Neue Kinderbücher

Bauernhoftiere sind Helden – und Opfer

Autor: 
Andrea Kachelrieß
Lesezeit 6 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
16. Oktober 2020
Wie sieht der Alltag von Bauernhoftieren aus? Kinderbuchautorin Lena Zeise hat sich auch im Schweinestall umgeschaut.

(Bild 1/5) Wie sieht der Alltag von Bauernhoftieren aus? Kinderbuchautorin Lena Zeise hat sich auch im Schweinestall umgeschaut. ©Foto: /Klett-Kinderbuch/Lena Zeise

Ein Schwein ermittelt, Schafe grenzen aus: Wir stellen vier Kinderbücher vor, in denen Tiere die Hauptrolle spielen. Nicht nur als Helden, sondern auch als Opfer, die auf Tellern enden.

Stuttgart - Gütersloh, Gärtringen und sicherlich kommt schon bald ein neuer Ort dazu, an dem der quälerische Umgang mit Tieren zum Alltag gehört und eine neue Schreckensmeldung produziert. Regelmäßig sorgen die Enthüllungen von Tierschützern für Empörung. Während die Verbraucher noch ihr Verhalten überdenken, erobern Tiere, die für uns auf Bauernhöfen schuften, gerade die Kinderbücher. Den Helden der vier Bücher, die wir hier vorstellen, ist die Empathie der jungen Leser sicher – und vielleicht hilft die Lektüre ja dabei, das Handeln von morgen zu beeinflussen.

Blick hinter die Bauernhof-Kulissen

„Alles lecker“ heißt ein 2012 erschienenes Buch aus dem Verlag Klett-Kinderbuch, das vor gut einem Jahr Opfer eines Shitstorms wurde: Landwirte hatten sich geärgert, dass darin die Themen Tiertransporte und Massentierhaltung ihrer Meinung nach falsch dargestellt seien. Das war dem Verlag Anregung zu einem neuen Buch: Es heißt „Das wahre Leben der Bauernhoftiere“, Lena Zeise geht darin der Frage nach, wie deren Alltag heute aussieht – jenseits von Kinderbuchromantik und Tierschützerhysterie. Herausgekommen ist eine Bestandsaufnahme, die wissen will, welches Leben Pfeffer-Salami und Putenbrust-Filet vor ihrem Auftritt im Supermarkt geführt haben.

In ehrlicher, fotorealistischer Manier zeigt Lena Zeise, wie sich die Arbeit der Landwirte im Lauf der Zeit verändert hat. Versorgte ein Bauernhof vor siebzig Jahren zehn Menschen, sind es heute 140. Was das für die Tiere bedeutet, malt und schreibt Lena Zeise sachlich auf. Die Schweine, die dem Leser neugierig die Rüssel entgegenrecken, hört man fast grunzen, so gut sind sie getroffen. Gut getroffen ist leider auch ihr Stall: klein, eng, mit einem armseligen Pflicht-Spielzeug ausgestattet. Nach draußen kommen die meisten erst auf dem Weg zum Schlachthof. Bevor sie zur leckeren Pfeffer-Salami werden, langweilen sie sich lebenslänglich. „Dann beißen sie einander in den Schwanz. Damit das nicht passiert, werden ihnen die Schwänze gekürzt“, notiert Lena Zeise.

Auch über andere Tiere und das leidige Thema Schlachthof erfahren junge Leser mehr, als ihnen vielleicht lieb ist. So kann sich jeder unabhängig von der Agrarlobby eine Meinung bilden. Am Ende wirkt der Exkurs zur Bio-Landwirtschaft wie der Blick ins Paradies. Mehr Achtsamkeit im Umgang mit dem, was auf unseren Tellern landet – das könnte eine Reaktion auf diese Lektüre sein, an deren Ende Lena Zeise die Frage stellt: „Wie haben wir darüber mitentschieden, dass es genau so entstanden und zu uns gekommen ist?“

