John-Cranko-Schule zieht um

Das Wohl des Kindes steht über allem

Autor: 
Andrea Kachelrieß
Lesezeit 7 Minuten
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18. September 2020
Tadeusz Matacz sitzt auf der Terrasse, die vor der Mensa und dem Internat der neuen John-Cranko-Schule liegt.

Tadeusz Matacz sitzt auf der Terrasse, die vor der Mensa und dem Internat der neuen John-Cranko-Schule liegt. ©Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Werfen die Vorgänge in Berlin Schatten auf die ganze Ballettausbildung? Tadeusz Matacz, Direktor der Cranko-Schule, setzt in Stuttgart auf Transparenz – und freut sich auf die Arbeit im neuen Haus, das auch architektonisch hell leuchtet.

Stuttgart - Endlich im neuen Gebäude! Die Strapazen des Umzugs sind Tadeusz Matacz, dem Direktor der John-Cranko-Schule, zwar ins Gesicht geschrieben und in seinem Büro warten viele unausgepackte Kartons. Doch die Freude an den schönen Räumen macht alle Anstrengungen wett. Und so blickt Matacz allem, was kommt, gelassen entgegen.

Herr Matacz, in so einem schicken Haus geht die Arbeit sicher locker von der Hand?

Ich hätte nicht gedacht, dass dieser Umzug so kompliziert wird. Viele Dinge, die im neuen Gebäude schon da sind, wollten wir nicht einfach wegwerfen: ein Mülleimer hier, Klappstühle da – solche Kleinigkeiten halten auf. Die Corona-Bedingungen erfordern zusätzliche Organisation und Eigeninitiative, wir haben zum Beispiel Möbel selber ausgepackt. Auch der Einzug der Internatsschüler am Wochenende musste mit individuellen Zeitfenstern exakt geplant werden. Ich bin noch nicht dazugekommen, meine eigenen Sachen zu ordnen. Ständig suche ich etwas…

Der Umzug kommt zur rechten Zeit. Hätten Sie in der Urbanstraße nach Corona-Regeln überhaupt unterrichten können?

Ich halte mich an das, was für die Kompanie gilt. Nach meinem letzten Stand dürfen in den kleinen Ballettsälen bis zu sechs Tänzer trainieren, in den großen bis zu neun. Das können wir hier für die Schüler so übernehmen. Was für ein Glück! Die Säle sind zwei bis dreimal größer als in der alten Schule. Dort wäre die Wohnsituation im Internat und die Arbeit in den Ballettsälen mit den Abstandsregeln eine Katastrophe gewesen. Jetzt hat die Schule endlich ein attraktives Gebäude, das auch architektonisch ihrem internationalen Renommee entspricht.

Viele Ihrer Schüler kommen von anderen Kontinenten. Können sie überhaupt anreisen?

Ja, es sind alle da. Wer aus einem Risikogebiet kommt, muss die Corona-Tests machen und entsprechend Quarantäne einhalten. Darauf haben wir uns im Internat vorbereitet. Die Doppelzimmer werden in diesem Jahr nur von einem Schüler belegt. Jedes Zimmer hat ein eigenes Bad, das erleichtert die Quarantäne-Situation. Aber dadurch haben wir auch nur eine begrenzte Zahl an Plätzen und ich musste alle Bewerbungen abblocken.

Das heißt, dass ein ganzer Jahrgang fehlt?

Ja, es wird in diesem Schuljahr nur zwei Neuzugänge geben, darunter die Prix-de-Lausanne-Gewinnerin Ava Arbuckle aus den USA, die für ihr Stipendium die Cranko-Schule gewählt hat. Unsere Schülerzahl wird auf 109 schrumpfen, aber wegen Corona wollten wir keine überfüllten Klassen haben. Und teilen kann ich sie nicht, weil ich zu wenige Lehrkräfte habe.

Treten alle Lehrer trotz Corona an?

Ja, das sind alles Tänzer, und die sind erstaunlich robust und zäh. Wir haben alle sehr unter den Corona-Zwängen gelitten und fleißig Online-Unterricht gegeben. Aber uns fehlt der Kontakt zu den Schülern, die Live-Musik. Alle freuen sich daher sehr, dass es wieder losgeht – auch wenn es eine Flut an neuen Anweisungen gibt. Maske, Abstand, keine Ansammlungen: Wir sind gespannt, wie das alles funktioniert. Für die Kinder ist das ein bisschen, wie eine neue Choreografie zu lernen. Aber wer aus Spanien, Italien oder einem anderen Land kommt, das hart von Corona betroffen war, kennt die Regeln.

Die Architektur des neuen Gebäudes steht für Durchblicke und Transparenz. Sein Bezug fällt zusammen mit den Schatten, die durch die Vorgänge an der Berliner Ballettschule auf die ganze Ausbildung fallen. Von Beleidigung, Drill, einem Klima der Angst ist die Rede. Was können Sie als Direktor tun, um das zu verhindern?

