Neu im Kino:

Der König unterm Asphalt

Kathrin Horster
Lesezeit 4 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
03. Oktober 2023
Philippa Langley (Sally Hawkins) begegnet in ihren Tagträumen dem Bühnenschauspieler (Harry Loyd).

Philippa Langley (Sally Hawkins) begegnet in ihren Tagträumen dem Bühnenschauspieler (Harry Loyd). ©Foto: Graeme Hunter

Stephen Frears versteht sowohl die Gefühle kleiner Leute als auch die von Monarchen. Diese Interessen koppelt er in seiner Tragikomödie „The Lost King“ mit Sally Hawkins – und erntet Kritik von Historikern.

Geschichte wird von Siegern geschrieben, das ist nichts Neues. Ob sie dann immer den Tatsachen entspricht, ist eine andere Frage. Sogar William Shakespeare, einer der besten Dramatiker aller Zeiten, ging hämischer Siegerpropaganda auf den Leim, als er seine Königstragödie „Richard III.“ verfasste. Der letzte König aus dem Haus Plantagenet unterlag 1485 im Kampf um die Macht seinem Rivalen Heinrich Tudor, der kurz darauf den englischen Thron bestieg. Richards Leichnam wurde geschändet, in einem Wirtshaus ausgestellt und anschließend hastig begraben. Danach kursierten Gerüchte, Richard sei abgrundtief böse gewesen, noch dazu hässlich und verwachsen. Die schlimmsten Gräuel wurden ihm nachgesagt, darunter der Mord an seinen zwei kleinen Neffen, was Shakespeare gut hundert Jahre später munter kolportierte.

Nur ein kleiner Club von Amateurhistorikern, die Ricardians, versuchte ab den 1920er Jahren den in Verruf gekommenen Herrscher zu rehabilitieren. Zu dieser Gruppe stieß Ende der 1990er Jahre die Britin Philippa Langley, die bis dahin im Marketing gearbeitet hatte und keine historischen Kenntnisse besaß. Ausgerechnet diese Freizeitwissenschaftlerin spürte 2012 die verschollenen Gebeine Richards unter einem Parkplatz in Leicester auf. Ein Coup, den die Universität von Leicester für sich reklamieren wollte – ein typischer Fall von Geschichtsneuschreibung, so stellt es zumindest der Filmemacher Stephen Frears in seiner Tragikomödie „The Lost King“ dar.

Tagträume und eine fixe Idee

Frears hat immer wieder Interesse an den Geschichten kleiner Leute gezeigt; mit dem queeren Sozialdrama „Mein wunderbarer Waschsalon“ gelang ihm mitten in der bleiernen Thatcher-Ära 1985 der Durchbruch. In „The Queen“ (2006) beschrieb er eine historische Phase aus ungewöhnlicher Perspektive. Der Film zeichnet die Krise Königin Elizabeths nach, in die sie 1997 nach dem Unfalltod von Lady Diana geriet, und verbindet die Historie mit dem Privaten. Diese beiden Interessen koppelt Frears nun in „The Lost King“ zu einer Erzählung mit überzeitlicher Bedeutung. Sally Hawkins, bekannt geworden als penetrant fröhliche Grundschullehrerin in Mike Leighs Komödie „Happy-Go-Lucky“ (2008), gibt Philippa Langley als von Job, Kollegen und Familie enttäuschte Mittvierzigerin, die durch die Auseinandersetzung mit historischen Lügen über König Richard III. nebenbei auch die Verlogenheit mancher eigener Zeitgenossen aufdeckt.

- Anzeige -

Philippas Alltag beschreibt Frears als Abfolge zermürbender Kränkungen: Philippas Boss zieht ihr bei einer Beförderung eine wesentlich jüngere, unerfahrene Kollegin vor, und obwohl ihr Ex-Mann John (Steve Coogan) ständig in Philippas Haushalt herumhängt, trifft er sich mit einer anderen Frau, während die Teenager-Söhne mit ihrer Abnabelung beschäftigt sind. Ausgerechnet durch einen von der Schule verordneten Theaterbesuch mit ihrem Sohn kommt Philippa der faszinierenden Geschichte Richard Plantagenets auf die Spur: Nachdem der ihr in Tagträumen und in Gestalt des Bühnenschauspielers (Harry Loyd) begegnet, entwickelt sie die fixe Idee, den verschollenen Leichnam aufzufinden, um dem von Shakespeare zu Unrecht als Schurken gezeichneten Regenten zur letzten Ehre zu verhelfen. Dafür muss sie renommierte Wissenschaftler und Geldgeber von eigenen Nachforschungen überzeugen, die Richards mögliches Grab auf dem Gelände eines Sozialamtes in Leicester verorten.

