Oscar Nominierte Sandra Hüller

„Das findet jeden Tag und überall statt“

Lucas und André Wesche
Lesezeit 8 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
04. März 2024
Als beste Darstellerin ausgezeichnet: Sandra Hüller am 24. Februar bei der diesjährigen César-Verleihung in Paris.

Als beste Darstellerin ausgezeichnet: Sandra Hüller am 24. Februar bei der diesjährigen César-Verleihung in Paris. ©Foto: AFP/STEPHANE DE SAKUTIN

Die vielfach ausgezeichnete Schauspielerin Sandra Hüller hat bei den diesjährigen Oscars gleich zwei Eisen im Feuer. Wie sie damit umgeht, für welchen Film ihr Herz mehr schlägt, und was die 45-Jährige aus der Arbeit an „Zone of Interest“ mitnimmt, erzählt sie in Berlin.

Für ihre Hauptrolle im französischen Drama „Anatomie eines Falls“ darf die Schauspielerin Sandra Hüller auf den Oscar für die Beste Hauptdarstellerin hoffen. In „The Zone of Interest“ schlüpfte die Thüringerin in die Rolle der Hedwig Höß, Frau des Kommandanten des Konzentrationslagers Auschwitz, die auf der anderen Seite der Todesmauer ein Familienleben führt. Der Film wurde für fünf Oscars nominiert.

Frau Hüller, erleben Sie die Zeit der Oscar-Nominierungen als Druck oder Freude?

Es gibt dabei mehrere Ebenen. Es ist mir sehr bewusst, dass das alles Zuschreibungen sind, das Wenigste hat mit mir zu tun. Ich bewerte sie nicht, es ist das Recht der Leute, sich irgendetwas vorzustellen. Ich habe nur nichts damit zu tun, weder im positiven noch im negativen Sinne. Die Erwartungen haben nichts mit mir zu tun, ich kann nichts mehr machen. Ich habe nur in der Hand, wie ich darauf reagiere und damit umgehe. Mit meinem Privatleben hat das im Grunde gar nichts zu tun. Ich fühle mich genauso wie vorher auch. Alles andere spielt sich außerhalb ab. Es gibt ein paar Grenzüberschreitungen der Presse, die ich sehr ärgerlich finde. Aber auch dagegen kann ich nichts machen, mir sind die Hände gebunden. Ich kann mich nur damit abfinden.

Es gibt Leute, die an Ihrer Stelle vor Freude herumspringen würden.

Das habe ich auch gemacht, aber das kann ich ja nicht jeden Tag tun. Ich habe mich gefreut, als ich das erfahren habe. Sehr sogar. Man kann aber nicht jeden Tag mit diesem Gefühl herumlaufen.

Schlägt Ihr Herz für einen der beiden Filme stärker?

Dadurch, dass beide Filme extreme Teamprojekte sind, ist das jetzt alles genau richtig. Ich glaube nicht, dass ich mich beschweren kann, was die momentane Anerkennung für die eine oder andere Seite betrifft.

Zu „The Zone of Interest“. Was hat es mit Ihnen gemacht, Hedwig Höß zu spielen?

Ich muss sagen, dass ich mich in diese Figur persönlich nicht so richtig involviert habe, weil es nicht darum ging, biografisch zu erzählen. Das war nicht unser Ansinnen. Wir wollten dieses Phänomen beleuchten oder uns fragen, wie es eigentlich möglich ist, so zu leben. Was das mit uns zu tun hat und ob wir das nicht - im übertragenen Sinne - auch machen. Und die Frage, ob Faschismus vorbei ist oder ob er nicht die ganze Zeit da war und man aktiv daran arbeiten muss, dass er nicht gewinnt. Es gibt diesen Teil im Menschen, der Sachen vereinfacht haben, immer an der Spitze von allem und besser als alle anderen sein will. Es soll keine Störungen geben und alles muss möglichst bequem sein. Darum ging es uns, gar nicht so sehr um diese Frau. Die ist mir relativ egal.

Ist es wahr, dass Sie die Rolle zuerst nicht spielen wollten?

Mich hat es einfach nicht interessiert, einen faschistisch denkenden Menschen zu verkörpern. Die Arbeit des Schauspielenden hat auch immer damit zu tun, Dinge verstehen zu wollen, empathisch zu sein und vielleicht sogar das Handeln eines Schuldigen nachvollziehbar zu machen. Hier habe ich zunächst kein richtiges Motiv gesehen. Es gibt für mich keinen nachvollziehbaren Grund, warum man so handelt und ich will das auch nicht verstehen. Es ist eine Entscheidung, die diese Leute treffen: Sie nehmen für ihr eigenes schönes Leben den Tod von Millionen Leuten in Kauf oder lösen und führen ihn sogar aus. Das ist indiskutabel.

