Kultur

Charles Baudelaire – revolutionärer Dichter und Wagner-Fan

Autor: 
Dietrich Mack
Lesezeit 4 Minuten
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19. April 2021
Charles Baudelaire auf einem Foto aus dem Jahr 1855.

(Bild 1/2) Charles Baudelaire auf einem Foto aus dem Jahr 1855. ©Félix Nadar

Der vor 200 Jahren geborene französische Lyriker Charles Baudelaire hat die Dichtkunst verändert. Er war auch ein Verehrer von Richard Wagner und verteidigte ihn im Skandal um den „Tannhäuser“ in Paris in seinen Briefen und Aufsätzen.

Die Marseillaise – „Allons enfants de la Patrie. Le jour de gloire est arrivé!“ – ist das berühmte Lied der Französischen Revolution.­ Es atmet Leidenschaft und Glauben. Dieser Atem beseelt auch die Worte von Charles Baudelaire zum größten Theaterskandal in Paris Mitte des 19. Jahrhunderts, in dessen Mittelpunkt Richard Wagners „Tannhäuser“ stand.
Zunächst, so schrieb Baudelaire in Briefen und Aufsätzen, habe eine Schlacht von Lehrsätzen getobt, in der Kritiker, Künstler, Publikum aneinandergerieten und all ihren Leidenschaften die Zügel schießen ließen. Später habe es noch mehr Geschrei, Lärm, Tumult, Tätlichkeiten, Pfeifen gegeben, da diese Musik kein die Verdauung förderndes Plaisir und die Ballettmusik nicht zum Tanzen geeignet gewesen sei. Leute, die gewohnt waren, dass ihre Mätressen auf der Bühne erst nach dem Dinner im zweiten Akt tanzten, seien empört gewesen und hätten mit schrillen Trillerpfeifen reagiert.
Sie alle und dazu das giftige, neidische Feuilleton hätten nichts verstanden. Hier sei ein Musiker zugange, der die Stürme der menschlichen Seele auf tausendfache Weise durch Töne ausdrückt, fähig wie kein anderer, den Raum und die Tiefe, im wirklichen wie im spirituellen Sinne, mit einer glutvollen und despotischen Musik zu malen, in feinen Abstufungen, was an Abenteuerlichem, Maßlosem, Brünstigem im geistigen und natürlichen Menschen vorhanden ist. Eine Musik wie eine Ebene aus dunklem Rot mit allen Übergängen von Rot über Rosa bis zur Weißglut des Schmelzofens.
Aber die böswilligen, dummen, versumpften, neidischen Menschen hätten nur gelärmt und nichts verstanden. Trotzdem sei die Idee auf dem Marsch, sei die Bresche geschlagen, habe die Reaktion begonnen. „Allons enfants de la Patrie“ – diese frei zitierten Worte von Baudelaire haben nicht die Welt verändert, aber die Geschichte der Musik stark beeinflusst. Wer war dieser Dichter und was war geschehen?

Zerrissener Mensch

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Baudelaire wurde heute vor 200 Jahren in Paris geboren. Er führte kein glückliches Leben, fand wenig Anerkennung und starb 1867 mit 46 Jahren in seiner Heimatstadt. Ein Mensch zerrissen zwischen dunklen und hellen Mächten. Und so waren auch seine Gedichte. Mit 36 Jahren publizierte er die Sammlung „Fleurs du Mal“ (Blumen des Bösen). Diese 100 Gedichte brachten ihm wenig Anerkennung, noch weniger Geld, nur einen Strafprozess wegen Beleidigung der öffentlichen Moral. Aber sie begründeten seinen Weltruhm als Lyriker und beeinflussten den Symbolismus. Stéphane Mallarmé, Paul Verlaine, Arthur Rimbaud – sie alle waren Wagner verfallen, erkannten ihn, wie der Komponist Paul Dukas einmal schrieb, als einen der Ihrigen. Auch darin ging ihnen Baudelaire voran. Mit ihm beginnt in Frankreich der „Wagnérisme“.
Und der Anlass? Paris war die Metropole der Musik. Wagner, immer noch auf der Flucht, immer in Geldnot, wollte sie endlich erobern. Er gab drei Konzerte mit Ausschnitten aus seinen Werken, Baudelaire hörte sie, begeisterte sich, Wagner lud ihn zum Jourfix seiner Fans ein. Die Konzerte waren ein finanzielles Desaster, aber Damen von Adel, allen voran die Fürstin Pauline Metternich, bewirkten, dass Kaiser Napoléon III. den Befehl zur Aufführung des „Tannhäuser“ gab.

Neider und Intrigen

Nun floss das Geld, man probte fast sechs Monate. Wagner komponierte einen neuen wollüstigen Venusberg, weigerte sich aber, das Ballett in den zweiten Akt zu verlegen, damit die Herren des einflussreichen Jockeyclubs, das waren die reichen, meist adeligen Abonnenten, die erst nach dem Dinner in die Oper kamen, die Tänze ihres Harem genießen konnten. Neiddebatten und politische Intrigen kamen hinzu.
So endete die Premiere am 13. März 1861 im Tumult. Nur die Anwesenheit des Kaisers verhinderte ein Blutvergießen. Es fehlte nicht viel und die Oper hätte gebrannt wie Notre Dame vor zwei Jahren. Nach der dritten Vorstellung reiste Wagner ab. Baudelaire lebte nur noch wenige Jahre, aber der Wagnérisme blühte in Frankreich auf wie in keinem anderen Land der Welt und der große Dichter Baudelaire war sein Prophet.

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