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Serie zur Bahnhofs-Historie

Harry-Frank Marquardt erinnert sich an Arbeit am Schalter

11. Januar 2017
&copy Alexander Gehringer

Vor 50 Jahren sprangen die Signale des heutigen Kehler Bahnhofs erstmals auf Grün. In unserer zehnteiligen Serie laden wir zur großen Reise in die Kehler Eisenbahngeschichte ein: von 1844, als der erste Dampfzug die Stadt erreichte, über die Zeit legendärer Fernzüge bis zur Gegenwart des Bahnhofs im vereinten Europa.

Zwei Jahrzehnte lang, von 1980 bis 2000, war er das »Gesicht« des Fahrkartenschalters im Kehler Bahnhof, und auch sonst lebte er damals quasi jede Minute für die Bahn. Für unsere Serie erinnert sich Harry-Frank Marquardt (69) an seine Zeit als Ticketverkäufer in Kehl.

Die Bedeutung des Kehler Fahrkartenschalters: »Es gab immer wieder Pläne, ihn zu schließen. Dabei verzeichneten wir stets gute Umsätze, nicht zuletzt dank der Kunden aus dem Elsass. Es kamen auch viele Schulklassen und Studentengruppen von dort, und ein Straßburger Wirt charterte ab Kehl regelmäßig Züge mit Nostalgie-Loks für seine Gäste. Die Elsässer Fahrgäste konnten bei uns Spartarife nutzen, die sie in Frankreich nicht bekamen – was heute freilich wohl anders wäre. 
Oft bot unser Schalter auch einen Rundum-Service: So belieferten wir Firmen persönlich mit vorbestellten Tickets; und als zum Beispiel mal eine Reisegruppe nach Allenstein wollte, besorgte eine Putzfrau des Bahnhofs, die von dort stammte, Informationen über diese Stadt.«

Kunden und Kollegen aus aller Herren Länder: »Da wir auch Mitarbeiter mit türkischen, französischen und rumänischen Wurzeln sowie eine Kollegin aus der früheren DDR hatten, konnten wir Reisende aus vielen Ländern und Regionen kompetent bedienen, ebenso Einheimische, die dorthin wollten. So vermittelten wir zum Beispiel auch etliche Fahrten nach Polen und Ungarn. Daneben war Skandinavien ebenfalls beliebt. Und wenn es mit einem Kunden doch mal Sprachprobleme gab, fand sich in Georgies Kneipe immer jemand, der dolmetschte ... 

Anfangs versorgte uns ein Stuttgarter Reisebüro auch mit Fahrkarten für ›Gastarbeiterzüge‹. Später kamen russlanddeutsche Kunden in Scharen aus Lahr, wenn sie in ihre frühere Heimat fahren wollten. An meinem letzten Arbeitstag bot mir einer von ihnen Wodka an; er sagte, dass er vielen Spätaussiedlern den Ticketkauf in Kehl empfohlen habe – mit dem Tipp: ›Geh zu dem Mann mit dem Bart!‹ Dadurch, dass ich aus Hinterpommern kam, hatte ich anscheinend einen ›Osteuropa-Blick‹ ...« (lacht)

Kampf um den »Mozart«: »Jahrelang drohte das Aus für den Eurocity-›Mozart‹-Halt in Kehl – 1997 wurde er sogar schon aus dem Kursbuch genommen. Seltsamerweise erhielt zugleich Wolfgang Schäuble als Bundestagsabgeordneter die Auskunft der DB-Pressestelle, dass der Halt bleibe. Da man als normaler Bahn-Mitarbeiter ja keine Interna verraten darf, habe ich einfach die Kehler Zeitung darauf angesetzt, mal nachzufragen, was denn nun Sache sei. Jetzt gab die Bahn-Pressestelle zu, dass der Halt wegfallen sollte – worauf zwei engagierte Bahnfahrerinnen eine große Unterschriftenaktion initiierten, an der sich die Bürger rege beteiligten. Parallel habe ich der Pressestelle die Pistole auf die Brust gesetzt und gefragt: ›Wenn es bei der Streichung bleibt – ist Ihnen klar, dass Sie dann mit Herrn Schäuble den eventuellen künftigen Bundeskanzler belogen haben?‹ Mit diesen vereinten Kräften schafften wir es letztlich, dass der Halt blieb.«

Kursbuch statt Kollege Computer: »Die Rechner-Ära in Kehl begann um 1990; zunächst nur für Fahrkarten, Verbindungen musste man noch eine Weile per Hand aus dem Kursbuch rausschreiben. Als ich 1980 in Kehl begann, gab es nur einen Pautze-Fahrkartendrucker, dazu einen Schrank voll Druckplatten mit wichtigen Reisezielen; andere Orte mussten wir handschriftlich auf dem Ticket eintragen. 

