Lyriker

200. Geburtstag von Baudelaire: Zwischen Abscheu und Ekstase

Autor: 
dpa
Lesezeit 4 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
08. April 2021
Der italienische Land-Art-Künstler Dario Gambarin hat im Jahr des 200. Geburtstags des französischen Dichters Charles Baudelaire ein riesiges Abbild von diesem in einen Acker gefräst. Foto: --/Dario Gambarin/dpa

Der italienische Land-Art-Künstler Dario Gambarin hat im Jahr des 200. Geburtstags des französischen Dichters Charles Baudelaire ein riesiges Abbild von diesem in einen Acker gefräst. Foto: --/Dario Gambarin/dpa ©Foto: dpa

Charles Baudelaire hat mit «Die Blumen des Bösen» die Dichtkunst revolutioniert. Ohne ihn ist die literarische Moderne in Europa nicht denkbar.

Paris - Hässlich, abscheulich, morbide, blasphemisch und obszön: Frankreichs Presse ließ kaum ein gutes Haar an dem im Juni 1857 erschienenen legendären Gedichtband "Die Blumen des Bösen" (Le Fleurs du Mal) von Charles Baudelaire.

Heute ist das Buch das bekannteste Werk Baudelaires, der vor 200 Jahren, am 9. April 1821, geboren wurde. Ohne seine Lyrik ist die literarische Moderne in Europa nicht vorstellbar.

Der Gedichtzyklus löste einen Skandal aus. Nur zwei Wochen nach seinem Erscheinen wurde gegen Baudelaire ein Prozess wegen Beleidung der öffentlichen Moral und der guten Sitten eingeleitet. Im August wurde der Pariser Lyriker dann zu einer Geldstrafe von 300 Francs verurteilt, und sechs Gedichte, die als obszön und unmoralisch beanstandet wurden, mussten aus der Ausgabe entfernt werden.

An seinem Hauptwerk hat Baudelaire rund zehn Jahre gearbeitet. Der Großteil der Gedichte ist zwischen 1840 und 1850 entstanden, viele davon sind zuvor schon einzeln erschienen. Doch mit seinem Buch hat Baudelaire nicht einfach nur eine Anthologie veröffentlicht. Er verfasste ein zusammenhängendes Ganzes vom Leiden an der Welt, das wegweisend für die moderne Lyrik war. Denn sowohl formal als auch inhaltlich brach Baudelaire mit der traditionellen Poesie.

Als Vorläufer der Symbolik, der sich von der Romantik befreite, ebnete er den Weg für die Moderne. Pessimismus, Melancholie, Tod, Eros, Ekstase, Sehnsucht, Absturz: Motive, die seine Gedichte durchziehen. Doch im Gegensatz zu den Romantikern erhebt er sie in seinen Versen nicht ins Sinnliche, Fantastische und Schaurige, sondern stellt sie als hässliche und abscheuliche Realität dar und den Menschen als zerrissenes Wesen zwischen Gut und Böse.

In dem Gedichtzyklus evoziert er ein ungerechtes Weltbild, schreibt über die Großstadt, die Welt der Armen, der Obdachlosen und Prostituierten. Seine Gedichte sind verschlüsselte, selbstkritische, leidenschaftliche, aggressive und verzweifelte Texte eines an sich und der Gesellschaft Verzweifelten.

Hässliches verkehre mit Verabscheuungswürdigem, lautete damals die Kritik der französischen Tageszeitung "Le Figaro". Und: Diese negative Wertschätzung werde das dominierende Urteil der Zeit werden, war weiter zu lesen. Als Baudelaire das Gedichtband veröffentlichte, war er 36 Jahre alt.

- Anzeige -

Baudelaire hat "Die Blumen des Bösen" in einer Zeit geschrieben, die mit der Julirevolution von 1830 und der Februarrevolution von 1848 politisch unruhig war, gekennzeichnet von Industrialisierung und einem neu aufkommenden Arbeiterproletariat. Bei der Februarrevolution ging er als Revolutionär auf die Straße.

Seine Dichtkunst wurde von nur wenigen seiner Zeitgenossen verstanden und geschätzt, darunter Gustave Flaubert, der seine düstere und distanzierte Sichtweise auf den Menschen und die Welt lobte, oder Victor Hugo, für den Baudelaire einen neuen Nervenkitzel geschaffen hatte.