Pauline Schnüffel mischt sich ein

Dass Schweine intelligente, lebenslustige Wesen sind, wissen wir nun. Uli Leistenschneider macht in ihrem Tierkrimi „Pauline Schnüffel – Ein Schwein mischt sich ein“ ein besonders gewitztes Exemplar sogar zum Titelhelden – inspiriert von einem Freund, der tatsächlich mit einem zahmen Wildschwein aufwuchs. Andere gehen mit Hunden Gassi, die Familie Pott führt also ein Borstenvieh an der Leine. Das hatten sie im Wald als verlassenen Frischling gerettet. Jetzt muss Pauline mit ihrer tollen Spürnase rausfinden, ob der seltsame Gestank im Garten etwas mit der sich verbreitenden üblen Laune von Leonie, Julian und dem Rest ihrer Familie zu tun hat. Beim Buddeln kommt die tierische Detektivin Mobbing, Vorurteilen und sogar einem Fall von Versicherungsbetrug auf die Spur. Das ist lustig und spannend erzählt. Ein paar Klischees nimmt man dafür in Kauf. Aber dass ausgerechnet Leberwurst die Lieblingsspeise eines Wildschweins sein muss? Dieser Fall von Kannibalismus lässt sich im zweiten Band bestimmt ändern.

Wie wir Tiere besser verstehen

- Anzeige -

Ein besseres Verständnis zwischen Menschen und Tieren hat sich der Verhaltensbiologe Karsten Brensing zum Ziel gesetzt. Vielleicht lässt sich auf diesem Weg ja mehr Mitgefühl für unsere Mitkreaturen entwickeln. Egal wie: Sein neues Buch „Wie Tiere sprechen und wie wir sie besser verstehen“ ist eine Wissens-Fundgrube für Leser jeden Alters, auch mit den Grundbegriffen der Kommunikation macht er vertraut. Dass Erdmännchen eine Art Arbeitsteilung betreiben und über ein reiches Vokabular verfügen, ist eine der Informationen, die man neugierig aus einem der kurzweiligen Infokästen herauspickt. So können sie einander vor Feinden warnen und mitteilen, ob sich die Gefahr aus der Luft oder am Boden nähert und wie weit sie noch entfernt ist. Dass Delfine eine Kunstsprache lernen und sogar Adverbialbestimmungen verstehen können, dass der Bonobo Kanzi das Pacman-Spiel und eine Bildersprache beherrschte: Karsten Brensing verblüfft mit vielen Einblicken in tierische Fähigkeiten. Da ist zum Beispiel die Gorilla-Dame Koko, die sich in einer speziellen Gebärdensprache verständigen konnte und auf die Frage, wohin Tiere nach ihrem Tod gehen, das Folgende antwortete: „Gemütlich – Höhle – Auf Wiedersehen“. Brensing geht es aber nie darum, Tiere zu vermenschlichen. Seine ungewöhnlichen Geschichten öffnen eher die Augen für die kleinen Wunder in der tierischen Kommunikation.

Schaf in Seenot

Im Kinderbuch funktioniert die Verständigung von Tier zu lesendem Mensch schon perfekt – auch in diesem: „Eine Wiese für alle“ ist eine Fabel, die mit tierischem Personal das Thema Flucht auf eine einfach verständliche Ebene bringt. Hans-Christian Schmidt erzählt von einer Herde Schafe, die auf einem idyllischen Küstenhang weidet, als plötzlich ein Boot in Seenot auftaucht. Das dunkle Schaf darin ruft um Hilfe und ihm wird ein Eimer gereicht, doch soll man ihm an Land helfen? Am Ende ist es ein Wolf im Schafspelz? Über diesen Bedenken steigt das Wasser auf eine kritische Höhe, oben halten die Mütter schon den Lämmern die Augen zu – und Illustrator Andreas Német findet für diesen Moment der Ohnmacht ein Bild von großer Symbolkraft. Junge Leser werden von diesem Buch so verblüfft sein, dass es sicherlich für viel Gesprächsstoff sorgt. Das ist auch seine Absicht: Der Gewinn, den „Eine Wiese für alle“ hoffentlich einspielt, geht an Menschen, die sich im Osten Deutschlands für eine offene Gesellschaft einsetzen.

