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Kehl

Kirchenvertreter sind für Brücken statt für Festungen

Evangelische Kirchen Badens, der Pfalz und des Elsass stellen Erklärung zum Wahljahr 2017 vor
10. Januar 2017
&copy Michael Müller

Erstmals haben die evangelischen Kirchen in der Pfalz, Baden und dem Elsass eine gemeinsame Erklärung zum Wahljahr 2017 veröffentlicht. Gestern wurde sie auf der Passerelle in Kehl verlesen.

Europa steht vor einem schwierigen Jahr: Die Idee eines gemeinsamen, offenen europäischen Hauses verliert an Strahlkraft; die Flüchtlingswelle und die Anschläge islamistischer Terroristen haben Ängste gegen Fremde geschürt, und Parteien, die eine Rückbesinnung aufs Nationale propagieren, haben immer mehr  Zulauf. In diesem Jahr stehen Wahlen in den beiden wichtigsten EU-Staaten an: Die Franzosen wählen im April einen neuen Staatspräsidenten, die Deutschen im September ein neues Parlament. Die Sorgen sind groß: In Frankreich wird die Front National mit Parteichefin Marine Le Pen immer stärker, und in Deutschland fährt die AfD zweistellige Wahlergebnisse ein.

Vor diesem Hintergrund haben die evangelischen Kirchen  in Baden, der Pfalz und dem Elsass erstmals eine gemeinsame Erklärung zum Wahljahr 2017 verfasst. Alle drei Kirchenverbände arbeiten eng in der Konferenz der Kirchen am Rhein zusammen. Jochen Cornelius-Bundschuh, evangelischer Landesbischof in Baden, Christian Schad, Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche der Pfalz, und Christian Albecker, Präsident der Vereinigung der evangelischen Kirchen in Elsass-Lothringen, verlasen die Erklärung gestern – und dafür hatten sie sich einen symbolträchtigen Ort ausgesucht: die Passerelle in Kehl. 

»Europa braucht Brücken und keine Festungen«, so Albecker. Europa sei mehr als Finanzmarkt und Währungsraum: Es gebe auch gemeinsame sozialpolitische und sozialethische Probleme, die gelöst werden müssten, und man müsse auch über Werte diskutieren. In dieser Frage hätten gerade auch die Kirchen eine besondere Verantwortung wahrzunehmen. 

Rückwärtsgewandt

Martin Luther könne da eine Art Vorbild sein, so Jochen Cornelius-Bundschuh. Die Reformation habe den Menschen in angstbeherrschten Zeiten den Weg zu einem Leben als freie Christenmenschen gewiesen, meinte er. Diese Freiheit gelte es zu bewahren und auch politisch umzusetzen: Man müsse weg von einer Politik, die auf Angst und Spaltung setzt; man müsse Horizonte öffnen statt Abgrenzung und nationale Alleingänge zu propagieren; und man müsse Herz und Verstand gebrauchen und sich nicht bevormunden lassen.

Autoritäre Führerfiguren wie Putin, Erdogan oder Donald Trump träumten in Wahrheit rückwärtsgewandte Träume, so Christian Schad: Sie appellierten »an die Mitglieder einer einheimischen, nationalen, auch traditionell-religiös und männlich dominierten Kultur«, die sich jedoch schwer tue mit der Erfahrung, dass es auch »normal« sein kann, anders »normal« zu sein als man selber »normal« ist. In diesem Zusammenhang führe auch der Verweis auf das »christliche Abendland« in die Irre: Das Abendland sei vielmehr geprägt gewesen von ganz unterschiedlichen Kulturen.

Die gemeinsame Erklärung sei indes nicht als konkrete Wahlempfehlung für oder gegen eine bestimmte Partei zu sehen, hieß es: Vielmehr gelte es, jedem einzelnen Menschen bewusst zu machen, dass er mitverantwortlich ist für die Gesellschaft, in der er lebt – auch dies sei eine Konsequenz der Lehren Martin Luthers. Nicht zuletzt fordert die Erklärung dazu auf, den politischen Gegner nicht mit Hassparolen zu diffamieren, sondern sachlich und fair zu diskutieren.

»Das Evangelium ist zutiefst politisch«, so Kehls evangelischer Dekan Günter Ihle, »weil es ums Zusammenleben der Menschen geht.« Dies und die Konsequenzen daraus den Menschen ins Bewusstsein zu rufen sei »eine beständige Aufgabe, an der wir dranbleiben müssen«.

Autor:
Michael Müller

Zitat

Auszüge aus der Erklärung

als Ebenbild Gottes eine unverlierbare Würde; sie hat in den Menschenrechten eine rechtlich fassbare Form gefunden. Wir widersprechen deshalb allen Versuchen, Menschen in ihrer Freiheit einzuschränken oder sie auszugrenzen. 

Jesus Christus stellt sich an die Seite der Schwachen, der Armen und der Fremden. Wir (...) setzen uns deshalb in unseren Ländern und gemeinsam in Europa für Humanität, Solidarität und Nächstenliebe ein. (...)«

»Jeder Mensch ist ein Geschöpf Gottes. Wir betrachten die Vielfalt der regionalen, nationalen, kulturellen und religiösen Traditionen als Herausforderung und als Reichtum unserer Länder und Europas. (...) Wir suchen den Dialog, gerade auch mit anderen Religionen und Weltanschauungen, wir tragen bei zu einer Kultur der Aufmerksamkeit und warnen vor Konzepten der Abgrenzung und vor nationalen Alleingängen.«

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