Hedwig wohnt in einer kleinen Einfamilienhaus-Idylle mit schicken Sachen, gießt die Blümchen. Die Schüsse und das Schreien hört sie nicht.

Genau. Und düngt mit der Asche der Leichen die Blumen, so wie es eben auch war. Es ist keine neue Erkenntnis von Jonathan Glazer oder uns, dass wir alle für unsere eigene Bequemlichkeit sehr viel Leid anderer Leute in Kauf nehmen. Bei dieser Arbeit ist es mir aber nochmal extrem bewusst geworden. Ich habe eine andere Aufmerksamkeit für die Verantwortung für den Umgang mit diesem Thema bekommen. Auch für die Verantwortung, meine eigene Stimme in dieser Hinsicht stärker zu nutzen, als ich es vorher getan habe. Die Kleidung, die wir tragen, ist von Menschen genäht und verschifft, die mit dem Bruchteil dessen auskommen müssen, womit wir hier leben. Wir beuten Menschen und Tiere jeden Tag aus, um uns zu ernähren. Darüber muss man eigentlich gar nicht reden. Das findet jeden Tag und überall statt. Wir akzeptieren Tote an den Außengrenzen Europas.

Die meisten Menschen verdrängen im Alltag vieles, um überhaupt weiterleben zu können. Welche Schutzmechanismen haben Sie vor diesen bedrückenden Wahrheiten entwickelt?

Eigentlich keine. Mich bedrückt das auch sehr, das kann ich offen zugeben. Die scheinbare Unlösbarkeit der Konflikte, in denen wir uns gerade befinden, macht mich sehr verzweifelt. So etwas wie Faschismus fängt ganz klein an, wie Antifaschismus eben auch. Das faire Miteinander hat in erster Linie auch mit unseren unmittelbaren Beziehungen zu tun, in unseren Familien. Und vor allem mit der Arbeit an uns selbst, mit dem sich selbst ins Gesicht schauen, mit dem mit sich selbst ins Gericht gehen, über sich lernen, wachsen, die eigenen Impulse kennen, Gefühlsmanagement - all diese Sachen. Dass Menschen nicht mehr bei jedem Ding, das im Straßenverkehr falsch läuft, dem anderen gleich mit Tod drohen. Das sind die Dinge, mit denen wir im Moment täglich umgehen. Das ist vermeintlich ganz klein. Es ist aber etwas, womit wir uns schon sehr abgefunden haben. Wir leben damit. Es geht um diese Art von Aufmerksamkeit: Wo halte ich bestimmte Dinge für selbstverständlich, die das gar nicht sind? Wo könnte ich mich bei bestimmten Themen stärker engagieren? Wo kann ich öfter mal intervenieren, gerade auch bei Diskussionen in der Familie, wenn es um die AfD und Co. geht? Was lässt man in der WhatsApp-Gruppe durchgehen oder sagt man doch mal was? Das wird als gegeben hingenommen. Warum können wir uns nicht mehr treffen, warum können wir uns nicht mehr persönlich darüber unterhalten?

Corinna Harfouch, die wie Sie in Suhl geboren wurde, hat die Rolle der Magda Goebbels in „Der Untergang“ sehr belastet. Können Sie Rollen wie diese nach dem Drehtag einfach abschütteln?

Während der ganzen Drehzeit war das, wo wir uns befinden, immer präsent. Auch unsere Herkunft oder die Geschichte, mit der wir alle leben. Ich bin aber nicht abends als Hedwig Höß ins Bett gegangen. Die Arbeit hatte sehr viel mit Kostümen und Maske zu tun und sehr viel mit diesem Haus. Das übergeordnete Bewusstsein dessen, was man da tut, war immer da. Nach Abschluss der Dreharbeiten gab es auch nichts abzulegen. Wie gesagt, ich bin nie richtig in diese Rolle reingegangen. Ich habe mich eher als Element in diesem Film wahrgenommen und keine psychologische Arbeit mit dieser Figur gemacht oder versucht, irgendeine Art von Empathie oder Verständnis zu finden. Ich habe mich nicht in irgendeiner Art und Weise emotional involviert.

Sie haben sich im Grunde als Instrument in diesem Film bewegt?