Infos

Lena Zeise: Das wahre Leben der Bauernhoftiere. Verlag Klett-Kinderbuch. 40 Seiten. 16 Euro. Ab 7

Uli Leistenschneider: Pauline Schnüffel – Ein Schwein mischt sich ein. Verlag Fischer-KJB. 128 Seiten. 12 Euro. Ab 7

Karsten Brensing: Wie Tiere sprechen und wie wir sie besser verstehen. Loewe-Verlag. 192 Seiten. 16,95 Euro. Ab 9

Hans-Christian Schmidt, Andreas Német (Ill.): Eine Wiese für alle. Verlag Klett-Kinderbuch. 40 Seiten. 14 Euro. Ab 4

Weitere Artikel aus der Kategorie: Kultur

vor 1 Stunde
Schwindelerregende Wortakrobatik
Oberkircher Literaturtage: Das Comedy-Duo Oropax überzeugte mit seinem Programm „Testsieger am Scheitel.“ . Ihr Auftritt wurde reichlich beklatscht.
vor 2 Stunden
Aris-Quartett
Das Aris-Quartett wagte in der Alten Kirche Fautenbach eine deutsche Erstaufführung des Streichquartetts „attacca“ von Gerald Resch. Für das Konzert erntete das Ensemble einhelligen Jubel. 
16.10.2020
"Rheinpassagen": Werner Ewers aus Kehl
„Rheinpassagen“: Der Kehler Bildhauer Werner Ewers ist auf beiden Seiten des Rheins zuhause. In Straßburg begann er zu studieren, lernte dort seine Frau kennen, hatte Ateliers und Ausstellungen. In Kehl hat er gearbeitet und gelebt – und ist immer wieder über den Rhein gewechselt.
Gruppenbild vor einem Gewirr aus rot-weißen Absperrbändern (von links): Carmen Lötsch, Leiterin des Fachbereichs Kultur, Axel Lotz, Vorsitzender­ des Förderkreises Kunst + Kultur, Künstler Peter Bosshart, Oberbürgermeister Marco Steffens und Gerlinde Brandenburger-Eisele, die Leiterin der Städtischen Galerie.
16.10.2020
Ausstellung zum Oberrheinischen Kunstpreis 2020
Am Sonntag, 18. Oktober, erhält der Maler Peter Bosshart  in Offenburg den Oberrheinischen Kunstpreis 2020. Die mit dieser Auszeichnung verbundene Ausstellung in der Städtischen Galerie Offenburg gibt bis zum 21. Februar 2021 Einblick in sein Werk.
Gruppenbild vor einem Gewirr aus rot-weißen Absperrbändern (von links): Carmen Lötsch, Leiterin des Fachbereichs Kultur, Axel Lotz, Vorsitzender­ des Förderkreises Kunst + Kultur, Künstler Peter Bosshart, Oberbürgermeister Marco Steffens und Gerlinde Brandenburger-Eisele, die Leiterin der Städtischen Galerie.
16.10.2020
Ausstellung zum Oberrheinischen Kunstpreis 2020
Am Sonntag, 18. Oktober, erhält der Maler Peter Bosshart  in Offenburg den Oberrheinischen Kunstpreis 2020. Die mit dieser Auszeichnung verbundene Ausstellung in der Städtischen Galerie Offenburg gibt bis zum 21. Februar 2021 Einblick in sein Werk.
Diana Körner (rechts) stand im Mittelpunkt der französischen Komödie „Paulette – Oma zieht durch.“
15.10.2020
Theateraufführung in Kehl
Eine arme Rentnerin etabliert sich sich im Stück „Paulette – Oma zieht durch“ in der Pariser Drogenszene. Diese Story und hervorragende Schauspieler verschafften dem Kehler Theaterpublikum am Dienstagabend die lange ersehnte Abwechslung. 
Dietrich Mack.
15.10.2020
Kulturkolumne
Wenn es stimmt, was oft behauptet wird, dass Brot und Kunst die wichtigsten Lebensmittel für den Menschen sind – viele Völker und Kulturen sehen das sicher anders –, so haben wir uns in den letzten Monaten recht einseitig ernährt.  
Diana Körner (rechts) stand im Mittelpunkt der französischen Komödie „Paulette – Oma zieht durch.“
15.10.2020
Theateraufführung in Kehl
Eine arme Rentnerin etabliert sich sich im Stück „Paulette – Oma zieht durch“ in der Pariser Drogenszene. Diese Story und hervorragende Schauspieler verschafften dem Kehler Theaterpublikum am Dienstagabend die lange ersehnte Abwechslung. 
Diana Körner (rechts) stand im Mittelpunkt der französischen Komödie „Paulette – Oma zieht durch.“
15.10.2020
Theateraufführung in Kehl
Eine arme Rentnerin etabliert sich sich im Stück „Paulette – Oma zieht durch“ in der Pariser Drogenszene. Diese Story und hervorragende Schauspieler verschafften dem Kehler Theaterpublikum am Dienstagabend die lange ersehnte Abwechslung. 
12.10.2020
Oberrhein-Konzerte in Offenburg
Stefan Temmingh und seine „Gentleman‘s Band“ zeigten einmal mehr die Klasse der Offenburger Reihe „Oberrheinkonzerte“. Das zweifach gespielte Barock-Konzert beeindruckte spürbar.
12.10.2020
Quirlige Komödie in Oberkirch
„Ich hasse dich – heirate mich“ – Unterhaltsame, wirbelnde Komödie in Zeiten des Corona- Lockdowns und der Homeoffice-Arbeit. Das Publikum in Oberkirch wusste das Spiel zu schätzen.
11.10.2020
John Neumeier und Tänzer im Festspielhaus
John Neumeiers „Ghost Light“ eröffnete die Saison im Festspielhaus. Er und sein Ballett kamen als erste Künstler wieder nach Baden-Baden, wo er vier Vorstellungen gab und gefeiert wurde.

