Literatur-Kolumne

Das Maß an Unmaß der Zeit

Autor: 
Jose F. A. Oliver
Lesezeit 4 Minuten
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09. Oktober 2020

Kolumnist Jose F. A. Oliver. ©Christoph Breithaupt

Kolumnist Jose F. A. Oliver macht sich Gedanken über die Auswirkungen der Corona-Krise auf das gesellschaftliche Gefüge – und welche Rolle die Literatur dabei spielen kann.

Ein Wort wird zum W:ort. Mutiert. SARS-CoV-2. Dass dies beklemmende Etwas in größeren Tröpfchen oder kleineren Aerosolen längst auch als ein „soziales“ Virus bezeichnet werden muss, kommt fast einer fahrlässigen Binsenweisheit gleich. Wir haben es mit einem den Körper, den Geist und die Seele attackierenden Erreger zu tun, der die gesamte Gesellschaft in all ihren Bereichen giftig erfasst hat. 

Es nimmt sich lebensbedrohlich, was es „will“. Sei es im Alltäglichen des Zusammenlebens, im Politischen, im Kulturellen. Seine Gefräßigkeit kennt keine Grenzen. Es hat sich eingenistet und breitet sich gespenstisch aus. Selbstbestimmung hin oder her – es fragt uns nicht. Wir haben lediglich seiner Vermehrung zu dienen. Es atmet nicht, hat keinen Stoffwechsel, ist furchtbar unlebendig. 
Es lebt also nicht aus eigener Kraft und Beschaffenheit und hat dennoch die zerstörerische Energie, uns einfach zu benutzen. Ja, es benutzt uns. Im Privaten, im Persönlichen und im sogenannten öffentlichen Raum. Es ist ein Virus, das unsere Gesellschaft zusehends erkranken lässt oder bereits vorhandene Infektionen leibhaftig macht. 

Dort, wo unser soziales Wesen scheinbar gesund ist; ganz besonders aber vor allem dort, wo unser gesellschaftliches Miteinander (oder Nebeneinander) in einem gefährlichen Maße schon „vorerkrankt“ war. Dort, wo es in unserem sozialen Gefüge übertünchte Unstimmigkeiten, mehr oder weniger bedeckt gehaltene Widersprüche und bisweilen tunlichst verschwiegene Nöte und Ungerechtigkeiten gibt. Substanzen und Strukturen werden bis zur Kenntlichkeit entblößt. 

Lebensillusion

Ich glaube, diese Tatsache überrascht niemanden mehr. Die Pandemie wird zur Lehrstunde (eigentlich zu Lehrmonaten, vielleicht auch Lehrjahren), die uns das komplexe Geflecht der gesellschaftlichen Verhältnisse aber auch das wacklige Kartenhaus unserer Lebensillusionen schmerzhaft offenbart. Kleine und große Wahrlügen, in denen wir uns – erlauben Sie mir diesen verallgemeinernden Plural – zu bequem eingerichtet haben. Deren Folgen wir uns – menschlich nachvollziehbar – nicht gerne stellen.

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Das wird mir von Tag zu Tag klarer. Die Gefahr, zwischen Traum und Illusion zu kentern, ist immens. Gewaltig wie ein tragischer Schiffbruch zwischen Wunsch und Wirklichkeit, um im Bild zu bleiben. Und was weiß das Meer von den Schiffbrüchigen ...
Zeit und die mit ihr verbundenen und mittlerweile auch unverbundenen Uhren alltäglicher Eindämmungs-Schlichtungs- und Planungsversuche wirken dieser Tage in eine Herausforderung, die ihresgleichen sucht. Ich weiß nicht, wie Sie das empfinden, verehrte Leserin, verehrte Leser. Ob linear oder „exponentiell“. Noch so ein neuer Begriff aus dem immer bewusster werdenden Wortschatz des Virensprechs, das sich herausfiltert. Ja, „exponentiell“. Wir sind alle von diesem explosiven Zeitgemisch betroffen. Ob wir wollen oder nicht. 

Was vor ein paar Monaten mit einer notverordneten Entschleunigung begann, katapultiert sich immer rasanter in eine Beschleunigung samt beschleunigter Entschleunigungen; in einen Dauerlauf und Sprint der Unübersichtlichkeiten und Verwirrungen zugleich. Noch mehr Stress und damit noch mehr Erschöpfung. Davon bleibt auch die Literatur nicht verschont. Corona-Tagebücher, Corona-Erzählungen, Corona-Gedichte. Gestern schon erzählen, was morgen Heute bedeutet. Oder jetzt erzählen, was gestern übermorgen gewesen sein wird. Wie weiter?

Momentaufnahmen

Wohin bleiben wir? Keine Ahnung. Manche Texte verweilen deshalb in Momentaufnahmen. Man könnte denken: begrenzte Zeit. Wobei damit ebenso die Haltbarkeit von Literatur angesprochen wäre. Wie lange bleibt sie eigentlich aktuell. Und: kann, muss das ihr Maßstab sein. Ihre Haltbarkeit? Indes. Es gibt ja bekanntlich die Augenblicke, die zeitlos sind. Wer kennt sie nicht. Vielleicht brauchen wir deshalb gerade in der Literatur umso mehr die kleinen Formen, die einer möglichen Panik gelassen entwischen. Die Erzählungen aus ein paar Sätzen oder Gedichte mit wenigen Versen. 

Ich lese im Augenblick zur Beruhigung meiner aufwühlenden Fragen in Geschichten, die auf eine Seite passen oder in einer literarischen Minute verinnerlicht werden können und schreibe selber konzentrierte „Minutennovellen“ und Kurzgedichte. Mehr Zeit ist selten. Für heute schenke ich Ihnen eine dieser Verrücktheiten; eine „Kürzestgeschichte“ mit dem Titel „Das Frühstück“. Aus der Feder des österreichischen Schriftstellers Heimito von Doderer. Der Text weiß mich irgendwie immer wieder von Neuem nachdenklich zu erheitern: „Heute morgen frühstückte ich im Bade, etwas zerstreut. Ich goss den Tee in das zum Zähneputzen bestimmte Gefäß und warf zwei Stücke Zucker in die Badewanne, welche aber nicht genügten ein so großes Quantum Wassers merklich zu versüßen“.

Dieses Virus, wie gesagt, ist kein Lebewesen, sondern ein widerliches, infektiöses Etwas. Aber wir sind Lebewesen. Deshalb können wir ihm einiges entgegenhalten: Verantwortung und Haltung. Manchmal kann dabei die Kunst und als eine ihrer Ausdrucksformen insbesondere die Literatur zur Komplizin werden, um uns über das nicht Sagbare im Leben tröstlicher zu werden.
Bis bald!

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