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Straßburg/Paris

Verunglückter TGV-Testzug war 90 Stundenkilometer zu schnell

Französische Verkehrsunfall-Untersuchungsstelle legt erste Ergebnisse vor / Kritik an der Art und Weise der Testfahrten mit Höchstgeschwindigkeit
12. Februar 2016
&copy Archiv/Lukas Habura

Der im vergangenen November bei Straßburg verunglückte TGV-Testzug war deutlich zu schnell und bremste zu spät. Das sind die ersten Ergebnisse der Auswertung des Fahrtenschreibers, den die Französische Verkehrsunfall-Untersuchungsstelle BEA-TT jetzt vorlegte. Warum der Zug zu spät bremste, ist noch nicht ermittelt.

Zu hohe Geschwindigkeit und zu spätes Bremsmanöver: Was die französische Staatsbahn SNCF schon wenige Tage nach dem tödlichen Unglück eines TGV-Testschnellzugs Mitte November vergangenen Jahres als Ursache vermutete, scheint nun erhärtet. Denn auch das beim französischen Verkehrsministerium angesiedelte BEA-TT, die Untersuchungsstelle für Verkehrsunfälle, kommt in seiner Auswertung des Fahrtenschreibers zu diesem Schluss. "Die sehr überhöhte Geschwindigkeit des Testwagens ist die einzige Ursache für sein Entgleisen", heißt es in einer nun veröffentlichten ersten offiziellen Stellungnahme.

Bei dem Unglück war am 14. November bei Eckwersheim nördlich von Straßburg ein TGV-Testzug auf dem fertig gestellten zweiten Teilstück der Hochgeschwindigkeitsstrecke Paris-Straßburg auf einer Brücke entgleist und in die Tiefe gestürzt. 11 Menschen starben bei dem Unglück, 42 Insassen wurden zum Teil schwer verletzt.

265 statt 176 Stundenkilometer

Die ersten Ergebnisse des BEA-TT kommen zu dem Schluss, dass der Testzug kurz vor der Kurve vor der Unfallstelle mit Tempo 265 km/h unterwegs war. An dieser Stelle, dem Wechsel von der Hochgeschwindigkeitstrasse auf die traditionelle Bahntrasse, waren aber lediglich 176 Stundenkilometer erlaubt. In der Kurve vor der Unglücksstelle betrug die Geschwindigkeit noch 243 km/h, ehe die Lokomotive zweihundert Meter weiter entgleiste und in den Rhein-Marne-Kanal stürzte.

Die Untersuchung des Fahrtenschreibers erlaubt es nach Angaben des BEA-TT "zu bestätigen, dass die festgestellte zu hohe Geschwindigkeit einzig auf ein um rund zwölf Sekunden zu spät eingeleitetes Bremsmanöver zurückzuführen ist".

Bericht entlastet Zugpersonal

Für das zu späte Bremsen gebe es "zahlreiche Gründe,...die noch nicht vollständig ermittelt sind". Zum jetzigen Zeitpunkt lassen laut BEA-TT die Untersuchungsergebnisse jedoch keinen Schluss zu, "die Ernsthaftigkeit des mit der Testfahrt betrauten Personals in Zweifel zu ziehen". Auch gebe es bislang keine Anhaltspunkte, dass die Anwesenheit zahlreicher Gäste im Testzug bei dem Unfall eine entscheidende Rolle gespielt hätte. Kurz nach dem Unfall war aufgrund der ersten Auswertungen und der Zeugenaussagen bekannt geworden, dass sich zum Zeitpunkt des Unfalls mindestens sieben Personen im Führerstand aufgehalten hatten. Ob diese den Zugführer ablenkten, ist unklar.Anders als bei einem Passagierflugzeug ist der Führerstand der Hochgeschwindigkeitszüge nicht mit einer Blackbox ausgerüstet, die auch Gespräche und Geräusche aufzeichnet.

Weil sich bei der technischen Probefahrt unter den insgesamt 53 Personen vorschriftswidrig auch 4 Kinder zwischen 10 und 15 Jahren an Bord befanden, die beim Unglück verletzt wurden, war von der SNCF- Direktion bereits ein Disziplinarverfahren gegen das Personal eingeleitet worden.

Weiter gibt das BEA-TT zu bedenken, ob nicht die SNCF die Art und Weise ihrer Testfahrten und die Überprüfungsregeln für neue Hochgeschwindigkeitsstrecken überdenken sollte.

Der Erfahrungsgewinn von Testfahrten mit einem Tempo deutlich über der normalen Reisegeschwindigkeit auf den in den vergangenen Jahren realisierten Hochgeschwindigkeits-Neubaustrecken habe nicht gezeigt, "dass diese Fahrten ein Problem oder eine Anomalie aufdeckten, das nicht durch normale Testfahrten im Probebetrieb hätte gefunden werden können".

 

Autor:
Jürgen Lorey

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