In gewisser Weise ist diese Art zu denken oder sie zu formulieren gefährlich, denn genau so haben die sich auch gesehen. Aber ich glaube, dass dieser Versuchsaufbau, den Jonathan Glazer hier gemacht hat, ein bisschen anders ist als das System, in dem diese Leute damals gelebt haben. Keiner wollte während der Arbeit am Film, dass irgendjemand irgendein Verständnis für irgendjemanden aufbringt. Es ging tatsächlich um eine Beobachtung dieses Lebens, die so neutral wie möglich stattfindet. Mit einer Geräuschkulisse, die zeigt, dass es nicht zu ignorieren war, was da passiert. Trotzdem haben sie das gemacht. Mich sprechen immer wieder Leute an und sagen, dass sie sehr über sich selbst und ihr eigenes Verhalten zur Welt nachgedacht hätten, über ihre eigene Ignoranz. Es werden offenbar Verbindungen zu den Zuschauenden geknüpft, die ich sehr interessant finde.

Um auf die Oscars zurückzukommen: Darf man den Daumen drücken?

Das können Sie gerne machen. Aber Sie dürfen dann nicht schreiben: Sie ging leer aus. Denn ich fühle mich jetzt schon sehr geehrt.

Die deutsche Schauspielerin Sandra Hüller im Oscar-Rennen 2024

Auszeichnung
 Nicht umsonst ist nicht nur der Titel „Oscar-Winner“ rechtlich geschützt, sondern auch „Oscar-Nominee“. Allein die Nominierung für eine der Königskategorien der Academy Awards ist für die 45-Jährige eine große internationale Auszeichnung.

Konkurrenz
 Außer Sandra Hüller sind als Darstellerinnen nominiert: Annette Bening für ihre Rolle in dem Sportlerinnen-Biopic „Nyad“, Lily Gladstone in Martin Scorseses Geschichtsdrama „Killers of the Flower Moon“, Carey Mulligan für ihre Rolle als Ehefrau Leonard Bernsteins in „Maestro“ und Emma Stone als sich emanzipierender Kunstmensch in „Poor Things“. Die Entscheidung liegt bei den Mitgliedern der Schauspiel-Berufsgruppe der US-Akademie in geheimer Abstimmung. Die Oscar-Gala findet statt am 10. März in Los Angeles.