Bevor Baudelaire sein Skandalwerk veröffentlichte, war er vor allem für seine Kunst- und Literaturkritiken bekannt und seine Übersetzungen der Bücher von Edgar Allan Poe. Seine Versuche, von der Schriftstellerei als Beruf zu leben, blieben wenig erträglich. Er veröffentlichte sporadisch einzelne Gedichte und Novellen, darunter "Fanfarlo" aus dem Jahr 1847. In der Prosaerzählung schildert er seine lange Liebesbeziehung zu der Schauspielerin und Tänzerin Jeanne Duval. In seinem 1860 erschienenen Essay "Die künstlerischen Paradiese" setzt er sich mit der Wirkung und Bedeutung von Drogen auf das künstlerische Schaffen auseinander.

Baudelaires "Blumen des Bösen" sind stark mit seiner Lebensgeschichte verwebt. Früh wurde er zum Halbwaisen. Die rasche Wiederheirat seiner Mutter mit dem autoritären und ehrgeizigen Offizier Jacques Aupick hatte er nie so recht überwunden. Er entwickelte sich zu einem schwierigen, depressiven und sich ungeliebt fühlenden Jungen, der in Internate abgeschoben wurde.

Der Dichter führte ein Leben, das den bürgerlichen Werten, die seine Familie verkörperte, den Rücken kehrte. Er ging in der Pariser Literaten- und Künstler-Bohème ein und aus, zog sich die Syphilis zu und verschleuderte durch eine luxuriöse Dandy-Existenz das Erbe seines Vaters, eines wohlhabenden, literatur- und kunstliebenden ehemaligen Verwaltungsbeamten.

Wegen seines ausschweifenden Lebenswandels mit Alkohol, Drogen und Frauen ließ ihn seine Familie 1844 unter finanzielle Vormundschaft stellen. Im Jahr 1864 ging er nach Brüssel, weil er hoffte, dort mit Vorträgen über Literatur Geld zu verdienen. Doch der Versuch scheiterte. Nach einem Schlaganfall kehrte er unmündig und verarmt nach Paris zurück, wo ihn seine Mutter pflegte. Mit nur 46 Jahren starb er am 31. August 1867.

Baudelaire hat mit seinen "Blumen des Bösen" sein Hauptwerk geschrieben, das er mit Anfang 20 begann. Den Erfolg hat er nicht erleben dürfen. Erst 1949, nach 92 Jahren, wurde die Zensur der sechs Gedichte aufgehoben. Ein Prozess vor dem Kassationsgericht rehabilitierte den Herausgeber - und Baudelaire.

