Kehl
Dossier: 

„Die Lust am Ausprobieren steigt“

Autor: 
Oscar Sala
Lesezeit 8 Minuten
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03. Mai 2021
„Wie alle Veranstalter hoffen wir auf klare Ansagen“, sagt Kulturamtsleiterin Stefanie Bade im Gespräch mit der Mittelbadischen Presse.

„Wie alle Veranstalter hoffen wir auf klare Ansagen“, sagt Kulturamtsleiterin Stefanie Bade im Gespräch mit der Mittelbadischen Presse. ©Oscar Sala

Auch im Kulturamt Kehl macht man sich Gedanken, wie man Kultur und Corona unter einen Hut bringen kann. Wichtig ist Kulturamtsleiterin Stefanie Bade, auch lokalen Künstlern und Vereinen Auftrittsmöglichkeiten zu bieten.

Stefanie Bade ist die Leiterin der Kultur bei der Stadt Kehl und hat derzeit, wie alle ihre Kolleginnen und Kollegen, nicht viel zu lachen. Dennoch ist sie zuversichtlich, was das kulturelle Geschehen in der Stadt betrifft. Im Gespräch mit der Mittelbadischen Presse berichtet sie über die aktuelle Situation in der Kehler Kulturszene.„Aufgrund der aktuellen Corona-Inzidenzwerte müssen alle geplanten Veranstaltungen abgesagt oder verlegt werden…“, heißt es derzeit überall im Lande. Stadthalle, Kleinkunstbühnen und Konzertsäle müssen auch in Kehl geschlossen bleiben.

Wie viele Veranstaltungen mussten Sie bislang verschieben oder absagen?

Wir haben bisher 66 Veranstaltungen abgesagt oder verschoben, neun konnten wir letzten Sommer und im Oktober mit Publikum durchführen. Zusätzlich haben wir mehrere Konzerte per Livestream übertragen, zuletzt auch einen Poetry Slam.

Corona sorgt weiterhin für Stillstand in der Kulturwelt. Wie gehen Sie und Ihre Mitarbeiter damit um?

Die Ungewissheit ist für alle schwer zu ertragen. Vor einem Jahr waren wir noch guter Hoffnung, dass die Veranstaltungen nachgeholt werden können. Wir haben verschoben und neu angekündigt, erneut verschoben, wieder angekündigt ... Das ist natürlich deprimierend. Wir wissen aber, wie wichtig es ist, umgehend wieder loslegen zu können: Wichtig für das Publikum, das sich nach kulturellen Unternehmungen sehnt, wichtig für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und natürlich auch für die stark gebeutelte Kulturszene selbst.

Was bedeutet diese Ungewissheit für die städtischen Kulturbetriebe?

Als städtische Kulturbetriebe sind wir insofern privilegiert, dass wir nicht um unsere Existenz bangen müssen. Da sieht es in der privaten Szene anders aus. Aus diesem Grund fühlen wir uns sehr in die Pflicht genommen, das uns Mögliche zu tun, um zumindest hier und da Unterstützung leisten zu können.

Was passiert, wenn sich die Corona-Lage nicht bessert – gibt es einen Plan B?

Es ist allen klar geworden, dass nur die zunehmende Zahl von Geimpften uns eine nachhaltige Entspannung der Lage bringen wird. Wenn alles gut geht, dann wird die Spielzeit 2021/2022 im Herbst unter besseren Vorzeichen beginnen können. Bis dahin werden wir weiterhin auf Sicht fahren.

Also Plan B

Wir sind derzeit dabei, mehrere Open-Air-Veranstaltungen im Juni, Juli und August zu planen. Darunter Bekanntes wie den Kultursommer oder das Theaterwochenende auf dem Vorplatz des Kulturhauses. Wir entwickeln aber auch neue Formate, um lokalen Künstlern und Vereinen Auftritts- und Präsentationsmöglichkeiten zu bieten. So werden wir im Juni mit mobilen Tribünen am Kulturhaus flexible Bühnensituationen schaffen, die von Akteuren aus Kehl und Umgebung sowie den lokalen Vereinen genutzt werden können. Und es gibt Gespräche über eine Kunstaktion in der Kehler Innenstadt, an der sich Künstlerinnen und Künstler beteiligen möchten.

Haben Sie mit den Kehler Künstlern Kontakt aufgenommen, wie ist die Situation dort?

Sehr unterschiedlich. Die wenigsten sind beruflich ausschließlich Künstler, sondern verdienen zusätzlich Geld im sozialen oder pädagogischen Bereich. Richtig schlimm wird es, wenn alles wegbricht – diese Fälle gibt es auch in Kehl. Im Gegensatz zu den Akteuren der Bühnenkunst können Bildende Künstler oder Komponisten wenigstens weiter arbeiten, da hat sich der Alltag nicht ganz so stark verändert. Die Kulturwirtschaft insgesamt nimmt großen Schaden und noch ist nicht ausgemacht, wer das wirtschaftlich überlebt.

Die Stadt bietet auch finanzielle Hilfe an…ist diese in Anspruch genommen worden?

Wir bieten Fördermittel für Kulturprojekte an und sind da viel flexibler als sonst, weil die Konzepte den sich ständig ändernden Gegebenheiten angepasst werden müssen. Das wird in Anspruch genommen. Dann gibt es einen speziell für die Coronazeit entwickelten Zuschuss für die Stadthalle. Und wir informieren über die bestehenden Landes- und Bundesförderungen sowie private Unterstützungsinitiativen.

Wie wirkt sich der kulturelle Stillstand durch die Corona-Krise auf die finanzielle Lage eines Kulturbüros aus? Wie sieht es bei den Theaterbetrieben, Kleinkünstlern oder Musikern aus?

