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"HZV bewegt den Tanker Gesundheitswesen"

Zweite Evaluierung der Hausarztzentrierten Versorgung in Baden-Württemberg vorgestellt / Keine "Rosinenpickerei“ erkennbar
09. September 2014
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Die Hausarztzentrierte Versorgung (HZV) der AOK Baden-Württemberg ist auf dem richtigen Weg. Zu diesem Fazit zumindest kommt die zweite Evaluation dieses Modells zur besseren Patientenkoordinierung, die die Krankenkasse am Dienstag gemeinsam mit Hausärzteverband und Medi-Verbund in Berlin vorgestellt hat.

Berlin. Weniger Bürokratie, bessere Betreuung: Für die AOK Baden-Württemberg ist das Abrechnungsmodell der Hausarztzentrierten Versorgung (HZV) ein gutes. Einer freiwilligen Evaluation zufolge, der zweiten dieser Art, spart die HZV nicht nur etwa 100 Euro an Kosten pro Jahr und Patient ein, sondern verringert auch die Anzahl an Krankenhauseinweisungen – um rund 4500 jährlich. "Die HZV bewegt den Tanker Gesundheitswesen", lautete somit die frohe Botschaft von Christopher Hermann, dem Vorstandsvorsitzenden der AOK Baden-Württemberg, gestern bei der Vorstellung der Evaluationsergebnisse in Berlin. Damit es auch in anderen Bundesländern erfolgreich werden kann, bedarf es allerdings noch der Verbesserung.

Vor allem überdurchschnittlich kranke Patienten würden im Vergleich zur Regelversicherung besser betreut, so Ferdinand M. Gerlach und Joachim Szecsenyi, die beiden wissenschaftlichen Leiter der Evaluation. Eine von manchen schon befürchtete "Rosinenpickerei" sei nicht zu erkennen. Die HZV-Versorgung trage durch die kontinuierliche Arzt-Patient-Beziehung zur Risikoreduktion etwa bei der Verabreichung von Neuroleptika und Sedativa bei. Zudem habe sich gezeigt: Die HZV führe, wie ausdrücklich gewünscht, zu häufigeren Hausarztkonsultationen, und trage damit zu  einer effektiveren Versorgung und zu weniger Fällen "vermeidbarer Hospitalisierung" bei. Die Motivation für Ärzte, der HZV beizutreten, liegen laut der Evaluation unter anderem in der geringeren Bürokratie, der besseren Bezahlung und den angebotenen Fortbildungen. Auch trage der Einsatz von etwa 1500 arztentlastenden Versorgungsassistentinnen in der Hausarztpraxis (Verah) Früchte.

Berthold Dietsche, Landesvorsitzender des Deutschen Hausärzteverbands, zeigte sich bei der Vorstellung der Evaluation zudem dahingehend optimistisch, dass die HZV, die bisher mit 18 Gemeinden und vier Landkreisen kooperiere, etwas gegen den Ärztemangel in ländlichen Gegenden beitragen kann. "In den vergangenen Monaten konnten wir vier Hausarztpraxen vermitteln."

Den Informationsfluss zwischen Haus- und Fachärzten lobte indes Werner Baumgärtner, Vorstandvorsitzender des Medi-Verbunds Baden-Württemberg,  "Die Wartezeitproblematik ist bei uns gelöst." In der HZV ist geregelt, dass Versicherte innerhalb von 14 Tagen einen Facharzttermin erhalten. Indes: Bei etwa zehn bis 15 Prozent klappt dies noch nicht so. Außerdem müssten die Regelungen zur Fallbereinigung maßgeblich verbessert werden: "Sonst wird die HZV nur in Baden-Württemberg, aber nicht in anderen Bundesländern laufen."

Herausgegeben wurde die Evaluation vom Universitätsklinikum Heidelberg und der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main. Rund 1,2 Millionen Versichertendaten (50 Prozent HZV-, 50 Prozent Regelversicherte) der Jahre 2011 und 2012 dienten als Grundlage. Hinzu kamen Befragungen von Patienten, Ärzten und Versorgungsassistentinnen in der Hausarztpraxis (Verah) 2013 und 2014.

Der HZV-Vertrag wurde von der AOK 2008 initiiert, 2013 investierte die Kasse dafür mehr als 300 Millionen Euro. Ebenfalls vergangenes Jahr wurde die Vergütungsstruktur geändert – 85 Euro erhält ein Arzt nun pro Patient. Laut AOK-Vorstandsvorsitzendem Hermann 40 Prozent mehr als in der Regelversorgung. Im Bereich Fachärzte fehlten in der HZV noch Hals-Nasen-Ohren-, Haut- und Augenärzte sowie Gynäkologen. Die nächste Ausschreibung richte sich noch im September an Urologen, sagte Hermann. Rheumatologen sollen folgen ins „lernende System“ HZV.

Autor:
Stefan Angele

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Hintergrund

Hausarztzentrierte Versorgung (HZV)

Innerhalb der HZV wählen Versicherte freiwillig für mindestens zwölf Monate einen festen Hausarzt aus und wenden sich ausschließlich über diesen mittels Überweisung an Fachärzte. Vor allem bei älteren und/oder chronischen Patienten soll so eine effizientere Betreuung erreicht werden. „Viele Studien haben gezeigt: Es macht Sinn, wenn ein Arzt den Überblick hat“, sagte Evaluationsleiter Ferdinand M. Gerlach. Die HZV nehmen mehr als 1,25 Millionen Versicherte in Baden-Württemberg in Anspruch. Mehr als 3800 Hausärzte und rund 1500 Fachärzte sind landesweit integriert.

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