Dritter Abend mit Teodor Currentzis im Festspielhaus Baden-Baden

Am Ende von Mozarts Totenmesse herrschte langes Schweigen

Autor: 
Dietrich Mack
Lesezeit 3 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
06. November 2019
Teodor Currentzis (Mitte) bescherte dem Publikum ein medidatives Erlebnis.	Foto: Alexandra Muravyeva

Teodor Currentzis (Mitte) bescherte dem Publikum ein medidatives Erlebnis. ©Alexandra Muravyeva

Auch der dritte Abend mit dem Dirigenten Teodor Currentzis und seinem Ensemble Music Aeterna im Festspielhaus Baden-Baden verlief ungewöhnlich. Aufgeführt wurde am Sonntag das „Requiem“ von Wolfgang Amadeus Mozart. 

Nach den beiden ersten Abenden fragten sich viele, was Teodor Currentzis nun mit Mozarts Totenmesse machen werde. Wird er auftrumpfen, die Extreme dieser Musik ausreizen, uns niederschmettern, beim „Dies irae“ mit Pauken, Trompeten und rasenden Streichern aus dem Saal fegen? Wird er Mozart, wie Kritiker ihm vorwerfen, rau und hastig runterdirigieren? Es kam ganz anders.

Auch dieser Abend begann und, um es vorweg zu nehmen, endete ungewöhnlich. Orchester und Chor der Music Aeterna treten in langen Mönchskutten auf. Der Chor umschließt das Orchester wie in einer Umarmung. Dann wird es dunkel. Aus der Tiefe steigt ein byzantinischer Introitus auf, entfaltet immer stärker seine meditative Wirkung, bringt zur Ruhe, macht bereit für das „Requiem“. 

Unvollendetes Werk

Es ist die Totenmesse eines jungen Mannes. Mozart war knapp 36 Jahre, als er am 5. Dezember 1791 starb. Das „Requiem“ blieb unvollendet, nur zwei Drittel gelten als authentisch. Mozarts Witwe Constanze bat, auch aus Geldgründen, den Sekretär Franz Xaver Süßmayr, das Werk zu vollenden. Diese Fassung, die mit dem Lux aeterna und der Hoffnung auf die Güte Gottes endet, wird am häufigsten gespielt, so auch von Currentzis.

- Anzeige -

Das „Requiem“ wurde oft versüßlicht, monumentalisiert, trivialisiert. Erst in der Nachfolge von Nikolas Harnoncourt hat man gelernt, dass diese dunkle, aufwühlende Tonsprache mehr Glut als Feuer, mehr Disziplin als Rausch erfordert. Und so dirigiert Currentzis. Er vermeidet jede Effekthascherei, führt das gute Solistenquartett sorgsam. Seine Tempi sind schnell, aber nie hastig, die Fortissimi dämpft er, die Pianissimi kostet er aus, fordert und bekommt von seinen tollen Musikern und Sängern aus Perm alle Details. 

Man spürt, dass er dieser existentiellen Musik dienen will, dass er Respekt hat vor dem Tod, vor dem Tod Mozarts. Nach dem Lacrimosa, das mit dem Amen endet, tritt erneut Ruhe ein und wieder singt aus dem Dunkel heraus der neu gegründete Chor Music Aeterna byzantina – 16 griechische, auf Sa­kralmusik spezialisierte Sänger – die Hymne „Meta Ton Agion“ (Unter den Heiligen). Dann geht es über das mächtige Sanctus und das zärtliche Agnus Dei dem Ende entgegen.

Schließlich ereignet sich etwas, was wohl niemand im Festspielhaus je erlebt hat. Es tritt eine schier unendlich andauernde Stille ein. Musiker und Dirigent sind in ihrer Bewegung erstarrt, kein Arm sinkt herab, keine Hand rührt sich zum Klatschen, kein Mund öffnet sich zu einem hysterischen Bravo. Atemlose Stille. Alle schienen der Wirkung der Musik und, noch stärker, der Magie des Dirigenten verfallen zu sein. 

Wo hat man je erlebt, dass 2470 Menschen unendlich lange schweigen? Es war ein einmaliges spirituelles Ereignis. Ein Wunder der Stille. Die Zahl der Currentzisten ist sicher gewaltig gewachsen.

