Max Pechstein in der Kunsthalle Tübingen

Das Glück der Selbstvergessenheit

Autor: 
Adrienne Braun
Lesezeit 4 Minuten
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02. Dezember 2019
Max Pechstein: „Tanz“ (1909)

Max Pechstein: „Tanz“ (1909) ©Foto: Pechstein, Hamburg/Tökendorf

Die Kunsthalle Tübingen zeigt Tanzbilder von Max Pechstein, bei denen die Lebenslust sofort auf die Betrachter überspringt.

Tübingen - Die Hüfte ächzt schon vom Zuschauen. Eine der Tänzerinnen biegt ihr Bein so lässig, bis die Zehen in ihre eigene Achsel bohren. Man hört förmlich, wie die Musik durch die Körper fließt. Arme und Haare fliegen durch die Lüfte, Beine wirbeln über den Boden. Das ist so munter anzuschauen, dass man Lust hätte, es den Frauen gleichzutun. Einfach nur tanzen, tanzen, tanzen, frei, unbeschwert und selbstvergessen.

Gemälde und Zeichnungen, statisch und stumm, sind eigentlich denkbar schlechte Techniken, um Tanz wiederzugeben. Max Pechstein, der selbst ein leidenschaftlicher Tänzer war, hat es trotzdem immer wieder versucht, das Körpergefühl einzufangen, das die Menschen vor rund hundert Jahren neugierig erprobten. Die Frauen rissen sich die engen Korsetts vom Leib – und mitunter auch gleich die gesamte Garderobe. Sie führten wilde Tänze ohne Regeln und Schrittfolgen auf, um ihre eigene Natur zu erforschen.

Die Bilder sprühen vor Lebensfreude

In „Tanz! Max Pechstein“, der neuen Ausstellung in der Kunsthalle Tübingen, staunt man, wie gut es Max Pechstein tatsächlich gelungen ist, die Lust der Tänzerinnen und Tänzer im Bild festzuhalten. Ob es kleine, beiläufige Zeichnungen sind oder große, bunte Gemälde, die Arbeiten sprühen vor Lebensfreude und Bewegungsdrang, der sich ganz unmittelbar auf die Betrachter überträgt. Oft sind die Szenen auch lustig anzuschauen. Nicole Fritz, die Direktorin der Kunsthalle Tübingen, hat sich immer wieder mit der Kunst des Expressionismus beschäftigt, die Tanzdarstellungen von Max Pechstein begeistern sie aber besonders, weil er „intensiv und eng am Thema Körper dran ist“, wie sie sagt. Höchste Zeit, diesen Aspekt herauszugreifen, was sie mit der Co-Kuratorin Annika Weise getan hat. Nach einer ersten Station in den Kunstsammlungen Zwickau ist „Tanz. Max Pechstein“ nun in Tübingen angekommen.

Die Scheuklappen der Kunsthistoriker wurden in Tübingen abgelegt

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Aber es ist keine Ausstellung, die mit Scheuklappen ein Motiv kunsthistorisch durcharbeitet, die Schau erzählt auch vom Lebensgefühl der zwanziger Jahre, das diese Bilder ganz wesentlich geprägt hat. Pechstein ging oft und gern ins Varieté und in den Zirkus.

Filmausschnitte zeigen die verrückten und absolut fortschrittlichen Tänze von Josephine Baker, die sich spektakulär in einer riesigen Kugel vom Schnürboden abseilen ließ. Dann wieder fiedelt in der Kunsthalle der legendäre Clown Grock auf einer winzigen Geige. Pechstein hat ihn in Berlin gesehen und danach auf einem Aquarell dargestellt. Kunst, führt die Schau eindrücklich vor, ist viel unmittelbarer mit dem Leben verknüpft, als die gängige Ausstellungspraxis im aseptischen White Cube verrät.

Viele Künstler der Zeit beschäftigte der Tanz, wie Werke von Ernst Ludwig Kirchner oder Emil Nolde zeigen, der, das nur nebenbei, Pechstein bei den Nazis als Juden zu denunzieren versuchte, ohne Erfolg. Kirchner schematisierte die Körper viel stärker, er hat auch mal das Gesicht einer Ballerina verdoppelt, um anzudeuten, wie schnell sie sich bei ihrer Pirouette dreht. Pechstein ist da viel unmittelbarer und körperlicher, ihm geht es weniger um künstlerische Fragestellungen, sondern schlicht um die reine Lust an der emotional gesteuerten Bewegung. So unbeschwert, wie eine Frau auf einer Lithografie von 1917 am Boden kniet und juchzt, verrät jede Pore ihres nackten Leibes ein Gefühl der Freiheit.

Max Pechstein hat im Südpazifik bei der indigenen Bevölkerung gelebt

Aus den Bildern spricht aber nicht nur das neue Körperverständnis verschiedener Reformbewegungen, besonders beeindruckt haben Max Pechstein die Menschen in Palau. 1914 reiste er mit seiner Frau Lotte in die deutsche Kolonie im Südpazifik und lebte dort mehrere Monate bei der indigenen Bevölkerung. Besonders die Tänze waren es, die die beiden faszinierten, wie Lotte in ihrem Tagebuch notierte. Erst fange einer an zu singen, schrieb sie, „dann schreien alle, springen und führen rhythmische Bewegungen aus“, bei denen man sich auch immer laut auf den Popo klatsche.

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