Warum Harry aussteigt

„Zweitgeborene sind oft die Rebellen“

Autor: 
Simone Höhn
Lesezeit 3 Minuten
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14. Januar 2020
Gibt er wieder Widerworte? Der britische Prinz Harry ist als zweitgeborener Sohn deutlich unangepasster als sein ältere Bruder William.

Gibt er wieder Widerworte? Der britische Prinz Harry ist als zweitgeborener Sohn deutlich unangepasster als sein ältere Bruder William. ©Foto: dpa/Yui Mok

Prinz Harry bricht mit der Tradition. Dass jüngere Söhne wie er rebellieren und aus der Rolle fallen, kommt häufiger vor. Was ein Familienforscher über Geschwisterfolge und Bruderzwist sagt.

Stuttgart - Hartmut Kasten (75) ist Entwicklungspsychologe und Familienforscher im bayerischen Unterschleißheim. Er beschäftigt sich unter anderem mit Geschwisterkonstellationen und gibt im Fall des Rückzugs von Prinz Harry und Herzogin Meghan interessante Einblicke in innerfamiliäre Hierarchien, Rollenverteilungen und Brüderbeziehungen.

Herr Kasten, sind Zweitgeborene die rebellischeren Nachkommen?

Es ist in traditionell konservativen Familien meistens so, dass je nach Geburtsrang bestimmte Erwartungshaltungen vorgegeben sind. Immer dort, wo es auch um Status und Erbschaften geht, sind die Zweitgeborenen oft die Abtrünnigen und Rebellischen. Sie befreien sich eher von Traditionen und familiären Korsetts und gehen ihre eigenen Wege. Das gilt aber nicht für die normale Durchschnittsfamilie. Der Zeitgeist lässt es zu, dass Harry und Meghan ihre eigenen Wege beschreiten. Es ist gut und wichtig, dass sich auch Jahrhunderte alte Traditionen wandeln – nur so ist das Königshaus fähig, weiterhin zu existieren.

Der kleine Bruder wird abtrünnig – was bedeutet das für den großen Bruder?

Die Chemie der Geschwisterbeziehung wird entscheidend bestimmt von den Eltern. Wenn diese den Erstgeborenen anders behandeln als die jüngeren Geschwister, wirkt sich das auf die Charaktere aus. Da kommt es unter Umständen zu immensen Abgrenzungsprozessen zwischen den Geschwistern. Bei Brüdern, bei denen statische Rollenzuweisungen gegeben sind, so wie bei den Royals, sind Neid und Eifersucht programmiert. Geschwister vergleichen sich miteinander, vor allem gleichgeschlechtliche, das ist ein universelles Phänomen. Sobald die Vergleiche schmerzhaft sind, fangen Menschen an, sich abzugrenzen und eigene Wege zu gehen. Wenn der Erstgeborene, so wie im Fall von Prinz William, von Anfang viel mehr Privilegien hatte, ist es nachvollziehbar, dass sich der Bruder mitunter zurück gesetzt fühlt. Dem entgegen zu wirken, ist Sache der Eltern. Miteinander reden und sich auseinander zu setzen ist sehr wichtig.

Zum Beispiel innerhalb eines Familiengipfels, so wie das die Windsors nun getan haben?

Ja, so eine ist Familienkonferenz ist sicherlich eine gute Sache. Vor allem in Familien, bei denen völlig neue Wege beschritten werden, mit Konventionen gebrochen wird und alles in Aufruhr gerät. Das kann auch in Familien passieren, wo beispielsweise das Firmenerbe bestimmt wird und es zum Hauen und Stechen zwischen den Geschwistern kommt. Geschwisterneid und -hass ist ein spannendes Thema.

Was passiert, wenn man die Dinge unausgesprochen lässt?

Alles, was unter den Teppich gekehrt wird, bäumt sich irgendwann darunter zu einer großen Beule auf und wird zur Tretmine, die sich explosionsartig entlädt sobald man drauf tritt. Und das kommt gar nicht so selten vor, auch in Durchschnittsfamilien.

Harry war schon immer das „Schwarze Schaf“ bei den Windsors. Welche Familienmitglieder sind prädestiniert für diese Rolle?

Die, sich nicht konform verhalten, die sich abgrenzen, die einfach nicht mitmachen wollen – oft sind das die Zweitgeborenen. Je stärker das Korsett, das einem von außen aufgedrückt wird, desto heftiger können die renitenten Reaktionen ausfallen.

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