Das Wohl des Kindes steht über allem, was wir tun. Wir handeln nach dem Credo unserer ehemaligen Kollegin Ute Mitreuter-Russo, die sagte: Man muss die Kinder lieben und seinen Beruf. Es gibt klare Gesetze, über die tauschen wir uns ständig aus. Als Direktor muss ich dafür garantieren, dass Informationen fließen können. Und ich brauche besondere Wachsamkeit, um leiseste Anzeichen zu erahnen und zu vermitteln, welche Wirkung zum Beispiel ein scharfes Wort auf einen Schüler hat. Ein Verstoß muss sofortige Konsequenzen haben. Jeder von uns Pädagogen hat in seiner eigenen Laufbahn brutale Lehrer erlebt, jeder kennt Geschichten von Aschenbechern, die durch den Ballettsaal flogen. Die Frage müssen wir uns alle stellen: Ist der geniale Regisseur, der flucht und Schauspieler beleidigt, ein bunter Vogel oder ein erschreckender Charakter?

Erwachsene können sich leichter wehren. Kinder sind ihren Lehrern ausgeliefert und protestieren wahrscheinlich kaum – zum Beispiel gegen nicht eingehaltene Ruhezeiten, wie ein Vorwurf an die Verantwortlichen in Berlin lautet.

Es gibt klare Gesetze, um Missbrauch zu verhindern – und das ist richtig so. Es ist sinnvoll, dass Ruhezeiten eingehalten werden, auch um Verletzungen vorzubeugen. Aber es muss auch Vertrauen in das Ermessen von Pädagogen und Spielräume geben. Ich erinnere mich an einen „Nussknacker“- Probentag als Kind in Polen, der bestimmt gesetzeswidrig lang war, aber für mich ist das eine der schönsten Erinnerungen meiner Schulzeit. Oder wir hatten hier an der Schule Proben mit dem 84-jährigen José de Udaeta, der erst zu spät kam, dann überzogen hat. Soll ich das reglementieren und die Schüler um einen wertvollen Moment bringen?

Haben Sie an der Cranko-Schule viele Kinder, die die Ausbildung abbrechen?

Nein. Es werden mehr Kinder von mir überzeugt, dass Ballett nicht ihre Zukunft ist, als dass sie selbst abbrechen. Kinder verändern sich in der Pubertät. Wenn wir feststellen, dass Ballett nicht mehr das richtige für sie ist, dann thematisieren wir das. Aber es passiert selten, dass sich ein Vater von mir vorrechnen lässt, was seine begabte Tochter als Tänzerin einmal verdienen wird, und dann entscheidet: Das lohnt sich nicht. Stimmt: Es ist ein Beruf für Verrückte und Begabte. Eltern, die selbst Akademiker sind, wünschen sich vielleicht etwas anderes als Ballett für die Zukunft ihrer Kinder.

Zurück zum neuen Haus. Der Garten ist fertig angelegt und sieht sehr einladend aus. Wie steht es um den öffentlichen Weg, den sich viele Stadträte durch das Gelände wünschen, das Sie aber als Rückzugsort für die Schüler sehen?

Ich hoffe immer noch auf die Sanierung der benachbarten Paul-Löbe-Staffel und einen Kompromiss mit unseren Nachbarn, sodass wir das Außengelände gemeinsam mit dem Schützenplatzverein nutzen können. Das historische Pumpenhaus soll saniert werden und stünde dann allein dem Verein zur Verfügung. Unsere Kinder spielen draußen schon Volleyball, es gibt einen Barfußpfad, wir wollen Beete anlegen und gärtnern. Dafür brauchen wir einen geschützten Raum und keinen öffentlichen Park, der nachts zur Partyzone wird.

Am 28. September ist die offizielle Einweihung. Es gibt einen Festakt – aber lässt Corona überhaupt Gäste zu?

Praktisch sind wir ja selbst Gäste in diesem Haus, bis uns die Bauherren den Schlüssel übergeben. Das wollen wir feiern. Nicht so überschwänglich, wie wir eigentlich gern würden, sondern unter strengsten Corona-Auflagen. Aus den vielen am Bau beteiligten Landesministerien wird es Reden geben, auch der Oberbürgermeister hat sich angemeldet. Wir und das Stuttgarter Ballett werden das so stimmungsvoll wie möglich ausschmücken. Unser Theatersaal an der Urbanstraße fasst 196 Zuschauer. Nach den aktuellen Abstandsregeln dürfen nur 30 Zuschauer hinein, deshalb wird die Zeremonie von 19 Uhr an live gestreamt.

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Person: 1957 geboren, wurde Tadeusz Matacz in seiner Heimatstadt Warschau zum Tänzer und Tanzpädagogen ausgebildet und erhielt 1977 am dortigen Theater sein erstes Engagement. 1984 wechselte er als Solist ans Badische Staatstheater in Karlsruhe, von 1992 bis 1998 war er dort Ballettmeister. Als Gastdozent unterrichtete er in Frankfurt, Toulouse, Warschau und Stuttgart. Seit Dezember 1998 leitet Tadeusz Matacz als Direktor die Stuttgarter John-Cranko-Schule. Außerdem ist er Juror bei Ballettwettbewerben wie dem Youth America Grand Prix in New York.

Haus: 1971 von John Cranko gegründet, war die Ballettschule der Stuttgarter Staatstheater das erste Ausbildungsinstitut dieser Art in Deutschland. Nach fünf Jahren Bauzeit bezieht die Cranko-Schule, die zu den wichtigsten Ballettschulen weltweit zählt, zum Schuljahr 2020/21 ein neues Gebäude. Das nach den Plänen der Münchner Architekten Burger Rudacs realisierte Haus wird am 28. September offiziell übergeben.

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