die B 28 eine Großbaustelle, auch damals war die Hauptstraßen-Kreuzung teilweise gesperrt – und am Ende hat sich Kehl zum Positiven verändert, hat Kehl von diesem Wandel profitiert, ein neues Profil bekommen.

Der Blick von Außenstehenden hat sich gewandelt, Menschen, die lange nicht mehr in Kehl gewesen waren, haben damals gestaunt, was aus der grauen Stadt am Rhein geworden ist. Der Garten der zwei Ufer, die Passerelle, die aufgewertete Rheinpromenade hat Kehl zum Ausflugsziel für Menschen aus der gesamten Region gemacht – was die Stadt vorher nie war.

Nach der Gartenschau wurde viel über den Entwicklungssprung gesprochen und geschrieben, den Kehl gemacht hat. Investoren haben sich für Kehl interessiert und sind von sich aus auf die Stadtverwaltung und die Wirtschaftsförderung zugekommen; Unternehmen hatten es leichter, Führungs- und Fachkräfte zu gewinnen – eben weil die Stadt attraktiver geworden war.

In Euro lässt sich ein solcher Imagegewinn nicht messen. Das war bei der Gartenschau so und es wird bei der Tram nicht anders sein. Der Entwicklungsschub, den wir erwarten, wird – davon gehen wir aus – den von der Gartenschau übertreffen. Mit dieser Erwartung stehen wir bei der Stadt nicht allein, auch in Gesprächen mit Kehler Unternehmern zeigt sich mir immer wieder, dass unsere Einschätzung geteilt wird.

Dass wir noch enger mit Straßburg zusammenwachsen, ist gut für Kehl. Es bedeutet, dass wir noch einfacher an einem Wohnort die Vorteile zweier Länder nutzen können. Man kann in einem deutschen Mittelzentrum wohnen und das komplette Angebot einer pulsierenden französischen Großstadt nutzen. Man kann in einer französischen Großstadt wohnen und in einem deutschen Mittelzentrum gemütlich bummeln und einkaufen gehen.

Auch wenn schon einiges darüber geschrieben wurde: In unserer unmittelbaren Nachbarschaft, im Straßburger Osten, entsteht in den kommenden zehn Jahren Wohnraum für rund 20 000 Menschen. Das sind etwas mehr Einwohner als derzeit in der Kehler Kernstadt leben. Die Tram ist der Motor für die Entwicklung der Brachflächen des Hafens in Richtung Rhein, dort entsteht ein neuer Wirtschafts-, Lebens- und Sozialraum, der viele positive Effekte nach sich ziehen wird. Ich freue mich jedenfalls richtig auf das neue „Straßburg am Rhein“, wie Roland Ries das neue Stadtviertel beim Brückenschluss im Dezember 2015 genannt hat.

Zusammenwachsen hat nichts mit Gleichmacherei zu tun. Zusammenwachsen bedeutet nicht, dass wir unsere Besonderheit verlieren, sondern dass wir Vielfalt erleben können. Nur wenn wir uns unsere Besonderheit bewahren – auf beiden Seiten des Rheins – sind wir für die jeweils anderen interessant.

Als wir die Vereinbarung über den Kooperationstarif für die Tram unterschrieben haben – also festgelegt haben, mit welchen Fahrkarten man die Tram nutzen kann – hat Roland Ries sinngemäß gesagt: Europa ist in Gefahr – darauf antworten wir mit der grenzüberschreitenden Tram.

Wer von uns hat sich nicht schon über die Staus an der Europabrücke geärgert? Die Verkehrsbehinderungen – auch das möchte ich deutlich sagen – hatten nur sehr wenig und sehr punktuell mit der Trambaustelle zu tun, sondern mit dem Umstand, dass die zwei Fahrspuren über die Europabrücke aufgrund des Ausnahmezustands in Frankreich seit den Paris-Attentaten am 13. November 2015 auf eine verengt worden sind. Damit, auch das wissen wir, werden wir weiterhin leben müssen, mindestens bis Juli.

