Aris-Quartett

Beethoven und seine jungen Erben beim Konzert in Fautenbach

Autor: 
Albrecht Zimmermann
Lesezeit 3 Minuten
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19. Oktober 2020

Das Aris-Quartett in der Alten Kirche Fautenbach wurde mit viel Beifall gefeiert. ©Bodo G. Toussaint

Das Aris-Quartett wagte in der Alten Kirche Fautenbach eine deutsche Erstaufführung des Streichquartetts „attacca“ von Gerald Resch. Für das Konzert erntete das Ensemble einhelligen Jubel. 

Wegen Corona hatte die Stadt Achern am Wochenende zum ersten Mal seit März wieder zwei Konzerte organisiert – vor ausgedünnten Publikumsreihen. Vor allem die beiden Beethoven-Quartette, die das „Aris-Quartett“ in der Alten Kirche Fautenbach präsentierte, ernte es einhelligen Jubel. Zudem bot das Quartett eine Uraufführung von Gerald Reschs „attacca“. Doch was erfährt man über den Wiener Komponisten? 

Er ist 1975 geboren und Beethoven-Fan, in sein viersätziges “attacca für Streichquartett” habe er mehrfach Beethoven-Motive eingebaut. Dabei war dem Aris-Quartett die Ehre widerfahren, in der Komposition mitreden zu dürfen. Wie ein zögerndes Abtasten intonierten die vier Künstler die refrainartige Wiederkehr eines fremdartigen Themas. Erst im zweiten Satz wird es richtig lebendig: Die schnellen Abläufe eines gespenstisch-leisen perpetuum mobile erfüllten den Raum, von der Viola und dem Cello mit dem Springbogen aus der Tiefe exakt bewegt.

Nachhaltiger Eindruck

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Nachhaltigsten Eindruck hinterließ der langsame Satz mit seinen träumerischen Liegetönen, auf- und absteigenden Glissando-Bewegungen, während Vibrato-Pizzicati eigene Akzente setzten. Der durch die verminderte Zuhörerzahl hervorgerufene Hall-Effekt in der Alten Kirche wandelte die zauberhaften Akkorde zu dort selten gehörten Echo-Wirkungen, die mit den herben Dissonanzen versöhnten. Ohne Pause, wenn die Komposition in den folgenden Satz “attacca” übergehen soll, erreichte man den wiederum sehr flotten kanonartigen Satz.

Bestechend exakt

Zu Beginn und als Schlusswerk der Jubilar Beethoven: Angeführt von Anna Katharina Wildermuth stürzte sich das Aris-Quartett mit solchem jugendlichen Schwung in das Allegro con brio von opus 18 Nr.1, dass der Berichterstatter sich fragt, ob und wann er es je so furios und dennoch bestechend exakt gehört hätte. Da war in der Taktsicherheit zwischen Noémi Zipperling (2. Violine), Caspar Vinzens (Viola) und Lukas Sieber (Cello) zuverlässigste Homogenität zu hören. Als wäre danach die vorwärts stürmende Energie gebrochen, wies das Adagio in eine völlig andere Richtung: Mit zartem Bedacht, weit ausholend entwickelten die gebundenen Linien eine romantisch dämmernde Aura. Doch dann verengen sich die Notenwerte zu hochdramatischen Zweiunddreißigsteln, reißen Abgründe auf. Im Scherzo freilich herrschen wieder Übermut und widerborstiger Takt, im Final-Allegro musikantische Freude.
Mit einem verheißungsvollen Maestoso beginnt das Quartett Es-Dur, opus 127, eines jener letzten, nach der Neunten Sinfonie geschriebenen Werke. Der inzwischen vollständig taube Meister ergeht sich in unbegreiflich heiteren Schöpfungen. 

Das Adagio molto cantabile erhebt sich nach schlichtem Beginn zu einem Gesang von geradezu pflanzenhafter Schönheit, an dem sich die vier Tonkünstler mit ihrer je eigenen Klangfarbe beteiligten. Die Variationen gingen vorübergehend in eiligere Deutungen über, um dann wieder in ihre ruhige Inspirationsquelle einzutauchen. Beethovens dynamische Rhythmik des Scherzo vivace wie das Finale meisterte das Aris-Quartett wie aus einem Guss.
Als Dank für den reichen Applaus spielte das noch jugendfrisch wirkende Ensemble den Tschechentanz von Erwin Schulhoff.

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