Gute Unterhaltung!

Diese Überzeugungsarbeit schildert Stephen Frears als zähen Kampf gegen Windmühlen, auch, weil Philippa aufgrund ihres chronischen Fatigue-Syndroms auf viele Menschen neurotisch und wehleidig wirkt und deshalb nicht ernst genommen wird. Frears’ empathische Würdigung der Bemühungen Philippa Langleys um einen wichtigen Teil britischer Geschichtsschreibung ist allerdings nicht überall auf Gegenliebe gestoßen. Die von Frears’ Drehbuchautor Steve Coogan teils als toxisch dargestellten Historiker und Archäologen wehren sich gegen Langleys geäußerte Vorwürfe, man habe sie im Zuge der Ausgrabungsarbeiten herabgesetzt und ausgegrenzt. „Wenn man schon echte Menschen porträtiert, sollte man sie wenigstens miteinbeziehen“, zitiert der britische „Guardian“ etwa Richard Taylor, den ehemaligen stellvertretenden Kanzler der Uni Leicester. Frears und Coogan lassen kaum ein gutes Haar an den Wissenschaftlern, während Philippa Langley im Film als Heldin der Herzen vom akademischen Schlachtfeld zieht. Als Mittel zur Wahrheitsfindung ist „The Lost King“ also mit Vorsicht zu genießen, als gute Unterhaltung taugt der Film auf jeden Fall.

The Lost King. UK 2022. Regie: Stephen Frears. Mit: Sally Hawkins, Steve Coogan, Harry Loyd, James Fleet. 108 Minuten. Ab 6 Jahren.

Weitere Artikel aus der Kategorie: Kultur

Legt nach 25 Jahren wieder in seiner Heimat auf: DJ Michael Mayer kommt ins Kesselhaus nach Offenburg.
vor 15 Stunden
Offenburg
Der in Appenweier aufgewachsene Michael Mayer; Gründer des Lables Kompakt in Köln, ist als DJ in der ganzen Welt unterwegs. Nun kehrt er nach 25 Jahren in die Heimat zurück: Er legt im Kesselhaus in Offenburg auf. Vorab verrät er, wie lange er noch auflegen will.
Karlheinz Kluge
24.05.2024
Kulturkolumne
Früher begann der Tag mit einer Schusswunde“, titelte der Autor Wolf Wondratschek im Jahr 1969. Ich behaupte: Früher begann der Tag mit einem Trainingslauf durch die Berliner Hasenheide.
"Anders hören": Peter Vogels filigrane Klangskulpturen sind in der Freiburger Ausstellung auch visuell ein Ereignis.
24.05.2024
Ausstellung in Freiburg
Die Ausstellung „Anders hören“ im Museum für neue Kunst in Freiburg zeigt Kunst, die sich mit dem Hören beschäftigt. Etliche Werke fordern zur Interaktion auf.
24 Jahre jung ist das musikalische Wunderkind Tarmo Peltokoski. Bei den Pfingtfestspielen in Baden-Baden dirigierte er erstmals das SWR-Sinfonieorchester.  
22.05.2024
Pfingstfestspiele Baden-Baden
Bei den Pfingstfestspielen erlebte das Publikum den jungen Dirigenten Tarmo Peltokoski am Pult. Große Momente bescherten auch die Sopranistinnen Camilla Lylund und Sonya Yoncheva.
Songs aus ihrem Album „Of Moons and Dreams“ präsentierte Cécile Verny beim Gengenbacher Kultursommer, rechts Bernd Heitzler am Kontrabass.
22.05.2024
Gengenbach
Sängerin Cécile Verny und das Instrumentaltrio an ihrer Seite beeindruckten das Publikum beim Gengenbacher Kultursommer mit musikalischer Feinkost.
Pianist Michael Kaeshammer hämmerte bei den Auftritten in seiner Geburtsstadt Offenburg mächtig in die Tasten.
20.05.2024
Offenburg
Der Pianist, Sänger und Entertainer Michael Kaeshammer begeisterte mit seinem neuen Album „Turn it up“. Mehr als 900 Zuhörer kamen zu den beiden Konzerten in die Reithalle.
In der Galerie Arthus selbst zeigt Thomas Baumgärtel (64) ein breites Spektrum seiner Bananenkunst.
20.05.2024
Zell am Harmersbach
„Bananensprayer“ Thomas Baumgärtel war auch in Zell a. H. aktiv. In der aktuellen Ausstellung in der Galerie Arthus dreht sich alles um die gelbe Tropenfrucht.
Künstler Lothar Seruset steht im Innenhof des Rathauses neben einer seiner Skulpturen: ein Mann, der mit einem Haus auf dem Arm mitten in einem Fluss steht, in dem es vor Fischen wimmelt.
16.05.2024
Lahr
Der Bildhauer Lothar Seruset bespielt die Lahrer Reihe „Kunst in die Stadt!“ drinnen und draußen. Sein filigranstes Kunstwerk wurde in der ersten Nacht nach der Ausstellungseröffnung zerstört.
Das Frühjahrskonzert des collegium musicum stand im Zeichen der Harfe, virtuos gespielt von der Solistin Kisten Ecke. ⇒Foto: Stephan Hund
16.05.2024
Oberkirch
Viel Beifall erhielt das Collegium Musicum für sein anspruchsvolles Frühjahrskonzert. Harfensolistin Kirsten Ecke unterstrich mit ihrem virtuosen Spiel den Zauber der Musik.
Dietrich Mack
16.05.2024
Kultur
Der Fußball als sportliches und gesamtgesellschaftliches Ereignis beschäftigt den Kolumnisten. Auch die Trainersuche des FC Bayern. Wer daran verzweifelt, den tröstet er mit Worten des Propheten Jesaja.
Hommage an die Musikikone Dr. John: Matthis Pascaud und Hugh Coltman mit ihrer Band beim intimen Konzert in der Reithalle.
15.05.2024
Offenburg
Gitarrist Matthis Pascaud und Sänger Hugh Coltman boten im Foyer der Reithalle vor kleinem Publikum eine überzeugende Hommage an die Musikerikone Dr. John.
Jazzsuite von Schostakowitsch und Tango von Piazzolla: Das Ensemble "sonic.art" zeigte sich vielseitig
15.05.2024
Achern - Fautenbach
Die letzten beiden Konzerte der Fautenbacher Reihe gab das "sonic.art" Saxophonquartett mit weithin unbekannten Werken. Besuch und Beifall waren dennoch eindrucksvoll.