Freie Fahrt wird es ab April wieder geben: Mit der Tram. Auch in der Tram wird kontrolliert werden, aber die Tram fährt weiter; sie bleibt nicht am Straßenrand stehen, bis jeder seinen Ausweis gezückt hat.

Mit der Eröffnung der Tramlinie über den Rhein setzen wir die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen unseren beiden Städten fort. Oft wird von Straßburg und Kehl, von diesem Raum an der Nahtstelle zwischen Frankreich und Deutschland, von einem Labor für Europa gesprochen.

Europa ist in diesem Zusammenhang sicher etwas hoch gegriffen, geht es bei uns doch um bilaterale grenzüberschreitende Zusammenarbeit. Wir müssen uns untereinander und mit Paris, Berlin und Stuttgart abstimmen, wenn wir ein grenzüberschreitendes Projekt realisieren und in manchen Fällen bringen wir es gemeinsam ebenfalls auf 28 Partner, die in der einen oder anderen Form ihr Plazet geben müssen – aber so schwierig wie in Brüssel sind unsere Einigungsprozesse glücklicherweise dennoch nicht.

Aber – und deshalb erfordern grenzüberschreitende Projekte in der Regel einen längeren Atem als nationale – Voraussetzung für das Gelingen solcher Projekte ist eine Partnerschaft, die auf Anerkennung und Ausgleich beruht, ebenso wie auf die Bereitschaft zum Kompromiss. Das hört sich recht banal an und ist doch die Königsdisziplin der grenzüberschreitenden Kooperation: Es erfordert nämlich die Einsicht in den Umstand, dass die Grenzen in unseren Köpfen resistenter sind, als es die Schlagbäume waren.

Und gerade in einer Zeit der großen allgemeinen Verunsicherung, des Unbehagens und des scheinbar allgegenwärtigen Misstrauens ist die Gefahr groß, dass nicht nur europäische Staaten wieder Grenzzäune ziehen und Mauern bauen, sondern auch die Grenzen in unseren Köpfen bis zur Unüberwindlichkeit ausgebaut werden.

Wie anders ist es zu erklären, dass so viele Briten für den Austritt aus der EU gestimmt haben, dass Großbritannien die EU verlassen wird? Wie anders ist es zu erklären, dass Donald Trump in wenigen Tagen Präsident der USA sein wird? Wie anders ist der Zulauf von Front National in Frankreich und AfD in Deutschland zu erklären?

In der Unübersichtlichkeit der globalisierten Welt sehnen sich offenbar viele Menschen nach einer übersichtlichen Nische, nach einem Stückchen heiler Welt in einer Welt, die aus den Fugen geraten ist. Und viele Menschen glauben anscheinend, dass sie dieses Stückchen heile Welt nur dann finden können, wenn sich Nationalstaaten wieder auf sich selber zurückziehen, Staatengemeinschaften und Bündnisse verlassen und sich hinter gesicherten Grenzen abschotten.

Doch damit sind die Grenzziehungen nicht abgeschlossen: Im Inneren werden Grenzen zwischen Einheimischen und Zuwanderern errichtet, Grenzen zwischen Angehörigen unterschiedlicher Religionen, Grenzen zwischen „denen da unten und denen da oben“. Die Spaltung der Gesellschaft wird inzwischen wie eine Krankheit von Staaten diagnostiziert, die in unterschiedlicher Schwere auftritt.

Warum spreche ich beim Neujahrsempfang in Kehl über die Verunsicherung in Europa und in der Welt? Weil wir in Kehl Teil dieses Europas und dieser Welt sind, weil wir genauso betroffen sind. Weil wir im Kleinen abbilden, was auf nationaler oder europäischer Ebene passiert.

Wie sich Europa aus 28 Nationalstaaten zusammensetzt, besteht Kehl aus der Kernstadt und zehn einst selbstständigen Ortschaften. Der Abschluss der römischen Verträge, also die Gründung der EU, jährt sich in diesem Jahr zum 60. Male. Die Eingemeindungen in Kehl waren vor mehr als 40 Jahren abgeschlossen. Die meisten unter uns werden bis Juni vergangenen Jahres gedacht haben, dass eine so lange gemeinsame Entwicklung, die Europa mehr als 70 Jahre Frieden gebracht hat, unumkehrbar sei. Der Brexit hat uns bewiesen, dass es nicht so ist.