Weitere Artikel aus der Kategorie: Kultur

Martina Geist zu Gast im Künstlerkreis Ortenau: "Augenlust".
vor 8 Stunden
Offenburg
Die Galerie im Artforum in Offenburg präsentiert Werke von Martina Geist. Ihre Bilder sind angesiedelt zwischen Druck, Zeichnung und Malerei.
Margret Koell und Stefan Temmingh verfügten bei ihrem Konzert über ein Instrumentarium, das über fünf Oktaven hinauswuchs.
vor 8 Stunden
Achern - Fautenbach
Mit ihren "Sound Stories" präsentierten Stefan Temmingh und Margret Koell in der Alten Kirche Fautenbach Werke aus fünf Jahrhunderten europäischer Musikgeschichte.
Dietrich Mack
vor 8 Stunden
Kulturkolumne
Musik ist nicht nur eine Himmelsmacht, sondern auch eine Macht auf Erden, die vielen Menschen hilft und einigen schadet.
Kam rockig daher: Musiker Alastair Greene beim Blues Caravan.
16.04.2024
Offenburg
Starke Stimmen und epische Gitarrenläufe: Blues Caravan in der Offenburger Reithalle mit Katarina Pejak, Eric Johanson und Alastair Greene.
Beliban zu Stolberg gastiert am Donnerstag bei "Wortspiel" und liest aus "Zweistromland".
16.04.2024
Literaturtage Wortspiel
Um die kurdische Bürgerrechtsbewegung und eine mutige Frau geht es in "Zweistromland" von Beliban zu Stolberg. Sie liest am Donnerstag, 18. April, in Offenburg in der Stadtbibliothek.
Charlotte Gneuß schaffte es mit ihrem Erstling auf die Longlist des Deutschen Buchpreises – heute liest sie in Offenburg.
15.04.2024
Literaturtage Wortspiel
Mit ihrem Romandebüt "Gittersee" hat die Autorin Charlotte Gneuß eine heftige Debatte entfacht. Zugleich erhielt sie mehrere Literaturpreise. Am Dienstagabend liest sie bei "Wortspiel" in Offenburg.
Dirigent Rolf Schilli (von links), Komponist Leonard Küßner und Musikschulleiter Peter Stöhr bei der Übergabe der Partitur von "Zeitenwende".
15.04.2024
Offenburg
Die Partitur ist übergeben: Nun probt die "Philharmonie am Forum" für die Uraufführung des Konzerts für Altsaxofon und Orchester des Komponisten Leonard Küßner am 5. Mai in Offenburg.
José F.A. Oliver.
15.04.2024
Kulturkolumne
So wie „spring“ im Englischen Frühling „m:eint“, lade ich Sie ein, hineinzuspringen – mitten in diesen Kolumnentext! In die Zeilen. Zwischen die Zeilen.
Barbara Ehrmann und Dieter Konsek stellen gemeinsam beim Kunstverein Offenburg/Mittelbaden aus. 
12.04.2024
Kunstverein Offenburg/Mittelbaden
Barbara Ehrmann zieht es ins Wasser, Dieter Konsek in den Wald. Die Bilderwelt der beiden Künstler zeigt eine gemeinsame Ausstellung beim Kunstverein Offenburg/Mittelbaden.
Die schweizerisch-österreichische Malerin Angelika Kauffmann vollendete das Ölgemälde "Klio, Muse der Geschichtsschreibung" um 1775. 
10.04.2024
Ausstellung in Basel
In der Ausstellung „Geniale Künstlerinnen“ zeigt das Kunstmuseum Basel Gemälde und Druckgrafik von Frauen von der Renaissance bis zum 18. Jahrhundert.
Hotel Rimini macht Popmusik, hält die Tür aber in alle Richtungen offen.
09.04.2024
Konzert
Das junge Sextett Hotel Rimini sucht noch nach der unverwechselbaren Handschrift. Das Konzert im Foyer der Offenburger Reithalle hatte trotzdem eine positive Resonanz des Publikums.
Der holländische Gitarrist und Songschreiber Bertolf Lentink bringt seine hochkarätige Tourband mit nach Bühl.
09.04.2024
Bluegrass-Festival
Bei der 20. Ausgabe des Bühler Bluegrass-Festivals am ersten Mai-Wochenende gibt es erstmals eine Matinee. Stargast beim Hauptkonzert ist die John Jorgenson Bluegrass Band.

Das könnte Sie auch interessieren

- Anzeige -
  • Alles andere als ein Glücksspiel: die Geldanlage in Aktien. Den Beweis dafür tritt azemos in Offenburg seit mehr als 20 Jahren erfolgreich an.
    17.04.2024
    Mit den azemos-Anlagestrategien auf der sicheren Seite
    Die azemos Vermögensmanagement GmbH in Offenburg gewährt einen Einblick in die Arbeit der Analysten und die seit mehr als 20 Jahren erfolgreichen Anlagestrategien für Privat- sowie Geschäftskunden.
  • Auch das Handwerk zeigt bei der Berufsinfomesse (BIM), was es alles kann. Hier wird beispielsweise präsentiert, wie Pflaster fachmännisch verlegt wird. 
    13.04.2024
    432 Aussteller informieren bei der Berufsinfomesse Offenburg
    Die 23. Berufsinfomesse in der Messe Offenburg-Ortenau wird ein Event der Superlative. Am 19. und 20. April präsentieren 432 Aussteller Schulabsolventen und Fortbildungswilligen einen Querschnitt durch die Ortenauer Berufswelt. Rund 24.000 Besucher werden erwartet.
  • Der Frühling steht vor der Tür und die After-Work-Events starten auf dem Quartiersplatz des Offenburger Rée Carrés.
    12.04.2024
    Ab 8. Mai: Zum After Work ins Rée Carré Offenburg
    In gemütlicher Runde chillen, dazu etwas Leckeres essen und den Tag mit einem Drink ausklingen lassen? Das ist bei den After-Work-Events im Rée Carré in Offenburg möglich. Sie finden von Mai bis Oktober jeweils von 17 bis 21 Uhr auf dem Quartiersplatz statt.
  • Mit der Kraft der Sonne bringt das Unternehmen Richard Neumayer in Hausach den Stahl zum Glühen. Einige der Solarmodule befinden sich auf den Produktionshallen.
    09.04.2024
    Richard Neumayer GmbH als Klimaschutz-Pionier ausgezeichnet
    Das Hausacher Unternehmen Richard Neumayer GmbH wurde erneut für seine richtungsweisende Pionierarbeit für mehr Klimaschutz und Nachhaltigkeit ausgezeichnet. Die familiengeführte Stahlschmiede ist "Top Innovator 2024".