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Ortenau-Reportage

Rendezvous mit dem Tod

Körperkunst in einer Hausacher Scheune
16. Februar 2017
&copy Reinhard Ringwald &copy Claudia Ramsteiner &copy Claudia Ramsteiner &copy Claudia Ramsteiner

Reinhard Ringwald stellt bei einem ungewöhnlichen Kunstprojekt in Hausach eine Szene aus dem »Narrenschiff« nach.
 

Es ist düster in der alten Scheune am Ende eines langen Schwarzwaldtals zwischen Hausach und Mühlenbach. Etwa dort, wo sich Fuchs und Hase hinbegeben, wenn sie sich gute Nacht gesagt haben. Die kleinen Fenster im Dach sind staubblind, Spinnweben verschleiern die Balken. Es ist ein trüber Samstagnachmittag, als der Tod die Szene betritt. Sein grinsender Schädel lugt aus einer goldfarbenen Rettungsdecke hervor, mit der er sein Skelett vor der Kälte schützt. 
Rückblende sechs Stunden zuvor: Eine attraktive junge Frau kann dem Navi kaum glauben, wo er sie da hinführt. Nicky van Tastic, Mutter, Hausfrau, Marktfrau und Model aus Oberndorf am Neckar, trifft im »Obere Kutzbe« auf die Künstlerin Julie Boehm aus Ludwigsburg. 

Reinhard Ringwald hat die beiden jungen Frauen zu einem sogenannten »Konzeptshooting« eingeladen. Der semiprofessionelle Fotograf aus Hausach hatte zuerst die Idee und dann gleich die beiden vor Augen. Wenn er mit einem Fotoshooting Sebastian Brants »Narrenschiff« nachstellt, wäre Julie die Einzige, die er kannte, die die Tattoos auf Nickys Körper in ein Gesamtkunstwerk integrieren könnte. Jetzt beginnt die Vorfreude auf die ambitionierte Aufgabe. 
Beide hatten schon öfter mit Reinhard Ringwald zusammengearbeitet und wussten: Was der anpackt, wird gut. Und so willigten sie ein, mitten im Schwarzwald bis kurz vors Ende der Welt zu fahren, zu jenem alten Hof im Hauserbachtal an der Gemarkungsgrenze zwischen Hausach und Mühlenbach. 

Sensenmann schlottert

Die Bauersleute Hildegard und Alfons Welle wussten auch nicht so genau, was da auf sie zukommen sollte. Sie hatten auf Ringwalds Bitte die Vesperstube gut aufgeheizt und einen frisch gebackenen Hefezopf auf den Tisch gestellt. 
Und dann geht es los: Julie bereitet ihre Malutensilien auf dem Boden aus, Nicky zieht sich aus bis auf einen knappen schwarzen Slip und die wärmenden Stiefel. Die Künstlerin hat sich vorher schon Fotos von ihrem Model schicken lassen. »In diesem Fall war das besonders wichtig, weil ich die Aufgabe hatte, ihre Tattoos zu integrieren«, sagt sie und setzt den Pinsel an Bauch und Schenkel an.
Das Konzept ist entwickelt, erste Skizzen und Inspirationsbilder gemacht. »Jetzt heißt es, sich ganz auf das Model zu konzentrieren und flexibel zu reagieren«, erläutert sie. Zuerst wird der Körper abgedeckt, »damit sie nicht mehr ganz nackt ist«. Dann ist erst einmal das Gesicht das Wichtigste. »Am Gesicht sehe ich den Charakter, danach orientiert sich die ganze Figur«, verrät die Künstlerin
Im Hintergrund beobachtet eine Parade von Einbacher Trachtenpuppen auf einem Holzregal, wie sich da eine Frau mit jedem Pinselstrich ein wenig mehr in den Tod verwandelt. Auch Julia, die älteste Tochter auf dem Hof, schaut mal rein und urteilt in einem Wort: »Krass!«