Weitere Artikel aus der Kategorie: Kultur

Stockhausens „Stimmung“.
vor 7 Stunden
Mit Abstand in der Hall Rhin im Straßburger Kongresszentrum
Marathon der surrealen Töne  
Piekar (hinten von links). Vorne links sitzt Anja Tuckermann, die als Poetik-Dozentin an der PH in Karlsruhe lehren darf.
19.09.2020
Hausacher Leselenz
Der Hausacher Leselenz konnte wegen Corona erst jetzt seine Stadtschreiber 2020 im Kinzigtal begrüßen. Das Literaturfestival will dem Virus aber weiterhin ein Schnippchen schlagen und mit seinen Lesungen gänzlich neue Wege gehen.
Opernparodie im prachtvollen Gewand: Annette Postel verzückte das Publikum in Achern.
18.09.2020
Kabarett in Achern
Zwei gelungene Kabarett-Vorstellungen mit Annette Postel brachten das Acherner Kulturprogramm „Gong“ wieder in Schwung. Jeweils 50 Zuschauer erlebten im Festsaal der Illenau große Schauspiel- und Gesangskunst.              
Bei der School-Tour an ihrer Schule wurde das Talent von Tami Williams erkannt.
18.09.2020
Jürgen Stark über 20 Jahre Musikförderung
Seit 20 Jahren ist der Autor und Musiker Jürgen Stark in Sachen Förderung von Musik und Kreativität unterwegs. Das Projekt „School-Tour“  bescherte ihm und seinem Team eine aufregende Dienstreise in die USA sowie eine sehr schöne musikalische Entdeckung. 
Jürgen Stark.
17.09.2020
Kulturkolumne
CD-Player-Verbot, Alexa-Diktat und Streaming-Vorschriften – das ist für Musikfreunde, die noch echte Schätze im Schrank haben und sich nicht für Massenware begeistern können, eine Zumutung. Sieht so die kulturelle Zukunft aus – ärmer, dafür teurer?
Können mit ihren Arbeiten wunderbar kommunizieren: Fernande Petitdemange (links) und Marie Dréa.
17.09.2020
Ausstellung von Marie Dréa und Fernande Petitdemange
Zeichnungen von Marie Dréa und Fotografien von Fernande Petitdemange präsentiert die neue Ausstellung beim Kunstverein Offenburg-Mittelbaden. Die Arbeiten der beiden Künstlerinnen zeigen die stille Poesie von Alltagsgegenständen und Fundastücken.
16.09.2020
Interview mit Tim Otto Roth zu "Heaven's Carousel" in Offenburg
Tim Otto Roths „Heaven‘s Carousel“ ist einzigartig – in vielerlei Hinsicht. Und es hat schon viel gesehen und mitgemacht,  wie der Künstler im Gespräch erzählt. 
15.09.2020
Historischer Verein für Mittelbaden stellte 100. Jahresband der "Ortenau" vor
Der Historische Verein für Mittelbaden präsentiert seinen 100. Jahresband. Ein großes Kapitel ist der Jugend- und Musikkultur  in Offenburg zwischen 1967 und 1976 gewidmet.
15.09.2020
Konzertreihe in der Oberrheinhalle Offenburg
Die Russische Kammerphilharmonie St. Petersburg und die Pianistin Onuté Grazinyté begeisterten in der Reihe „Oberrheinhallen-Konzerte“. Die Konzerte werden in Zukunft jeweils zwei Mal gegeben.
14.09.2020
Fotoausstellung über die 1960er-Jahre
In der ehemaligen Tonofenfabrik in Lahr zeigt das Stadtmuseum Stadtansichten der 60er-Jahre. Die Aufnahmen der Fotografen Dieterle geben Einblick in ein aufregendes Jahrzehnt.
13.09.2020
Ausstellung in der Villa Haiss
„Pompejanische Fragmente“ nennt der Maler Valerie Koshlyakov seine Ausstellung in der Villa Haiss in Zell a.H.. In der Serie greift er Themen aus der Antike auf. 
12.09.2020
Kulturprogramm der Stadt Lahr
Das Kulturbüro Lahr hat für die neue Saison ein anspruchsvolles und buntes Programm zusammengestellt. Nun hoffen die Verantwortlichen, dass nicht zu viele Veranstaltungen abgesagt werden müssen.

Das könnte Sie auch interessieren

- Anzeige -
  • Curvy Queen bietet trendy Mode bis Kleidergröße 60.
    16.09.2020
    Coole Looks bis Kleidergröße 60 / Drei tolle SSV-Shoppingtage
    Das Bekleidungsgeschäft Curvy Queen in der Offenburger Platanenallee bietet eine große Auswahl an Plus-Size-Mode. Vom 17. bis 19. September gibt es beim Sommerschlussverkauf die starke Mode zu reduzierten Preisen.
  • Voller Einsatz für die Patienten: Das Reha-Sport-Team vom Offenburger RehaZentrum - Sabrina Weidner, Sarah Figy, Mario Truetsch und Lars Bilharz (v. l.)
    15.09.2020
    Neue Kurse starten im Oktober – jetzt anmelden!
    Fit werden, fit bleiben: Dieses Ziel hat sich das Team des RehaZentrums in Offenburg für seine Kunden auf die Fahnen geschrieben. Hier bekommt jeder sein maßgeschneidertes Therapie- und Fitnessprogramm. Wer langsam wieder in Bewegung kommen will oder an einer Grunderkrankung, wie Rückenschmerzen...
  • Alexander Benz (von links), Michel Roche, Thomas Kasper, Erhard Benz und Erika Benz stehen an der Spitze des Top-Life.
    07.09.2020
    Top-Life Berghaupten: Die Adresse für Gesundheit und Fitness
    Gesundheit und Fitness haben eine Adresse in der Ortenau: Seit 1996 ist das Top-Life Gesundheitszentrum Benz KG in Berghaupten Ansprechpartner Nummer eins, wenn es in der Region um private Gesundheitsvorsorge, Wellness und medizinische Versorgungsangebote geht.
  • Die Vereine im ewo-Gebiet haben die Chance, für ihre Nachwuchsmannschaften zu gewinnen.
    28.08.2020
    Vereinsaktion #Ballwechsel: Energiewerk Ortenau und Partner suchen trickreiche Teams und deren Fans
    Ballkünstler gesucht! Das Energiewerk Ortenau (ewo) startet zusammen mit starken Partnern die Vereinsaktion #Ballwechsel: Wer seinen Club vorschlägt, eröffnet ihm die einmalige Chance, ein Fest und jede Menge Equipment im Gesamtwert von mehr als 5000 Euro zu gewinnen. Alles, was die meistgevoteten ...