Für die Hauptziele standen die Preise in einem selbst erstellten Register, ansonsten musste man sie extra ermitteln. Wie auch bei der Verbindungssuche bedeutete das: Kursbücher wälzen und die Teilstrecken und -preise zusammensetzen – was bei abgelegenen Orten schon mal kompliziert sein konnte. Da waren Geografie-Kenntnisse gefragt! Wenn es ins fernere Ausland gehen sollte, brauchte man auch schon mal den Atlas. Und Reservierungen mussten wir telefonisch bei der Bundesbahn-Zentrale vornehmen. 

Immerhin erleichterte der Intercity-Takt das Ermitteln von Reiseverbindungen; die Abfahrtsminuten in Offenburg hatte man im Kopf, aber auch zum Beispiel, zu welcher Minute es von Hannover nach Berlin ging. Übrigens konnten wir sogar Busverbindungen suchen – dafür gab's ein eigenes bundesweites Kursbuch.«

Eine Halle voll Soldaten: »Als das französische Militär noch in Deutschland stationiert war, brachte freitags oft ein Planwagen 100 oder 200 Soldaten – alle wollten dann Fahrkarten etwa nach Paris oder
Lille. Das Umrechnen in Francs war bei dem Andrang kompliziert, die Halle zudem rammelvoll – andere Kunden brauchten freitagnachmittags gar nicht zu kommen ...«

Gestrandete Menschen im Bahnhof: »... hatten wir einige! Einmal wurde eine junge Ungarin aus dem Zug geholt, deren Durchreise-Visum gerade am Tag zuvor abgelaufen war – sie war total aufgelöst. Auf ihre neuen Papiere musste sie einen ganzen Tag warten. So bot ich ihr einen Kaffee und ein Essen in einem Lokal an – als Dank schrieb sie mir später eine Karte: ›Budapest erwartet Ihnen!‹ 

Einer Kanadierin, der die Handtasche mit Geld und Fahrkarten geklaut worden war, habe ich ein Guten-Abend-Ticket zum Düsseldorfer Flughafen geschenkt, damit sie nach Kanada zurückfliegen konnte. Und ein Münchner, der nur einen Zahlschein besaß, was wir nicht anerkennen konnten, bekam die Fahrkarte gezahlt und durfte auch bei mir übernachten. Zehn Jahre später sah ich ihn wieder in Kehl – nun war er aber noch abgebrannter, sodass er erst recht nichts zurückzahlen konnte.«

Unruhige Zeitgenossen: »Wenn die Bahnhofsmission Probleme mit Besuchern hatte, kamen wir schon mal zu Hilfe; einmal prügelten sich drei Männer um eine Flasche Schnaps – die ich ihnen daraufhin entriss und auskippte. Und einem stadtbekannten Trunkenbold, der gerne im Bahnhof randalierte, habe ich mal einen Eimer Wasser hingestellt und gesagt: ›Freundchen, entweder du bist jetzt ruhig, oder es gibt einen Schluck!‹«

Die Bahn auf dem Messdi: »Beim Messdi hatten wir jahrelang einen Stand. Dort gab es neben Bahn-Infos auch Würfel- und Rubbelkartenspiele, bei denen man etwa Reisen nach Ostfriesland gewinnen konnte; als Vorgeschmack servierten wir dazu ›Bohntjesopp‹, einen friesischen Likör. Der Kontakt an die Nordsee hatte sich über den Bahn-Express-Service ergeben – der damals frischen Räucheraal nach Kehl brachte.«

Das schlimmste Bahn-Erlebnis: »Als Fahrdienstleiter in Kork erlebte ich mit, wie ein Schrankenwärter an einem nebligen Tag nach einer Zugdurchfahrt die Schranken öffnete, ohne darauf zu achten, dass in Gegenrichtung gerade ein Zug kam! Dieser erfasste auf dem Bahnübergang ein Auto, schleuderte es durch die Luft, und es fing an zu brennen. Ich holte den Fahrer raus und löschte das Feuer. Der Fahrer überlebte, aber dieses Ereignis geht mir bis heute nach.«

Autor:
Alexander Gehringer

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