Tagung in Sils Maria beschäftigte sich mit Leben und Werk

Die große Zäsur im Leben der Kultfigur Hermann Hesse

Autor: 
Regina de Rossi
Lesezeit 5 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
10. Juli 2019
Podiumsdiskussion bei den Hesse-Tagen mit Volker Michels, Adolf Muschg, Moderator Rudolf Probst, Alain Claude Sulzer und Jürg Acklin. Im Hintergrund ein Bild des legendären Hotels »Waldhaus« in Sils Maria.

Podiumsdiskussion bei den Hesse-Tagen mit Volker Michels, Adolf Muschg, Moderator Rudolf Probst, Alain Claude Sulzer und Jürg Acklin. Im Hintergrund ein Bild des legendären Hotels »Waldhaus« in Sils Maria. ©Regina de Rossi

Schon als junger Mann hat sich  Hermann Hesse in das kleine Örtchen Sils Maria im Schweizer Engadin verliebt. Im Hotel  »Waldhaus«, wo der Dichter einst viele Sommer verbrachte, wurden im Juni zum 20. Mal die Hermann-Hesse-Tage begangen.

Auf 1800 Meter Höhe, umgeben von einem lichten Wald, weichen sonnenumflutenden Spazierwegen und feiner, glasklarer Luft liegt das »Waldhaus«. Der Blick aus dem Fenstern des Schweizer Grand-Hotels fällt auf das kleine Örtchen Sils Maria. Das weite Fextal mündet in einen See. In ihm, dem Silser See, spiegeln sich die hohen Berge der Bernina, die Gebirgsgruppe in den zentralen Ostalpen. Dreitausender, die Ehrfurcht verbreiten. Sind sie für die grandiose Stille verantwortlich, die viele Künstler anzog, die Erholung und Inspiration suchten?

Es war im Jahr 1905, als sich der Dichter Hermann Hesse (1877-1962) in diesen Teil des Schweizer Engadin verliebte: »Gesehen habe ich viele Landschaften und gefallen haben mir beinahe alle. Die wohl schönste, am stärksten auf mich wirkende von diesen Landschaften ist das obere Engadin.«

Insgesamt sollte er 395 Tage hier verbringen. Vor allem in den Sommermonaten zog es ihn und seine Frau Ninon aus dem heißen Tessin in die Kühle der Berge. Neben der so wichtigen Erholung des tiefgründigen Denkers und neben seiner Seelenheilung war es das Zusammentreffen, der Austausch mit anderen Autoren, Dichtern, Denkern und Musikern, die Hermann Hesse sehr genoss. Er traf Rainer Maria Rilke, Thomas Mann und Alberto Moravia, Carl Gustav Jung, Erich Kästner und Friedrich Dürrenmatt, Kurt Tucholsky und Max Frisch und viele mehr. Das Haus, indem Nietsche bei seinen Besuchen wohnte, ist heute ein Museum.

Im Stil der Belle Epoche

In diesem Jahr feiert das »Waldhaus« seinen 111. Geburtstag. Noch immer wohnen die Gäste im Stil der Belle Epoche, trinken den Nachmittagstee bei gediegener Musik und werden von der Hotelleitung mit Handschlag begrüßt. In der fünften Generation wird das Haus von Familie Dietrich und Kienberger so weitergeführt, wie es Josef Giger und Amalie Giger-Nigg 1908 erschufen. »Wir sind restlos begeistert und schlürfen die Luft der Gemsen wie französischen Champagner«, lobte Komponist Richard Strauss 1947. 

Und noch immer wird Kultur hier groß geschrieben. So fanden im Juni bereits die 20. Hermann Hesse-Tage mit einem Programm unter dem Motto »1919 – Hermann Hesses Aufbruch in die Zukunft« statt. Im Mittelpunkt der viertägigen Tagung stand die große Zäsur im Schaffen des Dichters, die während des Ersten Weltkriegs eingesetzt und sich auf alle seine nach 1919 erschienenen Werke ausgewirkt hat. 

- Anzeige -

Es war die Zeit, als Hesse im Tessin neu begann. Er war nahezu mittellos, die Frau in psychiatrischer Betreuung, die Söhne Heiner, Bruno und Martin bei Verwandten untergebracht. »Demian« und »Klingsors letzter Sommer«, »Siddharta« und schließlich der »Steppenwolf« entstanden in Montagnola. Hesse wurde ein Streiter gegen den Dünkel des Nationalsozialismus, ein weltoffener Kosmopolit. 