Mittlerweile sind zwei Stunden vergangen, und Nicky van Tastic steht immer noch still. Harte Arbeit, das Modeln. »So ruhig stehen bleiben und nicht rumzappeln«, das sei das Schwierigste. Und auch, wenn einem angezogen die Stube mollig warm erscheint: Der angehende Tod fröstelt – und steht still. Mit heißen Handkissen geht’s besser. Und dann serviert die Bäuerin auch schon eine dampfende Kartoffelsuppe zum Aufwärmen. 
Reinhard Ringwald erzählt von seiner Idee, »mal was ganz anderes als nur Menschen und Landschaften in Szene zu setzen«. Am Bücherregal habe er eher zufällig das »Narrenschiff« herausgezogen (siehe Erläuterung oben), die Zeichnungen angeschaut und gedacht: Da könnte man zur Fasnacht was draus machen! Er hatte sich schon in der Foto-AG in der Schule vom »Malen mit Licht« begeistern lassen. Lernte von der Pike auf das Filmeentwickeln und das Vergrößern auf Fotopapier im Labor. Und auch, wenn er erst einmal Betriebswirtschaft studiert hat und in den Staatsdienst gegangen ist: Das Fotografieren ließ ihn nie mehr los. »Das ist meine ideale Entspannung, da kann ich mich stundenlang drin vergessen.«
Und was er nun mit den »Narrenschiff«-Bildern macht? Sich daran freuen. Sie dem Model und der Künstlerin für ihre Kundenakquise zur Verfügung stellen. Und selbst auf die Homepage und die Facebookseite laden – als idealer Türöffner für neue Aufträge.

Selfie mit dem Tod

Die Suppe ist leer, »Nicky gibt den Löffel ab«, kalauert Reinhard Ringwald. Das Model steht weiter still, die Malerin ist nun bei den »Special Effects« angekommen. Julie Boehm ist multimediale Künstlerin für klassische und digitale Malerei, Composings, Körpermalerei und Film. Nach ihrem Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Wien, zwei Jahren an der Babelsberg Filmschool ist sie nun in der Endphase ihres Studiums für Animation an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. 
»Reinhards Auftrag hat mich gereizt«, sagt sie. Und nach weiteren zweieinhalb Stunden intensiver Arbeit steht der Tod nun fix und fertig im Stüble – inklusive Kopfbedeckung, die Julie bereits in ihrem Atelier angefertigt hat. 
Inzwischen sind auch die weiteren Statisten eingetroffen: Carina Kühnau spielt im Engelsgewand die Justizia, die Hausacher Senwig-Hexen die Narren. Der Fotograf hat sein Equipment in der Tenne über dem Stall aufgebaut: Blitze, Lampen, Schirme – »das Licht ist das Wichtigste beim Fotoshooting.«
Jetzt wird es ernst. Der Tod betritt die Scheune, die Statisten erwarten ihn dort, und die Zuschauerreihen sind mit den Kindern des Hofs auch schon gefüllt. Der Fotograf stellt die Figuren, misst das Licht für die Gesichter aus, stellt um, gestaltet neue Szenen. Nach eineinhalb Stunden in der kalten Scheune will Nicky nicht etwa sterben – sondern sie will so fantastisch geschminkt noch zur Fasnacht.

Reinhard Ringwald rät ihr, in Vorderlehengericht ordentlich auf die Tube zu drücken. Er würde sich zu gern die Gesichter im Landratsamt vorstellen, wenn sie auf dem Foto sehen, wer da an ihrem Blitzer vorbeigerast ist. 
Doch bevor Nicky van Tastic wieder das Tal hinunterfährt, muss sie noch ein letztes Mal modeln: für die Selfies der Kinder vom Hof. Denn wer von den Freunden hat schon ein Foto mit dem Tod?
 

15. Februar 2017
Artikel Flashbook
15.02.2017
Autor:
Claudia Ramsteiner

Stichwort

Das Narrenschiff

Das Narrenschiff  des Sebastian Brant (1457–1521), 1494 gedruckt von Johann Bergmann von Olpe in Basel, wurde das erfolgreichste deutschsprachige Buch vor der Reformation. Es handelt sich um eine spätmittelalterliche Moralsatire, die eine Typologie von über 100 Narren bei einer Schifffahrt mit Kurs auf das fiktive Land Narragonien entwirft und so der Welt durch eine unterhaltsame Schilderung ihrer Laster und Eigenheiten kritisch und satirisch den Spiegel vorhält. Das Werk wurde 1497 ins Lateinische übersetzt und durch Weiterübersetzungen in verschiedene Sprachen in ganz Europa verbreitet. 

Das Buch gliedert sich in eine vorred und 112 Kapitel, die in den meisten Fällen jeweils ein typisches menschliches Fehlverhalten oder Laster beschreiben und als Auswuchs närrischer Unvernunft präsentieren, so z. B. Habsucht, Kleidermoden, Schwätzerei oder Ehebruch, auch vor der Einnahme Konstantinopels durch das Osmanische Reich und dem nahen Weltende wird gewarnt; Regierende bekommen gute Ratschläge, und ein neuer Heiliger namens St. Grobian führt sich wie ein Flegel auf.   Quelle: Wikipedia

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