© dpa-infocom, dpa:210408-99-123657/2

Weitere Artikel aus der Kategorie: Kultur

60er-Jahre-Party im Offenburger Ritterhaus 2012: Joe Neckermann (vorne v.l.), Erwin Busam, Pit Köther; (2. Reihe v. l.), Claus Kaiser, Peter Oehler und "Wendy" Dieter Wendling; Jess Haberer, Peter Heiler, Gerald Gaißer und Marlon Grieshaber (Kulturbüro), sitzend Regina Brischle vom Museum. 
19.04.2021
Porträt
55 Jahre lang hat Dieter „Wendy“ Wendling Musik gemacht. Jetzt mit 70 Jahren tourt er nicht mehr, aber in seinem Studio ist er weiterhin aktiv und freut sich über Auftritte mit den Musikerkollegen aus der Ortenau.
Kolumnist Jose F. A. Oliver
19.04.2021
Offenburg
Ich könnte Wörterpurzelbäume schlagen vor Erstaunen. Ach, herrjeh, herrjeh ... April, April!
Charles Baudelaire auf einem Foto aus dem Jahr 1855.
18.04.2021
Kultur
Der vor 200 Jahren geborene französische Lyriker Charles Baudelaire hat die Dichtkunst verändert. Er war auch ein Verehrer von Richard Wagner und verteidigte ihn im Skandal um den „Tannhäuser“ in Paris in seinen Briefen und Aufsätzen.
Jürgen Stark
17.04.2021
Kulturkolumne
„Der Song ist meine Hoffnung, wir benötigen Freude und Stärke.
Szene aus "Metamorphosen" nach Ovid des Theaters Eurodistrikt Baden-Alsace und der Tanzcompagnie Szene 2wei Lahr
16.04.2021
Neuried - Altenheim
Rund 400 Zuschauer haben an Ostern die Onlinepremiere von Edzard Schoppmanns Bearbeitung des Versepos’ „Metamorphosen“ des römischen Dichters Ovid angesehen.
Festival-Chef Jose F. A. Oliver ist mit dem Leselenz 2020 sehr zufrieden.
16.04.2021
Hausach
Auch wenn der Hausacher Leselenz 2020 nicht in gewohnter Weise stattfinden konnte, so ist Festivalchef José F. A. Oliver zufrieden. Digital wurden Lyrik-Fans weltweit erreicht.
Die niederländischen Brüder Arthur und Lucas Jussen bei einem Streaming-Konzert (Hausfestspiel Festspielhaus Baden-Baden; Oster-Edition 2021) im Festspielhaus Baden-Baden am Donnerstag, 1. April 2021
16.04.2021
Kultur
Die Hoffnungen hatten sich nicht erfüllt. Wieder mussten die Osterfestspiele auf dem Corona-Altar geopfert werden. Kein internationales Flair in Baden-Baden, keine Zuschauer, keine großen Konzerte, von Opern ganz zu schweigen. So gab es zum zweiten Mal ein „HausFestSpiel“ als Livestream.
Die Gruppe Masaa mit Sänger Rabih Lahoud (links) bei der „East West Symphony“-Premiere im März 2017 in Lahr. Im Hintergrund Musiker der Philharmonie Baden-Baden.
16.04.2021
Neue CD
Die Fans der Weltmusik-Projekte von Bernd Ruf müssen wegen der Corona-Pandamie auf die nächste Premiere bis 2023 warten. Bis dahin können sie sich mit einer CD-Einspielung der „East West Symphony“ mit der Gruppe Masaa und der Philharmonie Jena trösten.
Jürgen Stark. 
14.04.2021
Kulturkolumne
Mit ihrem Comic-Bestseller „Persepolis“ entlarvt die fanzösische Feministin Marjane Satrapi das Kopftuch als Instrument der Unterdrückung der Frauen im Islam und wirbt gleichzeitig für Toleranz und Gleichberechtigung für alle und jeden.
"The Beatles, London, 1967", in der Kunsthalle Messmer
13.04.2021
Kultur
Die Kunsthalle Messmer in Riegel präsentiert eine ganz besondere Schau: Fotografien von Linda McCartney. 120 Aufnahmen zeigen das Porträt einer Ära.
Durbacher Jazz-Nights: Der Pianist Martin Tingvall spielte im Studio in Rheinau.
12.04.2021
Durbach
Das zweite Streaming-Konzert der Durbacher Jazz-Nights präsentierte den Pianisten Martin Tingvall. Er begeisterte mit Stücken vom neuen Album des Tingvall-Trios.
Kamera läuft: Der Konzertfilm mit der Freiburger Funkband Fatcat und Hannah Wilhelm in Friesenheim.
11.04.2021
Friesenheim
Neue Ausgabe: Die Freiburger Funkband „Fatcat“ mit der Lahrer Sängerin Hannah Wilhelm. Drehort war dieses Mal die Sternenberghalle in Friesenheim.

Das könnte Sie auch interessieren

- Anzeige -
  • Ines Grimm und Julian Schrader begrüßen ihre Kunden im freundlichen Ladengeschäft in der Acherner Hauptstraße.
    16.04.2021
    hörStudio Schrader in Achern: Inhabergeführt, modern und unabhängig
    Hören, sehen, fühlen, schmecken, riechen: Jeder der fünf Sinne sorgt für viel Lebensqualität. Besonders das Hören ist elementar. Lässt es nach, ist das meist ein schleichender Prozess und kann ein Weg in die Einsamkeit sein. Wenn das Hörvermögen Unterstützung benötigt, helfen die Experten des...
  • azemos-Firmensitz in Offenburg im Senator-Burda-Park/BIZZ.
    15.04.2021
    azemos Newsroom: Hintergründe zu Börse, Finanzpolitik und die Arbeit von Experten
    Die Pandemie hat die Welt fest im Griff. Allein die Börsen scheinen „Inseln der Glückseligen“ zu sein. Drohen neue Blasen? Im Newsroom klärt die azemos vermögensmanagement gmbh auf.
  • Patrick Kriegel ist Steuerberater und Geschäftsführer.
    14.04.2021
    Steuerberatungsgesellschaft Patrick Kriegel GmbH: Die aktiven Berater und Gestalter
    Die Kanzlei wurde vor 14 Jahren gegründet und besteht mittlerweile aus einem 25-köpfigen Team, das die Mandanten in allen Themen rund ums Steuerrecht und darüber hinaus unterstützt. Im Vordergrund stehen die individuelle Betreuung und Beratung der Mandanten. Dies ist die Philosophie der Kanzlei.
  • Sichern Sie sich Ihr Jeep-Teen-E-Bike zum Aktionspreis mit einer Ersparnis von 650 Euro
    07.04.2021
    Mit Rückenwind ins Frühjahr starten
    Was machen wir in den Ferien? Über dieser Frage grübeln aktuell wohl viele Familien. Eine spannende Alternative zum üblichen Reisen könnten in diesem Jahr Fahrradausflüge mit E-Bikes sein. Mit dem exklusiven Aktionspreis von Baden Online und der Elektro Mobile Deutschland GmbH sind auch die Teens...