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Interview

»Die eine Kultur gibt es nicht«

Interview mit Serge Neunlist und Vera Sauter vom Zentrum für grenzüberschreitende Kompetenzen in Mulhouse
03. Januar 2017
&copy NovaTris

Sprachkenntnisse aufpoliert, Stelle ergattert: endlich am Ziel! Wenn da bloß nicht die kleinen kulturellen Unterschiede wären, die das Berufsleben manchmal trüben. Oder sind das nur Vorurteile? Serge Neunlist (55), Prorektor der Université Haute-Alsace in Mulhouse, kennt die Feinheiten: Seine Mutter ist Deutsche, sein Vater Franzose, und geboren wurde er in der Schweiz. Vera Sauter (29), eine gebürtige Freiburgerin, arbeitet im selben Team. Sie kümmert sich um interkulturelle Pädagogik beim Zentrum für grenzüberschreitende Kompetenzen (»NovaTris«).

Herr Neunlist, worin unterscheidet sich die Arbeitskultur in Deutschland von der in Frankreich?

Neunlist: Die eine Kultur gibt es nicht, weder in Frankreich noch in Deutschland. Kultur ist immer etwas Dynamisches. Wenn jemand vor 20 Jahren auf Weltreise gegangen ist, ist er dann immer noch derselbe, wenn er in sein Dorf zurückkehrt? Natürlich nicht. Wir werden geprägt von unseren Erfahrungen und unserer Persönlichkeit. Stereotypen sollten wir kennen, aber wir dürfen nicht an ihnen hängen bleiben.

Aber machen Sie es sich damit nicht zu einfach? Es gibt doch gerade im Berufsleben konkrete Unterschiede, etwa in Bezug auf Bewerbungen, Pausenzeiten oder das Verhältnis zum Chef.

Sauter: Wir dürfen aber die Personen, mit denen wir zusammenarbeiten, nicht auf Stereotype reduzieren. Trotzdem gibt es natürlich kulturelle Unterschiede. Das fängt schon in der Schule an. In Deutschland ist man da­rauf bedacht, Dinge kritisch zu sehen, auch mal den Dozenten oder den Chef zu hinterfragen. Für einen französischen Arbeitgeber könnte das schnell unhöflich aussehen. Hier setzt man eher auf Lerndisziplin, was sowohl Vor- als auch Nachteile hat.

Gibt es Missverständnisse, die besonders häufig auftreten?

Sauter: In Frankreich habe ich das Gefühl, beim Sprechen öfter unterbrochen zu werden als in Deutschland. Am Anfang habe ich das als unhöflich empfunden, musste mich erst daran gewöhnen. Oder bei den Pausenzeiten. In Deutschland kommt es den meisten seltsam vor, wenn jemand zwei Stunden Mittagspause macht. Für mich ist das inzwischen ganz normal, ich würde es gar nicht mehr anders wollen (lacht).

Was ist das beste Rezept, um solche Unterschiede aufzufangen?

Neunlist: Ein globales Rezept gibt es leider nicht. Es hilft aber, Fortbildungen anzubieten, um Klischees hinter sich zu lassen. Wir haben zum Beispiel den grenzüberschreitenden Studiengang »Regio Chimica«» aufgebaut. Da gab es am Anfang viel Skepsis – auf beiden Seiten. Bilden wir nicht schlechte Chemiker aus, wenn sich ein Teil des Studiums mit kulturellen Fragen beschäftigt? Können die Leute den Stoff richtig erfassen, wenn sie auch noch eine andere Sprache benutzen müssen? Die Sorgen waren unberechtigt, die Absolventen sind sogar bessere Chemiker. Und sie können in beiden Ländern arbeiten.

Wo sehen Sie die größten Hürden, was den grenzüberschreitenden Arbeitsmarkt angeht?

Neunlist: Ich sehe drei Hauptprobleme. Erstens: die Sprache. Die Schweizer sind da am besten. In Deutschland und vor allem in Frankreich muss in den Schulen mehr getan werden. Zweitens: der Transport. Selbst von Mulhouse nach Freiburg ist die Zugverbindung stark verbesserbar. Und drittens, vielleicht das Wichtigste: die Grenze im Kopf. 

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Neunlist: Ein Bekannter von mir hat eine kleine Firma, die in einer französischen Enklave in der Schweiz liegt. Er wäre fast pleite gegangen, weil er nicht genügend französische Kunden hatte. Von sich aus wäre er nie auf die Idee gekommen, in der Schweiz nach Kunden zu suchen. Er dachte, er dürfte das gar nicht. Heute hat er eine Dependance in der Schweiz – und 80 Prozent seiner Kunden sind Schweizer.

Sie haben Sprachkenntnisse angesprochen. Wäre es nicht am einfachsten, wenn am Arbeitsplatz alle Englisch miteinander redeten?

Neunlist: Davon halte ich gar nichts. Wenn ich es gar nicht erst versuche, wird es nie funktionieren. Die Sprache ist der Einstieg in die Kultur. Wenn ich einen Praktikanten in Basel besuche, läuft das am Anfang immer auf Englisch ab. Nach zehn Minuten sage ich dann, dass wir auch gerne auf Schwyzerdütsch weitermachen können. Plötzlich ist die Atmosphäre eine ganz andere, nicht mehr so steril, sondern menschlich.

Wie kann man auch im fortgeschrittenen Alter die Sprache noch lernen?

Sauter: Tandems sind eine gute Methode. Wir vermitteln Tandempartner für alle Lernenden. Das ist mehr als nur ein lustiger Kaffeeklatsch. Wir schauen uns an, welche Leute in der Datenbank gut zueinander passen, und bieten ihnen auch einen Tutor an. Dieser erklärt, wie ein gutes Tandem funktioniert, damit man dabei auch wirklich etwas lernt.

Neunlist: Für Berufstätige gibt es eine gute Nachricht: Wir werden unsere Angebote demnächst auf die private Wirtschaft erweitern. 
 

Autor:
Steve Przybilla

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