Bei der Tagung referierte der Schweizer Alain Claude Sulzer über die Aktualität von Hesses Zeitkritik. Volker Michels, der Herausgeber der ersten Hesse-Gesamtausgaben und jahrzehntelanger Betreuer seiner Werke, nahm sich des »Demian« an: »Wie kam es, dass so ein stilles Buch so laut gewirkt hat?« Ein spannender Vortrag, der Hesses inneren Aufruhr, seine Zerrissenheit, seine Angst und seinen Mut aufzeigte. 

Kritsche Stimmen

Auch kritische Stimmen wurden laut. »Warum wird im Leben dieses Dichters so tief gegraben«, wurde nicht nur einmal gefragt. Doch Hermann Hesse hat das geschrieben, was er er- und gelebt hat. Das macht ihn authentisch, das macht ihn für manchen zur Kultfigur, zum Leitvater. Doch das, so weiß man, wollte Hesse nie sein. Wenn, dann wollte er annimieren, selbst zu denken, sein Leben in die Hand zu nehmen. »Eigensinn macht Spaß«, fand er. 

Daraus machten Graziella Rossi und Helmut Vogel eine wunderbare szenische Lesung. Die junge Hesse-Forscherin Sabrina Vogel beschäftigte sich mit den Märchen von Hermann Hesse. Michael Limberg widmete sich Hesses Vater, während Sohn Heiner Hesse in dem wunderbaren Film von Elisabeth Brunner »Die Hölle ist überwindbar« sehr private Einblicke in die Familie gewährte. Jürg Aklin, Schweizer Schriftsteller und Psychoanalytiker, nahm sich des Werkes Klein und Wagner an. Nicht weniger interessant waren die Ausführungen des Theologen und Präsidenten der Internationalen Hermann Hesse-Gesellschaft, Karl-Josef Kuschel, zu »Klingssors letzter Sommer«. 

Der bekannte Schweizer Autor Adolf Muschg zog die Essenz aus den 20. Silser Hesse-Tagen. Vielen ist der Literaturnobelpreisträger Hermann Hesse hier noch einmal ganz neu begegnet, sehr persönlich, auch kritisch. Den meisten aber ist – so wie dem teilnehmenden Enkel Silver Hesse – längst Vertrautes wiederbegegnet. 

Hesse ist ein Autor, der noch immer aktuell ist. Warum? Weil er gelebt hat, bis in die Tiefe seiner Seele hinein und Worte fand, die andere suchen. Einfach war es nicht, doch wer sagt, dass Leben einfach ist. Dazu Hesse: »Ich wollte ja nur das zu leben versuchen, was von selber aus mir heraus wollte. Warum war das so sehr schwer?« 