In Kehl mag mancher gedacht haben, dass die Ortschaften und die Kernstadt über vier Jahrzehnte hinweg zu einer Stadt zusammengewachsen sind. Zumindest haben wir das vor zwei Jahren bei „Kehl feiert“ gemeinsam so gefeiert. Gemeinsam können wir uns nicht alles, aber doch vieles leisten – und auf jeden Fall viel mehr als wenn Ortschaften und Kernstadt eigenständige Einheiten wären.

An dieser Stelle möchte ich einen Satz zitieren, den die Kollegin Edith Schreiner bei Ihrem Neujahrsempfang in Offenburg gesagt hat: „Sicher ist nichts so gut, als dass es nicht verbessert werden kann. Aber ehrlich: das Meiste ist nicht so schlecht, wie es gerade hingestellt wird.“

Es vollzieht sich ein Wandel, der in seiner rasanten Geschwindigkeit und Heftigkeit die Umwälzungen der industriellen Revolution übertreffen dürfte. In Zeiten, die außergewöhnliche Herausforderungen mit sich bringen, wird gestritten. Europa streitet, Deutschland streitet, Baden-Württemberg streitet, der Ortenaukreis streitet und Kehl streitet auch. „Der Meinungsstreit ist keine Störung des Zusammenlebens, sondern Teil der Demokratie“ hat Bundespräsident Joachim Gauck bereits in seiner Neujahrsansprache 2016 zu Recht gesagt. Kritik gehört zu einer lebendigen Demokratie und niemand erwartet, dass Bürgerinnen und Bürger klaglos akzeptieren, was vom OB, von der Verwaltung und auch vom Gemeinderat kommt – und zwar unabhängig davon, ob sie in den Ortschaften oder in der Kernstadt wohnen.

Wir dürfen, ja wir müssen diskutieren. Was erschreckt, ist die Heftigkeit mancher Debatten. Bundestagspräsident Norbert Lammert hat vor einiger Zeit auf die Zunahme von Pöbeleien und den wachsenden Verfall der Umgangsformen in Deutschland hingewiesen. Die Meinungsfreiheit sei kein Freifahrtschein für Beschimpfungen und verbale Verletzungen. Gerade in den sozialen Netzwerken scheinen Hemmschwellen und Schamgrenzen kaum noch existent. Auch in Kehl. Fast unabhängig vom Thema: Es drängt sich der Eindruck auf, dass es manchen nur ums Draufhauen geht.

Tatsachen und fachliche Argumente scheinen keine Rolle mehr zu spielen, kommen nicht mehr an oder werden ignoriert. Auch dann wenn sie von Fachleuten stammen. Bei wichtigen Entscheidungen beauftragen Verwaltung und Gemeinderat nicht selten ein Fachbüro mit der Untersuchung des Sachverhalts. Sie tun dies auch deshalb, weil in einer immer komplexeren Welt immer öfter nur noch Spezialisten verlässliche Grundlagen für die Entscheidungsfindung liefern können. Ich möchte nur ein Beispiel nennen: Bei der Tram waren wir verpflichtet, eine sogenannte Standardisierte Bewertung vornehmen zu lassen. Die Standardisierte Bewertung ist – wie der Name schon sagt – ein standardisiertes Vorgehen, mit dem in der ganzen Bundesrepublik nach dem exakt gleichen Verfahren überprüft wird, ob der Bau einer Straßenbahn einen volkswirtschaftlichen Nutzen hat oder eben nicht.

Das bedeutet, dass zum Beispiel die Schonung der Umwelt oder die Verringerung der Unfallzahlen in Geld bewertet und eingerechnet werden. Dem volkswirtschaftlichen Nutzen werden die Kosten gegenübergestellt. Nur wenn am Ende dieser äußerst komplexen Berechnungen eine Zahl steht, die größer ist als eins, wird der Bau der Straßenbahn vom Bund bezuschusst. Für Kehl hat die Standardisierte Bewertung der Tram bis zum Rathaus einen Wert von 1,24 ergeben – damit konnten die Zuschüsse beantragt werden; auf dieser Grundlage wurden sie auch bewilligt.

