Analyse

Die Zeitbombe Windows 7 tickt noch immer

Autor: 
dpa
Lesezeit 5 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
13. Januar 2021
Behörden, Unternehmen und private Nutzer setzen noch immer massenhaft das vor einem Jahr eingestellte PC-Betriebssystem Windows 7 ein, obwohl die Software inzwischen massive Sicherheitslücken aufweist. Foto: Mauritz Antin/epa/dpa

Behörden, Unternehmen und private Nutzer setzen noch immer massenhaft das vor einem Jahr eingestellte PC-Betriebssystem Windows 7 ein, obwohl die Software inzwischen massive Sicherheitslücken aufweist. Foto: Mauritz Antin/epa/dpa ©Foto: dpa

Die Ablösung des veralteten und unsicheren PC-Betriebssystems Windows 7 ist überfällig. Aber auch ein Jahr nach dem Auslaufen des Supports durch Microsoft schaffen es viele Anwender nicht, sich vom gefährlichen Software-Dino zu trennen.

Berlin - Behörden, Unternehmen und private Nutzer setzen noch immer massenhaft das vor einem Jahr eingestellte PC-Betriebssystem Windows 7 ein, obwohl die Software inzwischen große Sicherheitslücken aufweist.

Weltweit kommt die Software auch ohne regelmäßige Updates noch auf rund 18 Prozent aller Windows-Computer zum Einsatz, die sich regelmäßig im Internet bewegen. Das geht aus Hochrechnungen von Statcounter hervor. Die Analysefirma stellt auf über zwei Millionen Websites mit einem Tracking-Code fest, welches Betriebssystem von den Anwendern genutzt wird.

Viele Nutzer unterschätzten dabei das Sicherheitsrisiko einer veralteten Windows-Version, sagte Thomas Uhlemann, Security Specialist der Sicherheits-Softwarefirma ESET, der Deutschen Presse-Agentur. "Eine Schwachstelle genügt, und die Computer sind offen wie ein Scheunentor für Cyberkriminelle." Dieses Verhalten sei fahrlässig. "Informationen über bekannte Sicherheitslücken verbreiten sich in Untergrundforen rasant und werden für eine Vielzahl von Angriffsszenarien verwendet."

In Deutschland sieht die Situation zwar etwas besser aus. Hier haben Windows-Betriebssysteme bei Desktop-PCs und Notebooks einen Marktanteil von rund 80 Prozent. Statcounter verzeichnet dabei rund 8,3 Prozent oder gut vier Millionen Windows-7-Geräte. Zusammen mit den ebenfalls veralteten und unsicheren Windows-Versionen Vista, XP und 8 addiert sich das in Deutschland aber immerhin noch auf 5,2 Millionen Geräte, die unsicher sind.

Zu den öffentlichen Einrichtungen in Deutschland, die vor einem Jahr den Umstieg auf ein modernes Betriebssystem nicht rechtzeitig geschafft haben, gehört die Berliner Stadtverwaltung. Dort waren Anfang 2020 erst knapp 82 Prozent der über 80.000 IT-Arbeitsplätze auf Windows 10 umgestellt worden.

Das Land Berlin musste sich wie viele andere Unternehmen und Verwaltungen eine Gnadenfrist bei Microsoft erkaufen, um die noch nicht umgestellten Arbeitsplätze am Laufen zu halten. In den speziellen Supportverträgen verlangt Microsoft nach Schätzung von Experten zwischen 25 und 50 Euro pro Jahr pro Windows-Lizenz. Damit kostete die Verzögerung bei der Umstellung der Windows-7-PCs einen sechsstelligen Betrag im oberen Bereich im Jahr 2020 allein für die Support-Verlängerung bei Microsoft.

Eigentlich sollten die veralteten Rechner alle bis Ende 2020 auf das aktuelle Windows 10 umgestellt sein. Doch am Rande einer Anhörung in einem Fach-Ausschuss im Berliner Abgeordnetenhaus wurde noch im September 2020 von "evidenten" Problemen bei der Umstellung berichtet. Daher blieb die Vollzugsmeldung des Windows-Umstiegs zu Silvester aus.

- Anzeige -

Die Schwierigkeiten waren nicht darauf zurückzuführen, dass es das Land Berlin nicht geschafft hätte, in der Coronakrise moderne Rechner einzukaufen. Der Teufel liegt hier im (Software-)Detail. Bestimmte Programme, die bestimmte Verwaltungsvorgänge ermöglichen, sind ebenfalls hoffnungslos veraltet und laufen unter Windows 10 einfach nicht. "Ich gehe davon aus, dass die Umstellung nicht flächendeckend erfolgreich verlaufen ist", sagte Bernd Schlömer, der Digitalisierungsexperte der FDP-Fraktion im Abgeordnetenhaus.

Auf dpa-Anfrage teilte die Senatsverwaltung für Inneres mit, dass in 2020 weitere 10.000 Rechner erfolgreich umgestellt worden seien. Der Wechsel auf Windows 10 werde in diesem Jahr abgeschlossen. In absehbarer Zeit würden "keine Arbeitsplatzcomputer mehr im Berliner Landesbesitz unter Windows 7 laufen". Die Umstellung der Systeme sei eine "Mammutaufgabe, die nur durch einen großen Kraftakt umgesetzt werden kann".