Weitere Artikel aus der Kategorie: Kultur

Das Ratespiel «Just One» ist zum «Spiel des Jahres» gekürt woden.
vor 14 Stunden
Berlin
Das Wortratespiel «Just One» ist zum «Spiel des Jahres» 2019 gekürt worden. Das Spiel der französischen Autoren Bruno Sautter und Ludovic Roudy sei insbesondere «durch seine Einfachheit genial», begründete eine Kritikerjury am Montag in Berlin ihre Entscheidung. Die Auszeichnung wird seit 40 Jahren...
Die Holzplastik «Zweifel» von Hans Scheib aus dem Jahr 1984.
vor 14 Stunden
Leipzig
30 Jahre nach der Friedlichen Revolution behandelt das Leipziger Museum der bildenden Künste (MdbK) in einer großen Ausstellung die Wendezeit.
vor 15 Stunden
I EM MUSIC
Matthias Reim ist der Rocker unter den Schlagerbarden, ein kerniger Typ, der seit seinem Durchbruch im Jahr 1990 immer wieder Höhen und Tiefen durchlebt hat. Im Rahmen von »I EM MUSIC!« hat er am Samstagabend mit gut 2000 Fans den Schlossplatz in Emmendingen gerockt.
vor 17 Stunden
Tonarten-Festival
»Heute Nacht ist dieses Lied mein Zuhause!«, singt Phela. Sie steht in der Konzertmuschel im Kurpark von Sasbachwalden. Es ist Sonntagabend, ein warmer Sommerabend und der zweite Part des Tonartenfestivals, der mit einer Vernissage am Vormittag begann.
21.07.2019
Vernissage zum Auftakt des Ton-Arten-Festivals
Das 13. Sasbachwaldener Musikfestival „Tonarten“ wurde traditionell mit einer Kunstvernissage eröffnet. Bis zum Abschlusstag am kommenden Sonntag werden im Alten E-Werk der Gemeinde in einer Gemeinschafts-Ausstellung 25, häufig mehrteilige Bilder von Gabi Streile und Werner Schmidt gezeigt
21.07.2019
Zeltmusikfestival in Freiburg
Die große Liebe Chic Coreas gehört dem Jazz, dem Flamenco und den Rhythmen Lateinamerikas, seine Musik strahlt immer auch eine wunderbar unaufgeregte Leichtigkeit aus. Am Donnerstagabend hat der 78-jährige Pianist mit seiner »Spanish Heart Band« das Publikum des Freiburger Zeltmusikfestival...
21.07.2019
I EM MUSIC in Emmendingen
Die Konzerte von Mark Forster gleichen einem bunten, fröhlich überschäumenden Kindergeburtstag, der auch die älteren Geschwister, Mama und Papa mit auf die Reise nimmt. Zum Auftakt des Festivals »I EM MUSIC!« hat er am Freitagabend mit fast 5000 Fans auf dem Schlossplatz in Emmendingen gefeiert.   
José F.A. Oliver.
20.07.2019
Kulturkolumne
Dieser Tage las ich einen bemerkenswerten Satz. Ein Satz, der mich wie kaum ein anderer Sinnspruch geistiger und seelischer Reife, bei mir anklopfen und unversehens einkehren ließ. Mehr als ein Bonmot, eine Lebensweisheit. Andere sagen Diktum.
 Andreas Mölich-Zebhauser.
20.07.2019
Abschied vom Festspielhaus Baden-Baden
Mit den Sommerfestspielen endete auch die Amtszeit von Andreas Mölich-Zebhauser, der 21 Jahre lang das Festspielhaus Baden-Baden als Intendant prägte. Er machte aus dem Sanierungsfall ein remomiertes Opernhaus. Ein Blick auf eine Ära. 
Der spanische Schlagersänger Julio Iglesias bei einem Auftritt 1970.
19.07.2019
Madrid
«Yo canto». Ich singe. Der Titel des Debütalbums von Julio Iglesias umfasste 1969 im Grunde schon alles, wofür der Spanier bis heute steht - und was er seit nunmehr 50 Jahren unermüdlich tut: singen, singen und nochmal singen.
DJ Snake legt im Kölner Club Bootshaus.
19.07.2019
Köln/Berlin
«Berlin is over, what's next», heißt es bei manchen. Berlin ist out, was kommt jetzt?
Tom Cruise kam mit einem Präsent zur Comic-Con-Messe.
19.07.2019
Los Angeles
Hollywood-Star Tom Cruise (57) hat Tausende Fans auf der Comic-Con-Messe im kalifornischen San Diego mit einem Auftritt überrascht. Zum Auftakt der Veranstaltung am Donnerstag präsentierte der Schauspieler den ersten Trailer für die Fortsetzung des Kampfjetpiloten-Films «Top Gun» (1986).

Das könnte Sie auch interessieren

- Anzeige -
  • 17.07.2019
    Große Wiedereröffnung
    Nur einige Meter vom alten Standort entfernt – und doch ist alles neu: Am Donnerstag, 18. Juli, öffnet um 8 Uhr im Lahrer Fachmarktzentrum nicht nur ein neuer, sondern zugleich der jüngste und modernste MediaMarkt Deutschlands seine Türen.
  • Die »Stand-up-Paddle-Boards« sind der Renner des Sommers.
    12.07.2019
    Erhältlich im EMUK Store in Lahr
    Durch einsame Landschaften streifen, sich frei fühlen und die Natur genießen – Camping ist Urlaub der besonderen Art. Doch was sollten Reisende einpacken? Hier sind aktuelle Trends für den Urlaub im Freien – und im Wasser.
  • 11.07.2019
    Edelbrennerei Wurth
    Gin, Whisky, Edelbrände – alles aus der Region, alles aus einer Hand und in höchster Qualität, das verspricht die Edelbrennerei Markus Wurth aus Altenheim. Neben Kooperationen mit heimischen Partnern ist das Familienunternehmen auch im Ausland inzwischen sehr erfolgreich.
  • 10.07.2019
    Offenburg
    Essensstände mit besonderen Leckereien sorgen für Genuss, Musiker und Illumination für Flair: Bei »Genuss im Park« wird der Offenburger Zwingerpark ab Donnerstag, 25. Juli, und bis Samstag, 27. Juli, wieder das stilvolle Ambiente für ein besonderes Fest sein.