Theater Baden Alsace präsentiert gelungene Musical-Premiere

Aus Klaus wird Helena

Autor: 
Ellen Matzat
Lesezeit 3 Minuten
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20. Oktober 2020

Camilla Kallfass meisterte die Herausforderung des Musicals bravourös. ©Ellen Matzat

Das Theater Baden Alsace präsentierte das Ein-Personen-Musical „Ein wenig Farbe“ mit Camilla Kallfass in der Regie von Diana Zöller. Das Thema „Transgender“ wird einfühlsam behandelt.

Mit stehenden Ovationen wurde bei der Deutschen Erstaufführung des unter die Haut gehenden Transgender-Musicals „Ein wenig Farbe“ die glanzvolle Darbietung von Camilla Kallfass am Freitagabend im Europäischen Forum am Rhein gefeiert. Das Publikum sparte nicht mit Zwischenapplaus für die schauspielerische wie die stimmliche Leistung in dem Ein-Frau-Stück, in dem Kallfass 22 Rollen spielt. Für Regisseurin Diana Zöller war es die erste Musical-Inszenierung. Die Vorstellung war mit 50 Zuschauern nach Corona-Verordnung ausverkauft.

Wunsch nach Normalität

„Ich schlaf heut Nacht nicht ein, ich hab’s versucht, es müssen wohl die Nerven sein“, singt Helena auf ihrem Krankenhausbett. Ihr ist angst und bang, doch sie ist glücklich. Sie hat einen großen Tag vor sich:  Aus Klaus wird endgültig Helena. Sie wartet schon lange darauf und hat dafür sehr viel verloren. 
Schritt für Schritt enthüllt sie ihre Lebensgeschichte und den äußerst steinigen Weg, „ja“ zu der Frau im Männerkörper zu sagen. Für den Zuschauer waren die Nöte, Zerrissenheit und der Wunsch nach Normalität regelrecht greifbar, die Klaus vom Teenageralter an begleiten, verstärkt durch die Bühnenkonstruktion von Edzard Schoppmann. 

Als der 13-jährige Klaus mit Kleidern und Schminke erwischt wird, muss er seiner Mutter versprechen, das nie wieder zu tun. In Kallfass Song war das Glück zu spüren, das Klaus als Frau empfindet, die Angst vor der Entdeckung, der Schmerz, als er sich die Farbe aus dem Gesicht wischen musste, das Gefühl, völlig allein zu sein. 

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Traurige Erinnerungen

Der Junge, der spürt, dass irgendetwas mit ihm nicht stimmt, stürzt sich in seiner Verzweiflung in den Sport, wird Anwalt. Er erinnert sich, wie ihn der Haarwuchs im Gesicht anwiderte, auch das Ding zwischen seinen Beinen möchte er los sein. Brüste wären ihm lieber gewesen. Die Mädchen halten ihn für schwul, da er sich auch für Jungen interessiert. Temperamentvoll besang Kallfass die Liebe zu David Steiner. „Ich wäre so gerne seine Freundin gewesen, aber das ging nicht, denn ich war ja Klaus“, erinnert sie sich traurig. 

Klaus gründet, als größte Lüge seines Lebens, eine Familie, hat zwei Söhne. Im Nachhinein fragt er sich, warum er Caro das antat. Er wollte normal sein, bis „es“ ihn bei der Transgender-Kostümparty, zu der ihn seine Frau überredete, einholte. Helena ist geboren, und Klaus führt fortan  ein Doppelleben. Bis Caro seine Zerrissenheit spürt und ihn zur Therapie schickt. 

Die Therapeutin empfiehlt Klaus zu sich als Helena zu stehen. Einfühlsam besingt Kallfass die Angst davor, der Familie und dem Umfeld seine Entscheidung mitteilen zu müssen. Klaus verliert fast alles, doch es bahnt sich ein Happy End an. 
Zwischen den Rückblicken holt Kallfass das Publikum immer wieder in die Gegenwart zurück und erzählt von den Qualen und Schmerzen und der langen Vorbereitungszeit, gab soeinen tiefen, manchmal traurigen, manchmal heiteren Einblick in das Seelenleben eines Menschen, dessen Spiegelbild lügt, und berührte die Zuschauer. 
 

Info

Termin

Weitere Aufführungen: 23. und 24. sowie 31. Oktober, jeweils 20 Uhr; 25. Oktober, 18 Uhr.
Karten: Geschäftsstellen der Mittelbadischen Presse,
Tel. 0781/5045555.

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