Offenburg

Bühnenkunst ohne Worte

Autor: 
Jürgen Haberer
Lesezeit 3 Minuten
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15. Oktober 2021
Eine kleine romantische Geste im „Teatro Delusio“.

Eine kleine romantische Geste im „Teatro Delusio“. ©Jürgen Haberer

Das Stück „Teatro Delusio“ spielt hinter den Kulissen und kehrt so den Blickwinkel um. Die drei Akteure binden dem Publikum einen bunten Strauß kleiner Theatergeschichten.

Dramatische Theaterszenen und große Opernarien, tosender Applaus für Darbietungen, von denen das Publikum in der Oberrheinhalle absolut nichts mitbekommt. Es sitzt mit den Bühnenarbeitern Bob, Bernd und Ivan hinter den Kulissen, kann im Gegensatz zu den drei Prota­gonisten des „Teatro Delusio“ nicht einmal einen flüchtigen und sehnsuchtsvollen Blick auf die Bühne erhaschen.
Die bereits 2004 entwickelte Produktion des Ensembles Familie Flöz kehrt die Blickrichtung um. Das Publikum sitzt nicht in den Rängen vor der Bühne, wird nicht Zeuge der scheinbar dargebotenen Theater- und Opernkunst. Sein Platz ist im wahrsten Sinne des Wortes am Katzentisch, und doch steckt es mitten im Geschehen, ist hautnah dabei, wenn hinter den Kulissen die großen und kleinen Dramen der wahren Bühnenkunst geschrieben werden.
Auf der Bühne der Oberrheinhalle wird dabei 85 Minuten lang kein einziges Wort gesprochen. Andrés Angulo, Daniel Matheus und Sebastian Kautz zelebrieren die hohe Kunst des pantomimischen Maskentheaters, der kleinen fast beiläufigen Gesten und liefern doch ganz große Theaterkunst ab. Ivan ist der dicke und faule Chef der Crew auf der Hinterbühne, Bob der kleine Muskelprotz, der von einer Kariere vor der Kulisse träumt. Bernd ist ein sensibler, tollpatschiger Schlacks, der bei jeder Gelegenheit in die Welt der Literatur flüchtet.

Fliegende Wechsel

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Die Hinterbühne ist aber auch Durchgangsstation für Operndiven und Schauspielstars, für die Orchestermusiker, den Intendanten, der hinter jedem Rock her ist. In fliegenden Wechseln schlüpfen die drei Akteure in all diese Nebenrollen des „Teatro Delusio“, konfrontieren das Publikum mit einem bunten Strauß kleiner Theatergeschichten, die szenisch aneinandergereiht werden.
Obwohl das Clowneske dabei eine wichtige Rolle spielt, die drei unermüdlichen Helfer im Hintergrund ein Stück weit als tragische Helden daherkommen, lebt die Inszenierung vor allem von ihrer szenischen Poesie. Grotesker Humor an der Grenze zum Slapstick schlägt immer wieder um in Szenen und Bilder, die berühren, mit Anmut und leiser Poesie verzaubern. Zerstreute Musiker finden kaum den Weg auf die Bühne, Operndiven und Balletttänzerinnen kokettieren mit den Bühnenarbeitern. Die Putzfrau des Theaters wird zum Publikum für Bob, der erst mit seinen Muskeln protzt und dann in ein wildes Degenduell mit einem der echten Stars stürzt. Bernd, der sich wirklich in jedem Kabel zu verheddern scheint, verliebt sich in eine Ballerina, die auf der Bühne stürzt, während er sich gleichzeitig den Nachstellungen des Choreografen erwehren muss. Ivan hält den Laden zusammen und buckelt vor dem Intendanten, wenn er nicht gerade in seiner kleinen Pförtnerloge seiner Fußballleidenschaft frönt.
Über allem schwebt ein kleiner Theatergeist in einem weißen Gewand, eine Figur, die manchmal von allen drei Akteuren gleichzeitig zum Leben erweckt wird. „Teatro Delusio“ ist ein wahres Meisterwerk des pantomimischen Maskentheaters, ein magisches Kleinod, in dem es am Ende vor allem um den anrührend menschlichen Moment geht, um eine Bühnenkunst, die auch ohne Worte unendlich viel zu sagen und erzählen hat.

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