Boulevard

»Ich war eigentlich immer verliebt«

Autor: 
Martin Weber
Lesezeit 4 Minuten
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09. Mai 2015

Senta Berger ist heute Abend im ZDF wieder als Kriminalrätin Eva-Maria Prohacek zu sehen. ©dpa

Seit 13 Jahren spielt Senta Berger die Kriminalrätin Eva-Maria Prohacek, die schon manche Schweinerei aufgedeckt hat. In der neuen Folge der preisgekrönten Filmreihe »Unter Verdacht« (heute, 20.15 Uhr, ZDF) bekommt es Prohacek mit erschütternden Missständen in der Altenpflege zu tun.

Frau Berger, wären Sie gerne noch einmal jung?
Senta Berger: Oh ja! Sehr gerne. Es war eine herrliche Zeit – mit allen Verwirrungen und Stimmungswechseln. Ich war eigentlich immer verliebt, und das ist doch herrlich.
Sie spielen Eva-Maria Prohacek schon lange. Ist die Figur in Würde gealtert – oder gibt es so etwas gar nicht?
Berger: Ich habe das Wort Würde oft verwendet für das Älter- und Altwerden. Ich meinte damit, zu sich stehen lernen, die Spuren der Zeit wahrnehmen, die auf der Haut und die auf der Seele, und sie annehmen. In diesem Sinne, denke ich, ist die Prohacek gut gealtert.
In ihrem neuen Fall bekommt es Frau Prohacek mit umfangreichen kriminellen Machenschaften in der Altenpflege zu tun. Ein realistisches Szenario?
Berger: Die beiden Autoren haben sich an reale Fälle gehalten, die  sich in Nordrhein-Westfalen zugetragen haben. Russlanddeutsche, um die es in unserem Film ja geht, haben Anrecht auf soziale Unterstützung in Deutschland, also auch auf Pflegehilfe. Die Visa für alte, pflegebedürftige Russlanddeutsche sind problemlos zu haben. Diesen Menschen wird ein sicherer Platz in einem großartigen Heim versprochen, tatsächlich aber werden sie auf das Übelste abgezockt. Nicht vorhandene Pflege wird mit den Krankenkassen abgerechnet,  Medikamente, die nicht gegeben werden, werden verrechnet. Die alten Menschen können sich nicht wehren. Das ist das reale Szenario. Wir haben dieses Thema mit den filmischen Mitteln eines klassischen Krimis umgesetzt, ohne den Kern des Problems, des Dramas zu verlieren.
Was läuft Ihrer Ansicht nach generell schief bei der Altenpflege?
Berger: Alte Menschen haben keine Lobby. Dennoch bewegt sich der Staat, die Gesellschaft, also wir – langsam, aber doch. Man denkt ja immer, die Reaktionen auf gesellschaftliche Veränderungen, wie immer sie auch sein mögen, könnten schneller und effizienter geschehen. Aber es dauert. Es dauert, bis sie auch in Gesetzesänderungen oder gar in neue Gesetze einfließen. Erst ist das Unbehagen da und lange Jahre danach wird darüber auch öffentlich diskutiert, die Medien zeigen auf und machen Druck. Wieder Jahre später gibt es neue Gesetzgebungen. Altenpfleger, das Krankenhauspersonal sind notorisch schlecht bezahlt. Das wissen wir. Was für ein Sozialstaat ist das, wenn er nicht genügend Respekt hat für seine alten Bürger und deren Pfleger?
Warum werden alte Menschen vielfach nur noch als Kostenfaktor begriffen?
Berger: Wird in unserem materiellen Zeitalter nicht alles abgerechnet? Was bringt es? Was kostet es? Alte Menschen »bringen« für die Zukunft zu wenig. Ist das wahr? Ich glaube nicht. Ich habe von meinen Eltern so viel erfahren über ihre Vergangenheit und damit über die österreichische Geschichte, sie waren mir mit ihren Erfahrungen eine große Hilfe für meine Gegenwart und für die meiner Kinder. Man muss aber Fragen stellen, zuhören und Antworten einfordern.
Ihre eigenen Eltern haben im Alter bei Ihnen gelebt. Ist man früher besser mit den Alten umgegangen?
Berger: Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass du in einer durchschnittlichen Wohnung von heute zu deiner eigenen Familie nicht auch noch die Eltern aufnehmen kannst. Und vor allem dann nicht, wenn sie pflegebedürftig sind, und auch dann nicht, wenn man selber beruflich tätig ist oder sein muss. Wir haben in unserem großen Haus über Jahrzehnte ein Drei-Generationen-Haus führen können. Meine Eltern habe ich selbst gepflegt. Mein Mann ist Arzt, und er stand immer an meiner Seite und mehr noch an der Seite meiner Eltern.
Haben Sie selber Pläne für den Fall der eigenen Pflegebedürftigkeit oder der Ihres Mannes?
Berger: Nein. Mit dem Plänemachen versucht man das Unvorstellbare in den Griff zu bekommen. Aber das Leben spielt nicht nach unseren Regeln. Ich denke, dass unsere Söhne im Falle eines Falles für uns entscheiden werden. Zu unserem Besten.
Eva Prohacek sieht ihrer Zukunft mit gemischten Gefühlen entgegen. Geht es Ihnen ähnlich?
Berger: Ja, manchmal überwältigt mich der Gedanke, der ja in meinem Alter auftauchen muss: Wie wenige Jahre uns, mir wohl noch bleiben. Und wohin geht die Welt? Was geschieht? Dieser Hass, dieser Fanatismus. Diese Spaltung der Welt wie im Mittelalter. Was wird sein mit meinen Kindern und deren Kindern? Ja, und dann ist es so ein Frühlingstag wie heute, die Blaumeisen nisten in den Jalousiekästen und das alljährliche Ringeltaubenpärchen pickt den neuen Grassamen – und ich bin ganz ruhig und zuversichtlich.

Zur Person

Senta Berger

Senta Berger wurde 1941 in Wien geboren und begann schon früh mit der Schauspielerei. Sie drehte zahlreiche Kinofilme wie »Der brave Soldat Schwejk« oder »Mit teuflischen Grüßen« mit Alain Delon. In den Sechzigern arbeitete sie erfolgreich in Hollywood. In den achtziger Jahren war sie in den Erfolgsserien »Kir Royal« und »Die schnelle Gerdi« zu sehen, seit 2002 spielt die beliebte Charakterdarstellerin die Ermittlerin Eva-Maria Prohacek. Senta Berger ist mit dem Regisseur und Mediziner Michael Verhoeven verheiratet, das Paar hat zwei Söhne und lebt in Grünwald bei München.

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