Diese Standardisierte Bewertung ist so komplex, dass nur wenige Ingenieurbüros in der Bundesrepublik sie vornehmen können. Was das von uns beauftragte Büro vorgelegt hat, wurde sowohl beim Land als auch beim Bund von speziellen Fachleuten erneut geprüft.

Dennoch wurden und werden bis heute die Ergebnisse aus dieser Standardisierten Bewertung angezweifelt, wird Verwaltung und Gemeinderat unterstellt, hier sei manipuliert, hier seien Dinge schöngerechnet worden, um die Tram bis zum Rathaus bauen zu können. Fakt ist: Selbst wenn wir hätten manipulieren wollen, wir hätten es nicht gekonnt – niemand bei der Stadt ist in der Lage die komplizierten Rechenmodelle nachzuvollziehen.

Was ich damit sagen möchte: Wir müssen zurück finden zu einer konstruktiven Streitkultur, wir müssen verbal abrüsten und miteinander reden anstatt übereinander zu schimpfen. Bei jeder Haushaltsaufstellung führen wir einen Verteilungskampf – wie im privaten Haushalt auch ist die Summe der Wünsche immer größer als die Summe der finanziellen Ressourcen. Und in Kehl kommt noch dazu: Die Summe der Wünsche übersteigt vor allem unsere personellen Kapazitäten. Wir könnten im Investitionshaushalt der Stadt mehr Projekte – ohne Kreditaufnahme – finanzieren, als wir mit dem vorhandenen Personal im technischen Bereich umsetzen können. Wir schieben im Moment das Arbeitsprogramm eines kompletten Jahres von 2016 nach 2017.

Deshalb habe ich bei der Haushaltseinbringung die Reißleine gezogen. Wir brauchen ein Jahr der Konsolidierung im Bereich der Arbeitsbelastung. In Zeiten, in denen quasi Vollbeschäftigung herrscht, zieht die öffentliche Verwaltung in der Konkurrenz um Fachkräfte mit der freien Wirtschaft den Kürzeren. Das heißt: Wir haben offene Stellen und können sie nicht besetzen. Architekten und Ingenieurbüros sind derzeit so gut ausgelastet, dass wir unsere Vorhaben nicht einfach nach außen vergeben können. Und auch Büros, die für uns arbeiten, müssen von unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern betreut werden.

Das sind die Tatsachen, die dazu geführt haben, dass wir Projekte, die im Doppelhaushalt 2015/2016 finanziert waren, nicht realisieren konnten. Ich verstehe, dass dies zu Frust bei all denjenigen führt, die sich beim Beschluss des Doppelhaushaltes gefreut hatten. Es steckt aber keine böse Absicht dahinter und kein Projekt wurde deshalb gestrichen, weil man in der Verwaltung die eine Ortschaft weniger schätzt als die andere. Und schon gar nicht wurden Vorhaben in der Kernstadt vorrangig zu Lasten derer in den Ortschafen umgesetzt. Ich nenne Ihnen nur ein Beispiel: Der Baubeschluss für die Sanierung, den Umbau und die Erweiterung der Josef-Guggenmos-Schule in der Kreuzmatt stammt aus dem Jahr 2011. Angefangen ist noch nicht.

Konstruktive Diskussion – oder meinetwegen auch Streit – bedeutet für mich, dass wir zurück finden zu einem lösungsorientierten Dialog. Das geht aber nur dann, wenn wir uns gegenseitig mit Offenheit begegnen und bereit sind, Tatsachen auch als solche anzuerkennen. Wir brauchen keine Zäune und Mauern: Misstrauen und Unterstellungen reichen aus, um rasch Gräben aufzureißen. Um später wieder Brücken über diese Gräben zu bauen, ist viel Energie und Zeit nötig. Beides sollten wir lieber in die Realisierung unserer Vorhaben investieren.

