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Gutach

Ella Diepens Happy-End in Michigan

Das Parlamentarische Jahr in den USA gelingt erst im zweiten Anlauf richtig
26. Oktober 2016
&copy Privat

Am 24. August flog unsere junge Mitarbeiterin Ella Diepen zu einem parlamentarischen Austauschjahr in die USA. Es hat etwas länger gedauert, bis sie ihren ersten Bericht schrieb. Der Grund waren Schwierigkeiten in der ersten Gastfamilie. Inzwischen ist sie von Indiana nach Michigan umgezogen. 
 

In den ersten Tagen in Indiana war ich ziemlich glücklich. Vermutlich, weil es besser war als erwartet. Ich hatte mein Auslandsjahr mit der (sehr unrealistischen Traum-) Vorstellung von einer liberalen, gebildeten und künstlerischen Gastfamilie in New York, Los Angeles oder Chicago verbunden. Zwei Tage vor meinem Abflug kam die Nachricht: streng religiöse Gastfamilie auf einer Farm in Indiana, drei kleine Geschwister, kein eigenes Zimmer, minikleine Highschool – BAM! War wohl doch nichts mit New York. Nach kultureller Metropole, Selbstverwirklichung und intellektuellen Gesprächspartnern sah das nicht aus. 

Als ich nach dem langen Flug voller wirrer Gedanken – absurderweise kombiniert mit Gelassenheit – Indianapolis erreichte und meine Gastfamilie traf, war ich ziemlich happy. Weil ich das Schlimmste erwartet hatte und es nicht das Schlimmste war. Meine Gastfamilie schien nett: süße Gastgeschwister, eine freundliche Gastmutter, ein herzlicher Gastvater. Auch die Leute in der Schule und Kirche waren sehr aufgeschlossen, nett und interessiert. 

Bezeichnung »friends« fällt hier schnell und nichtssagend

Ständig wurde ich in der Schule auf den Hallways angesprochen, alle hatten von der neuen deutschen Austauschschülerin gehört, die auf die 300-Schüler-Schule kam, und so fand ich schnell »friends« (diese Bezeichnung fällt hier sehr schnell und vergleichsweise nichtssagend). Mir ging es gut, und irgendwie war ich von diesem Klischee-Auslandsjahrfeeling ziemlich geflasht. Ich machte Cheerleading, genoss die amerikanische Mentalität und ging auf Footballspiele und Schultänze (wenn meine Gastmutter es mir erlaubte) sowie quasi täglich in vollkommen unterkühlte Supermärkte.

Damit kommen wir zum weniger schönen (glücklicherweise vorrübergehenden) Part der Geschichte. Der ganze Wahnsinn, den ich mir zuvor ausgemalt hatte, bekam ganz andere Züge als erwartet. Die Gründe, weshalb ich meine Gastfamilie wechselte, waren nicht die grundlegend verschiedenen Ansichten in Bezug auf Moral und Politik, die mangelnde Hygiene, die einsame Lage, die ungesunde Ernährung oder die Tatsache, dass ich jeden Sonntag zur Kirche gehen und mir mein Zimmer mit meiner sechsjährigen Gastschwester teilen musste. Das bedeutete keine Privatsphäre oder Zeit für mich und ständig Dinge von mir in einem riesen Chaos verlieren (ausnahmsweise nicht wegen mir, ich war nie ein ordentlicherer Mensch als in meiner Zeit in Indiana). Natürlich war es anfangs sehr schockierend, dass sich Mitschüler »Trump« auf Körperteile oder an die Tafel schrieben, meine Gastmutter mir erklärte, dass Sex vor der Ehe tabu, Hillary die Bosheit in Person und das Waffengesetz in den USA ein Segen sei. 

Wechsel der Gastfamilie 

Das war eine neue Dimension von Toleranz, auf die ich mich da einlassen musste. Zuvor wurde ich nie mit Leuten konfrontiert, deren felsenfest vertretene Ansichten absolut konträr zu meinen sind. Ich habe gelernt, dass man solche Menschen trotzdem gerne mögen oder zumindest mit ihnen auskommen kann. Es hatte tatsächlich kaum Einfluss auf den gegenseitigen Umgang.

Gründe für meine Entscheidung, die Gastfamilie zu wechseln, waren Intoleranz mir und meinen liberalen Ansichten gegenüber, eine abartige Autorität und ein inakzeptabler Umgang gegenüber den anderen Kindern. In Deutschland war ich sehr selbstständig und unabhängig. Meine ehemalige Gastmutter in den USA erwartete von mir, dass ich ins Auto sprang, sobald sie es durch das Haus brüllte, und dass ich nicht nachfragte, wo wir hinfuhren. 

Ein Abbruch kam nie in Frage

Ich hatte quasi keine Freiheiten – und wenn man nur eine falsche Frage stellte, war das für sie das Limit von Respektlosigkeit. Als sie mich absurderweise für so ziemlich alles, was in ihrem Leben schief lief, verantwortlich machte und handgreiflich gegenüber ihren eigenen Kindern wurde, stand fest: Ich muss die Gastfamilie wechseln. 

Das Auslandsjahr abzubrechen, kam für mich nie in Frage. Ich glaube tatsächlich, dass an diesen ganzen Klischee-Sprüchen à la »Das wird dich positiv verändern und bereichern«   was dran ist. Die neuen Freunde (im deutschen Sinn), die ich gefunden habe, die neuen Erfahrungen und die kleinen sprachlichen Fortschritte, haben mich trotzdem glücklich gemacht.
Nach zwei Wochen war eine neue Gastfamilie gefunden, und ich kann endlich – so fühlte und fühle ich – ins Paradies auf Erden: Grosse Pointe Park, Michigan. Eine reiche und sichere Gegend, mein Haus fünf Minuten zu Fuß vom See Saint Clair und 15 Minuten mit dem Auto von Downtown Detroit entfernt. Ich gehe hier auf eine der besten Schulen des Staates mit einem Riesenangebot an coolen Kursen, das ich mir sehnlichst gewünscht hatte. 

Auch an der Schule journalistisch tätig

Ich schreibe für den »Tower«, die wöchentlich erscheinende Schülerzeitung, mache Yoga und werde bald Klavierunterricht nehmen. Und vor allem – und das ist wirklich das Allerwichtigste, der Rest ist Luxus – habe ich eine wunderbare Gastfamilie, die mich mit offenen Armen aufgenommen hat. Auch hier treffen zwei sehr unterschiedliche Weltanschauungen aufeinander, aber daran bin ich ja schon gewöhnt. Auch wenn ich sehr überrascht davon war, da ich Bildung und Freidenken bisher nicht mit einer konservative Einstellung und strengem Glauben in Verbindung brachte. 

Akzeptiert und glücklich

Sie akzeptieren glücklicherweise, dass ich nicht an Gott, dafür aber an Evolution und den Klimawandel glaube, überzeugte Vegetarierin bin und Trump für einen unfähigen und radikalen Idioten (um es nett auszudrücken) halte. Ich hätte nicht gedacht, dass ich konservative Trump-Unterstützer mal so ins Herz schließen würde. Aber ich bin wirklich sehr happy mit meiner neuen Gastfamilie, genieße meine Freiheiten unglaublich und schätze sehr, dass diese Leute drüber lachen, wenn ich mich an meinem zweiten Tag hier im Park einschließen lasse und über das Geländer klettere. Meine erste Gastmutter wäre ausgerastet.
Unsere Mitarbeiterin Ella Diepen wird vor den Wahlen in den USA noch über die politische Stimmung berichten

Autor:
Ella Diepen

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