Das könnte Sie auch interessieren

- Anzeige -
  • Das gediegene neue Corporate Design von Sport Kuhn spiegelt sich auch in der Fassadengestaltung wider.  
    21.05.2024
    Sport Kuhn: Führungstrio geht mit Drive in die Zukunft
    Seit vergangenem Sommer steht die vierte Generation bei Sport Kuhn in Offenburg an der Spitze und hat in den wenigen Monaten viele Änderungen angestoßen. Immer im Mittelpunkt: der Kunde.
  • Finanz- und Versicherungsmakler Tino Weissenrieder betreut mit dem Team der "W&K Wirtschaftsberatung" in Lahr einen bundesweiten Kundenstamm.
    21.05.2024
    Rundum beraten: W&K Wirtschaftsberatung Tino Weissenrieder
    In Unternehmen werden viele Entscheidungen getroffen – strategische, finanzielle und technologische. Doch wer stellt die Weichen für die Zukunft der Unternehmer? Die "W&K Wirtschaftsberatung" Tino Weissenrieder hilft mit Kompetenz und Erfahrung weiter.
  • Das Geheimnis des Erfolgs ist der große Zusammenhalt der Familie. Jeder bringt sich mit seinen Erfahrungen und Talenten ein (von links): Erika und Erhard, Brigitte und Hubert Benz sowie Anja Vetter und Alexander Benz mit ihrem kleinen Lukas. 
    29.04.2024
    Top-Life Gesundheitszentrum: Alle Altersgruppen willkommen!
    Das Top-Life Gesundheitszentrum in Berghaupten feiert in diesem Jahr ein außergewöhnliches Firmen-Jubiläum. Es basiert auf dem Alter aller sieben Familienmitglieder, die zum Erfolg des Unternehmens beitragen.
  • Physiotherapeutin Luise Wolf schätzt die Zusammenarbeit und innovativen Ansätze bei ihrem Arbeitgeber. 
    22.04.2024
    Top-Life Berghaupten: Hier steht der Mensch im Mittelpunkt
    Das Gesundheitszentrum Top-Life in Berghaupten bietet ein Komplettpaket rund um Gesunderhaltung, Rehabilitation, Prävention und Wellness. Physiotherapeutin Luise Wolf ist Teil des motivierten Teams und gibt im Interview Einblick in ihre abwechslungsreiche Arbeit.