Jon Fosse: „Der andere Name“

Die dunkle Seite der Existenz

Autor: 
Rainer Moritz
Lesezeit 4 Minuten
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14. Januar 2020
Jon Fosse ist ein Magier, der kaum Handlung braucht, um den Leser zu verzaubern.

Jon Fosse ist ein Magier, der kaum Handlung braucht, um den Leser zu verzaubern. ©Foto: Tom A. Kolstad/Tom A. Kolstad

Der norwegische Autor Jon Fosse schreibt keine Actionthriller, doch dem Sog seines neuen Romanzyklus kann man sich nicht entziehen: Die ersten Bände von „Der andere Name“ deuten auf ein Meisterwerk.

Stuttgart - Da passiert nicht viel. Da vergeht sie ganz langsam, die Vorweihnachtszeit im tief verschneiten Südwesten Norwegens, und da arbeitet der Maler Asle Tag für Tag an seinen Bildern. Seine Frau ist gestorben, seine Einsamkeit durchbricht allein der Fischer Åsleik, der von Kunst nichts versteht und nicht aufhören kann, sich über das merkwürdige Tun seines Nachbarn zu wundern. Ja, da passiert wirklich nicht viel. Alljährlich lädt Åsleik Asle ein, die Feiertage mit ihm und seiner Schwester, einer Meisterin in der Zubereitung von Lammrippchen, zu verbringen. Und wie immer lehnt Asle anfangs ab – ehe er es 450 Romanseiten später plötzlich in Erwägung zieht, der Einladung doch Folge zu leisten.

Jon Fosses Erzählen ist nichts für Liebhaber von Actionthrillern, und doch bekommt diese „langsame Prosa“, wie er sein Schreiben selbst nennt, schon nach wenigen Seiten eine beklemmende Eindringlichkeit. Der 1959 geborene Fosse, bekannt geworden als Dramatiker und regelmäßig für den Nobelpreis gehandelt, legt mit „Der andere Name“ die ersten beiden Teile eines siebenbändigen Romanzyklus vor, der – das macht der Auftakt deutlich – kaum anders als mit dem Wort „Meisterwerk“ zu beschreiben ist.

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Unverkennbar an Samuel Becketts Prosa geschult, entwickelt Fosse einen suggestiven Stil, den Hinrich Schmidt-Henkel hervorragend ins Deutsche überführt hat. Seine Sätze, die in einem zu sofortiger Vergegenwärtigung führenden Präsens gehalten sind, kommen ohne abschließende Punkte aus, ohne dass dies zu einer hermetischen, schwer zugänglichen Erzählweise führen würde. Nein, von der ersten Seite aus fühlt man sich hineingezogen in Asles und Åsleiks abgeschiedene Welt.

Fosse braucht nur wenig Mittel, um seinen düsteren Kosmos zu strukturieren

Mit „Ich sehe mich“-Einsätzen blickt Asle in die Vergangenheit zurück, in eine dunkle Vergangenheit. Als Maler hat er sich etabliert; ein Galerist in der nahe gelegenen Stadt Bjørgvin bringt seine Gemälde gewinnbringend unter die Leute, und doch haftet ihm eine Unruhe an, der er kaum Herr wird. Denn in Bjørgvin lebt ein Namensvetter, ein Maler wie er, ein dem Alkohol völlig verfallener Mann. Je länger der Roman voranschreitet, desto diffuser werden die Unterschiede zwischen den beiden Asle-Figuren. Der Erstere scheint im Letzteren eine Art Doppelgänger zu sehen, die abgründige, bedroh­liche Seite seiner eigenen Existenz.

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So sorgt sich Asle I, der selbst eine Trinkervergangenheit hat, um den vom Schicksal gebeutelten Asle II und fährt, trotz des immer stärker werdenden Schneefalls, noch einmal in die Stadt zurück, wo er seinen Doppelgänger schwer verletzt in einer Gasse auffindet. Was hat es damit auf sich? Und was mit den Frauen, die den Roman mit einem Mal bevölkern, mit Frauen, die ebenfalls wie Spiegelbilder wirken und die gleichen Namen tragen? Und wie verhält es sich mit der Erinnerung, die den zweiten Romanteil bestimmt, an eine Missbrauchsgeschichte aus Asles Kindheit?

Mit wenigen erzählerischen Mitteln strukturiert Jon Fosse seinen düsteren Kosmos. Die Dialoge führen wieder und wieder zu den gleichen Themen und Motiven zurück. Da fällt der Schnee, da spaltet man Holz, da kocht man Suppe, da wird von einem Spielmann erzählt, der sich auf und davon gemacht hat, da bezieht Asle ein Zimmer in einem sonderbaren Hotel, und da verliert er im nächtlichen Bjørgvin die Orientierung, irrt hilflos durch die Gässchen und kehrt in Kneipen ein.

Jon Fosse ist ein Zauberer, der keine Handlung braucht, um einen magischen Rahmen zu schaffen. Dahinter freilich ist ein Begehren spürbar, den scheinbar banalen Alltag zu überwinden, ein Bedürfnis nach Transzendenz. Darum nämlich geht es Asle, wenn er pausenlos an seinen Bildern arbeitet: „Immer ist es das Dunkle in dem Bild, das am stärksten leuchtet, und ich denke, das liegt vielleicht daran, dass in der Verzweiflung, in der Dunkelheit, Gott am nächsten ist, aber wie das Licht, das ich ja selber male, in das Bild hineinkommt, nein, das weiß ich nicht.“

Es geht in diesem Roman um den Urgrund der Kunst, und wie es Jon Fosse gelingt, diesen mit den Bildern einer versunkenen norwegischen Landschaft zu verknüpfen, das gibt seinem Text einen ebenso beruhigenden wie verstörenden Ton. Wo Asle die Weihnachtstage verbringen mag, spielt letztlich keine Rolle – und eine große zugleich. Erfahren werden wir das wohl erst in den nächsten Bänden dieses singulären Werkes.

Jon Fosse: Der andere Name. Heptalogie I – II. Roman. Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Rowohlt. 475 Seiten, 30 Euro.

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