Musikrevue in der Illenau

Achern feiert 120. Geburtstag von Bertolt Brecht

Autor: 
Wolfgang Winter
Lesezeit 3 Minuten
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30. November 2018

Mattes Herre als Bert Brecht, Michael Pöhlmann, Annette Schneider, Peter Erdrich und Daniel Schay (v.l.). ©Daniela Busam

Keine Frage, die vom Acherner Kulturprogramm arrangierte Feier zum 120. Geburtstag hätte Bertolt Brecht gefallen. 200 Gäste kamen am Donnerstag in den nahezu ausverkauften Festsaal der Illenau zum Gratulieren. 

»Ich, Bertolt Brecht, bin aus den schwarzen Wäldern«, ertönte es aus dem Off. »Wir wissen, daß wir Vorläufige sind und nach uns wird kommen: nichts Nennenswertes«, heißt es Achern. lakonisch. Mit einer Laterne in der Hand sucht sich Mattes Herre seinen Weg zur Bühne. Ganz so wie der Philosoph Diogenes, der den Besuchern des Markts von Athen ins Gesicht leuchtete; bis ihn einer fragte, was er am helllichten Tag mit seiner Laterne wolle. »Ich suche«, sagte Diogenes, »einen Menschen«. Das Vorbild passte, blieb doch auch Brecht zeitlebens ein Suchender des Menschlichen in finsterer Zeit. 

Mit Ledermantel

Der mit dem für Brecht typischen schwarzen Ledermantel mit  Schiebermütze ausstaffierte Herre nahm am Bühnenrand hinter einem ramponierten Stehpult Platz. Zur suggerierten Zeitlosigkeit der Geburtstagsfeier passte auch die Textauswahl, blieben doch die von Herre vorgetragenen, zwischen 1926 bis 1956 entstandenen »Geschichten des Herrn Keuner« undatiert. 

Walter Benjamin deutete Keuner doppeldeutig als einen schwäbischen »Koiner« (Keiner) oder als einen ums Überleben kämpfenden Odysseus, der sich in der neuzeitlichen »Höhle« des menschenfressenden Klassenstaats listigerweise »Niemand« nennt. Gattungsgemäß werden Keuners Geschichten zu den scherzhaft formulierten Denksprüchen (»Apophthegma«) gestellt. Durch ihre Aufnahme in den Kanon von Brechts Kalendergeschichten (1948/49) erinnern sie an Grimmelshausens »Kalendergeschichten« im »Ewig-währenden Calender« (1671), in dem sich 88 solcher Kürzestgeschichten finden. In ihrer Vieldeutigkeit begegnet Brecht der Eindeutigkeit der Realität und zwingt den Leser zum Hinterfragen und eigenen Denken. 

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Weill, Dessau, Eisler

Zu den Glanzstücken des Abends gehört die von Herre glänzend vorgetragene Geschichte »Wenn die Haifische Menschen wären«, die in ihrer beklemmenden Aktualität zutiefst beeindruckte. Peter Erdrich mit Band hatte ein opulentes Ständchen einstudiert. Der musikalische Einstieg des bravourös aufspielenden Quintetts gelang mit einer jazzigen Mackie-Messer-Version, bevor Erdrichs unter die Haut gehende gesangliche Darbietung von Brechts »Lied von der Unzulänglichkeit des menschlichen Strebens« für den ersten Gänsehaut-Moment des Abends sorgte. 

Ob beim »Ballhaus von Bilbao«, Brechts Reminiszenz »An den kleinen Radioapparat« oder dem düsterem »In unserem Lande«, stets traf Erdrich den für Kurt Weill, Paul Dessau und Hanns Eisler typischen Ton. Als singende Vermieterin überzeugte Annette Schneider mit Brechts »Lied von der belebenden Wirkung des Geldes« und dem »Lied vom Weib des Nazisoldaten«, der am Ende allein noch der Witwenschleier verblieb.
Begeistertes Publikum

Neben dem musikalischen Brecht-Ambiente bewies die Band bei den Jazz-Intermezzi aus dem »Kind of Blue«-Album von Miles Davis seine Extraklasse. An der Seite von Erdrich (Sopransax), Jens Weber (Klavier), Michael Pöhlmann (Kontrabass) und Daniel Schay (Schlagzeug) ist hier der großartig aufspielende Karlsruher Trompeter Hartmut Petri besonders hervorzuheben. Die Zuhörer applaudierten begeistert.

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