Gespräch mit Theodor Guschlbauer

Der Straßburger Maestro aus Wien

Autor: 
kurt Witterstätter
Lesezeit 4 Minuten
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30. November 2020

Theodor Guschlbauer, hier als Gastdirigent im Januar 2019 bei einem Konzert der Bürgerstiftung Kehl, ist eine feste musikalische Größe in der Region. ©Erwin Lang

Theodor Guschlbauer ist ein alter „Opern-Hase“. Der frühere Straßburger Musikchef erzählt im Gespräch, wie er mit den Corona-Einschränkungen zurecht kommt. 

Musikprofessor Kurt Witterstätter ist seit Jahrzehnten mit dem ehemaligen Straßburger Maestro Theodor Guschlbauer bekannt. Während des neuerlichen Lockdowns der Kultur tauschten sich die beiden Musik­experten aus. 
Herr Maestro Guschlbauer, vor gut zehn Jahren konnten wir uns als beide 70 Jahre alt Gewordene, 1939 Geborene, gegenseitig zum 70. Geburtstag gratulieren. Sie sagten „Willkommen im ehrenwerten Club der 70er“. Nun sind wir beide im „Club der 80er“. Und gottlob noch nicht inaktiv. Für mich bricht als Musikberichter einiges weg. Wie ist es bei Ihnen?

Für mich ist es ähnlich: ich dirigiere natürlich viel weniger als noch vor ein paar Jahren, doch darf ich als Professor der Dirigierklasse an der hiesigen Hochschule sehr wohl weiterhin Unterricht halten; das war in den Monaten März bis Juni nicht der Fall.

Wenn Sie um Ostern 2021 an der Mailänder Scala die musikalische Leitung von Beethovens Ballett „Die Geschöpfe des Prometheus“ übernehmen: Darin ergeben sich motivische Bezüge zu seiner Eroica. Worin bestehen aber die Unterschiede?  
Das berühmte „Eroica“-Thema gibt es tatsächlich schon in dem etwa fünf Jahre früher geschriebenen einzigen Ballett Beethovens „Die Geschöpfe des Prometheus“.

Sind Ihren Dirigier-Studierenden solche geistigen Grundlegungen zu vermitteln? Erinnern Sie sich da noch Ihres Mentors Hans Swarowsky, der ja wohl auch hierhin zielte? 
Mein Lehrer und Mentor Swarowsky war ein hochgebildeter Mann, der uns die zahlreichen nicht nur musikalischen Grundlagen vermittelte, die ich jetzt meinen Studenten weiterzugeben versuche.

Wie halten Sie unter den Covid-Einschränkungen überhaupt den Kontakt zu Ihren Dirigierschülern am Straßburger Konservatorium aufrecht?
Wir dürfen derzeit normalen Unterricht unter strengen Covid-Auflagen halten.

Sie haben ja als Dirigent in den 1960er-Jahren mit der Leitung des Wiener Barockensembles begonnen. Lag damals die später von Nikolaus Harnoncourt propagierte, historisch informierte Aufführungspraxis schon in der Luft?
Ich habe Harnoncourt persönlich gut gekannt. Er hatte in den 1960er-Jahren mit seinem Gambenkonsort in einem barocken Wiener Palais richtungsweisende Konzerte gegeben, die sicherlich den entscheidenden Anstoß zu einer damals neuen, historischen Aufführungspraxis gebracht haben.

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Mit Harnoncourt verband Sie ja eine persönlich positive Beziehung, denn Sie haben viele seiner Züricher Dirigate fortgeführt. Wäre die Musikwelt heute ohne Harnoncourts Wirken weniger vielschichtig?   
Das ist sicherlich so. Ursprünglich auf Musik des 17. und 18. Jahrhundert fokusiert, ist Harnoncourt bis zur Wiener Klassik und sogar noch weiter gegangen und hat überhaupt ein neues Interpretationsdenken in die Wege geleitet.

Waren Sie mit Ihren zahlreichen Auftritten in Frankreich ab den 1960er Jahren auch von den mannigfachen politischen Unruhen dort betroffen? Worin bestanden dabei die Unterschiede zu den heutigen Covid-19-Ausfällen?  
Wenn ich ganz ehrlich sein soll, haben mich politische Unruhen eigentlich fast gar nicht betroffen, finde aber die derzeit in doch zahlreichen Ländern stattfindenden Protestbewegungen in Sachen Covid-19 eine Schande. 1939 geboren, erinnere ich mich als Kind noch ganz gut an die vielfältigen Einschränkungen, denen wir unterworfen waren und die wir nur mit Geduld und Disziplin überstehen konnten.

Haben Sie noch Kontakte zur Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, die sie ja nach dem Orchestre Philharmoniqe de Strasbourg in den vier Jahren 1997 bis 2001 leiteten? 
Ich habe leider nicht allzuviele Kontakte mit Ludwigshafen, was zum Teil an meinen Terminen, aber auch mit den dortigen Wechseln der Direktionen zu tun hat. Konzerte stehen aber in absehbarer Zeit im Raum.

Wie verschmerzen Sie derzeit die Trennung von Ihren Kindern und Enkeln außerhalb Straßburgs?   
Meine Frau und ich bewohnen ein schönes „deutsches“ Haus (erbaut 1912/13) in Straßburg, das uns ans Herz gewachsen ist. Wir stehen mit unseren Kindern und Enkeln - Tochter als Architektin mit Mann und zwei Buben in Brüssel sowie Sohn als Postdoc für Neurobiologie an der Uni Köln - in ständiger Verbindung. Da diese beiden Städte nicht allzuweit entfernt liegen, sehen wir einander auch öfters und das auch in unserem Ferienhaus bei Salzburg.

Viele Musikfreunde der Region haben Sie vor allem als Konzertdirigent in Erinnerung. Kam die Oper bei Ihnen dabei etwas kurz? Ich erinnere mich sehr gern Ihrer Leitung von Mozarts da-Ponte-Opern und Ihres konzertanten Wagner-Zyklus’ in Straßburg und dann besonders Ihres Dirigats von Strauss’ „Ariadne auf Naxos“ in Tobias Richters Inszenierungen an der Rheinoper 1985.
„Ariadne“ ist eine meiner Lieblingsopern, die ich in mehreren Inszenierungen - beispielsweise auch an der Wiener Staatsoper mit Jessye Norman - geleitet habe. Als alter „Opern-Hase“, der ich in vielen Orchestergräben gewirkt habe, kann ich auf ein Repertoire von rund 80 Titeln zurückblicken.

Zur Person

Theodor Guschlbauer

Theodor Guschlbauer, geboren 14. April 1939 in Wien, erhielt seine Ausbildung am Wiener Konservatorium und leitete diverse Orchester in Wien und ganz Österreich. 
Seit 1983 prägt er die Musikszene des Elsass, war 14 Jahre lang Dirigent der Straßburger Philharmoniker und Musikdirektor an der Opéra du Rhin, von 1997 bis 2001 leitete er die Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz in Ludwigshafen. 
Seit 2017 leitet Guschlbauer den Choeur Philharmonique de Strasbourg und arbeitet mit dem Kammerorchester Kehl-Straßburg. Seit 1983 ist Straßburg sein Hauptwohnsitz, auch wenn Guschlbauer ab 2001 als freier Künstler auf der ganzen Welt dirigiert.

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