Mit einer neuen Qualität der Bürgerbeteiligung sind wir im vergangenen Jahr – wie ich finde – in einen breiten konstruktiven Dialog mit zahlreichen Bürgerinnen und Bürgern sowie Akteuren, Organisationen und Vereinen eingetreten. Wir haben fast das komplette Spektrum abgedeckt: Stadtentwicklung, Kultur, Bildung, Jugendbeteiligung, Integration. Auf dem Weg zur Erarbeitung einer Kulturkonzeption für Kehl haben wir schon erste Projekte umgesetzt, das Gleiche gilt für die Bereiche Bildung und Integration.

Auch in das Nahverkehrskonzept, das der Gemeinderat im Herbst beschlossen hat, sind zahlreiche Anregungen und Wünsche aus den vier Veranstaltungen eingeflossen, die in der Kernstadt und für die Ortschaften stattgefunden haben. Ich bedaure sehr, dass wir im Bereich Radverkehr hinterherhinken und den in der Bürgerwerkstatt und im Bürger-Café erarbeiteten Vorschlägen noch nicht weiter nachgehen konnten. Das bedeutet aber nicht, dass die Arbeit, die Bürgerinnen und Bürger mit hohem Engagement geleistet haben, in Schubladen verstauben wird – wir müssen nur auch in diesem Bereich die Dinge entzerren und auf mehrere Jahre verteilen, weil uns die personellen Ressourcen fehlen.

Das Thema Bürgerengagement ist ein gutes Stichwort, um dazu überzuleiten, dass die Bürgerstiftung Kehl in diesem Jahr ihren zehnten Geburtstag feiert. Gegründet wurde die Stiftung bereits im Herbst 2006, ihre Anerkennung als gemeinnützige Stiftung erfolgte jedoch Anfang 2007.

Hervorgegangen ist die Bürgerstiftung, die wir uns aus dem sozialen und kulturellen Leben in Kehl nicht mehr wegdenken können, aus der Bürgerbeteiligung. Mein Vorgänger Dr. Günther Petry hatte zu Beginn seiner ersten Amtszeit einen großangelegten Beteiligungsprozess gestartet, in dessen Workshop-Runde die Gründung einer Bürgerstiftung als ein Vorhaben angeregt wurde. Herr Reinhard Batz war der Protagonist dieser kleinen Bürgergruppe, hat sich tief in die Materie des Stiftungswesens eingearbeitet, Schulungen besucht und sich durch viele Hundert Seiten Informationsmaterial gekämpft.

Ihr Startkapital hat die Bürgerstiftung einem für sein soziales und kulturelles Engagement bekannten Kehler zu verdanken: Herr Horst Weitzmann bat bei seinem 60. Geburtstag darum, ihm zugedachte Geschenke durch eine Spende für die künftige Bürgerstiftung zu ersetzen.

Es traf sich gut, dass der erste Beigeordnete der Stadt Kehl, Herr Jörg Armbruster, als Dezernent damals zuständig nicht nur fürs Bauen sondern auch für Soziales, gerade in den Ruhestand gegangen war und sich als aktiver Pensionär gerne für die Stiftung gewinnen ließ. Mit diesem agilen und bestens vernetzten Vorstandsvorsitzenden war der Erfolg der Bürgerstiftung Kehl quasi garantiert. Unterstützt wurde und wird Herr Armbruster von drei weiteren Vorstandsmitgliedern sowie dem Stiftungsrat, der aus bis zu neun Personen besteht.

Mit einem Stiftungsvermögen von 83 708 Euro und zehn Bürgerinnen und Bürgern, Unternehmen und Institutionen ist die Stiftung am 29. September 2006 gegründet worden – heute umfasst das Stiftungskapital rund 1,5 Millionen Euro. Auch in Zeiten niedrigster Zinsen gelingt es der Stiftung, Vorhaben zu fördern, die keine Pflichtaufgaben von Stadt und Staat sind. Die Stiftung, deren interne Verwaltungskosten sich auf einem beispielhaft niedrigen Niveau bewegen, unterstützt Kinder und Jugendliche ebenso wie sozial benachteiligte Gruppen und fördert Kunst, Kultur und Wissenschaft.

