Literatur-Kolumne

Auf! Der Sprache entgegen.

Autor: 
Jose F. A. Oliver
Lesezeit 4 Minuten
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13. November 2020

Kolumnist Jose F. A. Oliver. ©Christoph Breithaupt

In seiner neuen Kolumne setzt sich Jose F. A. Oliver mit der Frage nach Sprache und Wortschöpfungen auseinander und der sich ändernden Bedeutung.

Der Vorhang zu und alle Fragen offen. Salami-Lockdown! Und: so viel Klammern (Erklärungsklammern, Ausnahmeklammern, Zusatzklammern) gibt es gar nicht, wie man sie täglich setzten wollte. Was für ein Tohuwabohu. Es wird immer undurchdringlicher, sprich: verwachsener; sprich: dornbuschiger. Gesellschaftlich. Sprachlich. Überhaupt die verhauene (und sich verhauende) Politik! Wer (durch)blickt noch, was richtig ist, was falsch? Salopp ausgedrückt. War es bisher die gute, alte Fantasie, der im besten Sinne der Gestaltung unseres Zusammenlebens positive und perspektivische Erneuerungsschübe zu verdanken sind, driften die Wirklichkeiten (ja, ein Plural!) ins Surreale ab. 

Der Fantasie sind ja bekanntlich keine Grenzen gesetzt, wo es um Wortneuschöpfungen und sprachliche Überraschungsangebote geht; im Grunde Arglosigkeiten. Die bei einem zweiten Blick – beim Blick auf den Blick sozusagen – entweder ein Lächeln in die Mundwinkel rutschen lassen, manchmal auch nur ein Kopfschütteln verursachen, bisweilen ein verwundertes Augenreiben. Im übertragenen Sinne natürlich. Denn alles andere wäre ja nicht zu empfehlen in Zeiten, in denen man sich so wenig wie möglich ins Gesicht fassen sollte. 

Ein beabsichtigtes Ziel der Wörter- und Sprachschöpfer*innen, hin und wieder auch „Sprichleklöpfer“, ist jedoch bei allen drei Reaktionen der Empfangenden erreicht. Und das will die Haut-Couture der Sprachver:schneider ja auch bewirken: Aufmerksamkeit. Billig, im Vorübergehen. Oder, was verheerend ist, um jeden Preis. Den andere dann teuer bezahlen.

„früher v. C.“

Doch zunächst etwas Amüsantes aus Vor-Corona-Zeiten, damit wir der Heiterkeit nicht ganz verlustig werden. (Ich könnte auch schreiben aus dem Jahr „20-weiß-nicht-genau“ oder noch früher v. C., fällt mir gerade auf). Jüngst las ich in unmittelbarer Nähe des Hauptbahnhofes in Bremen, als ich mich in „gelockdownten“ Zeiten (als Geschäftsreisender selbstverständlich) auf der Suche nach etwas Essbarem ertappte und zunächst vom Werbeslogan, dann vom Inhabernamen einer Würstchenbude angelockt worden war: „Die Wurst schmeckt immer gut!“ Der Besitzer, ungelogen, hieß „Kiefer:t“! Super! Weil mir die Spucke zwischen den Kiefern im Nu zusammenlief. Ha! Und in Schreibschrift stand da noch zu lesen: „Biss gleich.“

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Schön! Das meine ich, wenn die Fantasie Sprachfrüchte trägt und der Rechtschreibung ein Schnippchen schlagen kann. Was aber, wenn es keine kaufattraktive „Wörtlerei“ mehr ist, die animieren soll, irgendwo Kunde zu werden, sondern das Politische bestimmt?

Dieser Tage habe ich keine andere Redewendung so häufig gehört wie die aus dem usamerikanischen kommenden geflügelten Worte „the winner takes it all“. Der Gewinner bekäme alles. Ob es ihm bekommt, den anderen gar, die scheinbar auf der Verliererseite stehen, sei dahingestellt. Ach, die einfachen Zusammenfassungen, will sagen Erklärungsmuster! Und sei’s in nicht unbedingt schlichten Sätzen. Es hagelt nur so an Kraftausdrücken, Schwachmatengeschlabber, Wichtigtuer*innen-gedummsel. 

Aber wie steht es tatsächlich angesichts dieser immer öfters sprachlos machenden Gezeiten um die althergebrachten Sprichwörter oder Überlieferungen, die dem sogenannten Volksmund oder der Literatur zugeschrieben werden? Auf die Idee, genau darüber in dieser Kolumne ein wenig zu fabulieren, kam ich, nachdem mir ein Freund tröstend und auf alemannisch sagte: „Du muesch halt de Karre widder mol ussem Dreck ziege!“. Mhm. Stimmt das? Das wäre ja noch eine vielleicht noch zu schaffende Perspektive. 

Neu justieren

Doch just in dem Moment, in dem ich diesen Zuspruch vernahm, hörte ich den Satz in mir mutieren. „Nein!“ erwiderte ich, „vielleicht geht es in diesen Wochen und Monaten ja eher darum, „de Karre im Dreck zu manövrieren!“ Könnte es sein, dass wir selbst uns wohlbekannte, wenn auch nicht immer verortbare Redewendungen neu justieren müssen? Wer ist noch seines eigenen Glückes Schmied, wo eine Pandemie weder auf das Glück noch den Schmied (oder die Schmiedin) Rücksicht nimmt?

Eines meiner Lieblingszitate stammt von Bertolt Brecht. Wie heißt es so treffend in seinem Drama „Der gute Mensch von Sezuan“ – ich will Ihnen und mir die Sätze gerne ins Erinnerungs-Jetzt zurückrufen – „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“ 
In diesem Sinne. Auf! Der Sprache entgegen!
 

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