Unternehmen und Behörden gehen beim Ignorieren des Support-Endes für Windows 7 zum einen ein höheres Risiko ein, weil dies Cyberangriffe erleichtert. So war die Berliner Landesverwaltung bereits mehrfach Ziel von Hacker-Angriffen. Auch das Kammergericht Berlin und Computer an der Humboldt-Universität wurden von Trojanern infiziert. Zu-Spät-Kommer verstoßen nach Experteneinschätzungen aber auch gegen die europäische Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO). Die EU-Richtlinie verlangt, bei der Verarbeitung sowie Nutzung personenbezogener Daten den "Stand der Technik" einzuhalten.

Windows 7 kam vor über zehn Jahren am 22. Oktober 2009 als Nachfolger des erfolglosen Windows Vista auf den Markt und wurde bis 2014 von PC-Herstellern verwendet. Auch der Nachfolger Windows 8 kam mit Startschwierigkeiten und überzeugte viele Nutzer nicht. Daher blieben vor allem viele Unternehmen Windows 7 auch nach 2014 treu.

Obwohl Windows 7 allgemein als ausgereift gilt, wurden in den vergangenen Jahren immer mehr Sicherheitslücken in dem betagten System entdeckt. So wurden im Jahr 2010 nur 64 Sicherheitslücken bei Windows 7 gefunden, 2019 erreichte die Anzahl mit 250 offiziell registrierten Problemen einen Höchststand. Zahlen für 2020 liegen noch nicht vor.

Unternehmen und Organisationen können immerhin bei Microsoft noch kostenpflichtige Updates erwerben. Privatanwender hingegen haben auch für viel Geld keinen Zugang mehr zu den Sicherheitsupdates. Und das könnte beispielsweise beim Online-Banking fatale Folgen haben, warnt Sicherheitsexperte Uhlemann.

"Dass die Zugangsdaten zum Online-Banking sowie die TAN-Nummer nicht an Fremde herausgegeben werden sollen, ist vielen Anwender hinlänglich bekannt". Ein modernes und auf neuestem Stand gehaltenes Betriebssystem gehöre aber ebenso zu den Sorgfaltspflichten wie der Einsatz einer modernen Sicherheitslösung oder ein aktueller Browser. "Im Schadensfall können Banken einen Ersatzanspruch ablehnen, da der Kunde fahrlässig seine Pflichten vernachlässigt hat." Auch Cyberversicherungen verweigerten in vielen Fällen hier eine Regulierung. "Anwender sollten regelmäßig ihren Computer, den sie für das Online-Banking nutzen, auf Updates checken."

© dpa-infocom, dpa:210113-99-04463/2

Das könnte Sie auch interessieren

- Anzeige -
  • Kompetenz rund ums Auto, das gibt es bei CarConcept in Appenweier.
    15.01.2021
    CarConcept in Appenweier bietet markenübergreifendes Know-how vom Experten
    CarConcept in Appenweier berät individuell und kompetent rund ums Auto. Der Fahrzeugspezialist und sein Team verfügen über ein markenübergreifendes Know-how in den Bereichen Smart Repair, Car Cosmetic, Austausch und Reparatur von Autoglas sowie den An- und Verkauf geprüfter und garantierter ...
  • Ab Montag kann bestellte Ware wieder im regionalen Handel abgeholt werden.
    08.01.2021
    Jetzt wieder möglich
    Die Corona-Krise belastet den örtlichen Einzelhandel und die heimische Gastronomie seit Monaten. Die Gewerbetreibenden haben zwischenzeitlich online ein engmaschiges Servicenetz aufgebaut, das ab Montag, 11. Januar, wieder intensiver genutzt werden kann. Die Verordnung des Lands lässt zu, dass...
  • Mit dem Danke-Generator hat jeder die Möglichkeit, seinem persönlichen Corona-Helden zu danken.
    29.12.2020
    #GemeinsamAllemGewachsen: Online-Kampagne der Sparkasse Offenburg/Ortenau
    Distanz prägt das Leben zur Zeit der Pandemie. Umso wichtiger sind jetzt Aufmerksamkeit und Anteilnahme. Mit dem persönlichen Danke-Generator sorgt die Sparkasse Offenburg/Ortenau für Nähe und für eine Möglichkeit, den Helden des Alltags für ihren Einsatz zu danken.
  • Nicht nur der E-Twingo zaubert dem Fahrer ein Lächeln ins Gesicht: Die Stromer überzeugen mit zukunftsweisender Technik und peppigem Design.
    23.12.2020
    Bei der TRI AG Automobile puren Fahrspaß erleben
    Wer umweltfreundliche Technologie sucht und prickelnden Fahrspaß will, ist bei der TRI AG Automobile genau richtig. Das Autohaus mit sieben Standorten in Baden ist Experte für die Marken Renault, Dacia und Hyundai, die mit innovativer Technik überzeugen.