Das könnte Sie auch interessieren

- Anzeige -
  • Petra Brosemer ist Immobilienfachwirtin und Inhaberin von Brosemer Immobilien in Zell am Harmersbach.
    16.10.2020
    Fair, transparent und ehrlich: Brosemer Immobilien vermittelt Werte
    Wenn ein Haus oder eine Wohnung die Eigentümer wechseln, dann ist das sehr viel mehr als nur ein Gang zum Notar. Eine Immobilie zu vermitteln heißt auch immer, zwischen Menschen zu vermitteln. „Wir können beides“, sagt Petra Brosemer, Immobilienfachwirtin und Inhaberin von Brosemer Immobilien in...
  • Die App heyObi bietet viele Vorteile für die Kunden.
    12.10.2020
    Herunterladen und 10 % Rabatt kassieren – nur im Oktober / 7 Obi-Märkte in der Region sind dabei
    Die kostenlose heyObi-App ist der digitale Begleiter im Alltag und bietet Inspiration sowie zahlreiche Tipps und Tricks rund um Haus und Garten. Registrierte Nutzer der App genießen weitere attraktive Angebote, wie zum Beispiel die digitale Beratung von Fachberatern, zielgerichtete Navigation in...
  • Zum Kennenlernen der neuen Kaffeespezialität "Café Bruno" gibt es ein großes Gewinnspiel.
    09.10.2020
    Peter's gute Backstube geht ab heute einen fairen Weg / Großes Gewinnspiel
    100 Prozent Qualität und Leidenschaft: Dafür steht Peter’s gute Backstube mit 50 Filialen in Baden. Geschäftsführer Bruno Ketterer und sein Team stellen höchste Ansprüche an die Qualität ihrer Ware, egal ob Brot, Brötchen, Feinbackwaren, Kuchen, Torten oder Snacks. Jetzt ist das Sortiment erweitert...
  • Ein Veranstaltungsort für jede Gelegenheit: das Calamus-Areal.
    08.10.2020
    Calamus-Areal: E-Kartbahn, Spielpark, Orangerie, Gastronomie und mehr / Oktoberfest mit Musik steigt am 9. und 10. Oktober
    Das Calamus-Areal in Kehl ist die Adresse für private Freizeitgestaltung, aber auch Unternehmen liegen hier goldrichtig: egal ob Event, Konferenz, Teambuilding-Maßnahme oder einfach Dankeschön-Tag für die Belegschaft. Das Calamus-Team bietet die perfekte Infrastruktur, ganz gleich, wie groß die...