Und sie nimmt sich der Probleme unserer Zeit an: Initiiert durch die Bürgerstiftung betreuen Studenten der Kehler Hochschule an Demenz erkrankte Menschen im Dr. Friedrich-Geroldt-Haus, sind abends für sie da, lindern ihre Einsamkeit, entlasten die Angehörigen. Aufgrund des Engagements der Bürgerstiftung können sechs junge Flüchtlinge an einem Einstiegsqualifizierungsjahr bei der BAG teilnehmen und erhalten dadurch die Chance, im Anschluss eine Ausbildung in einem Kehler Unternehmen beginnen zu können. Für junge Frauen findet ein ähnliches Projekt in Zusammenarbeit mit der Diakonie Kork statt. Integration in den Arbeitsmarkt ist die Grundlage für eine gelungene Integration in unsere Gesellschaft.

Ich könnte jetzt noch viele Projekte aufzählen – das breite Programm des Engagements der Bürgerstiftung zu beschreiben, würde den Rahmen des Abends sprengen. Was die Bürgerstiftung alles macht, wo sie aktiv ist und wofür sie sich einsetzt, werden wir in der Jahresschrift 2017 für Sie aufschreiben.

Ich danke Ihnen, Herr Armbruster, für Ihr unermüdliches Engagement stellvertretend für alle Mitglieder des Vorstands und des Stiftungsrats sowie all der Stifter und Spender, die sich für die Bürgerstiftung und damit für das Gemeinwohl in unserer Stadt in beispielhafter Weise engagieren.

Einbeziehen möchte ich in diesen Dank auch die mehr als 150 Menschen in unserer Stadt, die sich weiterhin in der Betreuung derer engagieren, die seit 2015 als Flüchtlinge zu uns gekommen sind. Danke, dass Sie dabei geblieben sind, auch wenn die Arbeit manchmal nicht einfach ist und Rückschläge zu verkraften sind. Dank möchte ich auch den Haus- und Wohnungseigentümern sagen, die an Flüchtlingsfamilien vermieten: Durch Ihre Kooperationsbereitschaft konnten 63 Familien mit 231 Personen privaten Wohnraum finden.

Ich würde mich sehr freuen, wenn Ihrem Beispiel 2017 weitere Vermieter folgen würden: Wir suchen dringend Wohnraum für Familien und Einzelpersonen, deren Verfahren abgeschlossen sind und die länger bei uns bleiben werden.
Ein herzliches Dankeschön möchte ich zum Schluss an all die vielen Bürgerinnen und Bürger richten, die sich in unserer Stadt im Stillen engagieren, indem sie ihre älteren oder kranken Nachbarn unterstützen, Menschen in ihren letzten Stunden begleiten, ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte anderer haben, Kinder und Jugendliche beim Lernen und bei der Erledigung der Hausaufgaben unterstützen und in unseren Vereinen Jugendarbeit leisten, um nur einige Beispiele zu nennen.

Wir brauchen Sie alle und Ihr Engagement nötiger denn je, um möglichst vielen Menschen die gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.

Meine Damen und Herren, liebe Gäste,

ich bin dankbar dafür, in einer Stadt und in einer Region leben zu dürfen, in der Frieden herrscht, in der die demokratischen Grundwerte gelten und in der wir auf der Grundlage eines humanistischen Menschenbildes leben und arbeiten dürfen. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, bin ich nahezu wunschlos glücklich. Aber gerade im Wissen um die Bedeutung dieser Grundwerte stehen bei mir Respekt und Toleranz, Demut und Dankbarkeit an oberster Stelle. Daran richte ich mein berufliches und persönliches Wirken aus.

Ich wünsche Ihnen allen mindestens das, was Sie auch mir wünschen, sogar noch ein bisschen mehr, allem voran Gesundheit.

Ich bin mir sicher, wir werden in Kehl noch viele schöne Dinge erleben. Das sage ich nicht aus Zweckoptimismus, sondern aufgrund meiner unerschütterlichen Zuversicht.

In diesem Sinne nochmals alles Gute für das Jahr 2017!
 

Autor:
Toni Vetrano/Redaktion

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