Wir sind in der glücklichen Lage, dass wir Unterstützung aus dem Teilprogramm „Theater in Bewegung“ im Rahmen der „Neustart“-Kulturförderung des Bundes erhalten, welches speziell auf die Gastspielbetriebe zugeschnitten wurde. Dafür sind wir unserem Verband Inthega (Interessensgemeinschaft der Städte mit Theatergastspielen) sehr dankbar, der sich beim Bund für dieses Programm stark gemacht hat. So werden uns in der Saison 2020/21 Mindereinnahmen bei den Eintritten erstattet – aber natürlich nur, wenn die Veranstaltungen auch stattfinden konnten.

Und wenn das nicht der Fall war?

Diese Förderung deckt auch Ausfallhonorare für ersatzlos ausgefallene Veranstaltungen ab, was für die Theaterbetriebe und die Solokünstler, aber auch für die Tourneeunternehmen überlebenswichtig ist. Wenn die privaten Theater und Tourneeunternehmen die Pandemie nicht überleben, dann lässt sich die Qualität unserer Theaterreihen künftig nicht mehr aufrecht erhalten.

Haben Sie ein Wunschszenario für die nächsten drei Monate?

Für die Kulturbranche wird vor Juni nicht viel gehen. Generell hoffe ich, dass sich die dritte Welle noch abbremsen lassen wird. Davon hängt ab, was im Sommer möglich ist. Wie alle Veranstalter hoffen wir auf klare Ansagen, wann und in welchem Rahmen Open-Air-Veranstaltungen erlaubt sein werden. Das vergangene Jahr hat gezeigt, dass diese Ansagen extrem kurzfristig kommen, daher orientieren wir uns an den Rahmenbedingungen vom Sommer 2020. Und halten den Optimismus möglichst hoch.

Halten Sie die aktuellen Corona-Maßnahmen für zu strikt?

So lange nicht genug Menschen geimpft sind, müssen wir uns unbedingt an die Regeln halten. Mich enttäuscht persönlich nur, dass der Kulturbetrieb, der wie alle Untersuchungen übereinstimmend zeigen, mit Abstand am wenigsten zur Verbreitung des Virus beiträgt, am längsten und konsequentesten von allen Bereichen geschlossen bleiben wird. Dabei ist auch die Kultur wie die Religion vom Grundgesetz geschützt. Das Argument lautete im November, dass man die Mobilität herunterfahren wolle – die war aber im Februar 2021 ohne Kultur schon wieder um sieben Prozent höher als vor Corona im Februar 2019, weil die Menschen einfach aus ihren engen vier Wänden raus wollen.

Was ärgert Sie an der Situation und die Regelungen besonders?

Ich würde mich nicht wundern, wenn man im Nachgang feststellt, dass bestimmte Bereiche der Kultur hätten kontrolliert geöffnet bleiben sollen: Theater, Kinos und Konzertsäle mit großem Raumvolumen und modernen Lüftungsanlagen, große Museen. Überall hier lassen sich die Besuchswege kontrollieren und lenken. Das hätte viele Menschen den Dauerlockdown besser ertragen lassen. Stattdessen bekam die gesamte Branche den Stempel „Gefährlich“ aufgedrückt – und wird damit nach der Wiedereröffnung noch lange zu kämpfen haben.

Unter welchen Bedingungen könnte das Kehler Kulturbüro, die Stadthalle und andere Säle wieder für das Publikum öffnen?

Ohne Frage müssen die Infektionszahlen so weit wie möglich abgesenkt werden, vorher wäre jede Öffnung das falsche Signal. Dann bin ich aber überzeugt, dass wir mit unseren modernen Lüftungsanlagen im Kulturhaussaal und in der Stadthalle sehr sichere Räume anbieten. In Verbindung mit den bereits bewährten Hygienekonzepten, der digitalen Kontaktverfolgung und eventuell noch Schnelltestungen sind das gute Bedingungen für kontrollierte Öffnungen.

Werden künftig Theater- oder Konzertbesucher, die nicht geimpft sind, vor der Tür bleiben müssen?

Nein, sicher nicht. Es wird zunächst auf eine Kombination von Schnelltestungen und vorhandenem Impfschutz hinauslaufen, jedenfalls bei uns im öffentlichen Kulturbetrieb. Wer sich allerdings weder testen noch impfen lassen will, der muss wohl tatsächlich zum Schutz der anderen vorübergehend auf den Besuch verzichten.

Würden Sie trotz allem etwas Positives aus der Corona-Krise für den Kulturbetrieb ziehen?

Naja, wenn etwas ordentlich durchgeschüttelt wird, dann gerät vieles in Bewegung. Über das Problem der fehlenden sozialen Absicherung von Künstlerinnen, Künstlern und Solo-Selbständigen wird in der Kulturpolitik gesprochen werden müssen. Den Handlungsbedarf hat das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg auch erkannt. Darüber hinaus hat der Kulturbetrieb in seiner Not die Möglichkeiten der Digitalisierung entdeckt – nach der ersten Phase des reinen Abfilmens von Konzerten oder Ausstellungen wird jetzt an weitergehenden Konzepten gearbeitet, die dem Publikum auch wirklich einen Mehrwert bringen. Und last but not least: In dieser Zeit des Stillstands ist innerhalb der Einrichtungen sehr viel passiert. Wir haben alle über Monate gelernt, auf Sicht zu fahren und wahnsinnig flexibel zu sein. Das lässt Experimente zu, die Lust am Ausprobieren steigt und auch der Mut dazu.

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