Rückblick auf 1968

Die musikalische Rebellion auf den Konzertbühnen

Autor: 
Jürgen Stark
Lesezeit 4 Minuten
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14. Dezember 2018
Deutsche Mitspieler im weltweiten progressiven Rock: Die Band Can wurde 1968 in Köln gegründet.

Deutsche Mitspieler im weltweiten progressiven Rock: Die Band Can wurde 1968 in Köln gegründet. ©dpa

Vor einem halben Jahrhundert wackelte die BRD. Das Jahr 1968 ging in die Geschichte ein, als Startschuss zu einer neuen Protestbewegung. Doch auch in der Musikszene war der Teufel los. Sie lieferte aber weitaus mehr als nur Soundtracks gegen das Establishment.

Das geteilte Deutschland krankte 1968 an seinen Widersprüchen. Während der Westen dank Wirtschaftswunder und der anschwellenden Popkultur der Briten und Amerikaner eine nie gekannte Freizügigkeit in vollen Zügen genießen konnte, marschierten im Osten hinter Mauern und Stacheldraht die Sowjet-Vasallen in Reih und Glied und die Gefängnisse waren voll mit Dissidenten.

Dass in dieser Zeit alte Nazis weiterhin in Parteien, Wirtschaft und Gesellschaft aktiv waren, inspirierte den Schriftsteller Ralph Giordano später zu seinem Buch »Die zweite Schuld«. Denn viele Mittäter blieben ungestraft. 1968 – das war insofern der Auf- und Ausbruch aus dem Alptraum von Kriegsruinen, Holocaust und autoritärem Staat. Es war die eigene Entnazifizierung, die politische Abrechnung mit Hitlers Erben. 

Kaum war der zweite Weltkrieg vorüber, ging der Horror andernorts weiter. Barbarische Bilder vom Vietnam-Krieg der Amerikaner gegen den kommunistischen Viet-
cong zogen um die Welt und sorgten in West-Berlin, Hamburg oder Frankfurt für Protest. Dieser Protest war auch in New York, Paris und London zu sehen. Die Jugend begehrte weltweit gegen Machtmissbrauch und Mächtige auf, später auch in den sozialistischen Dikaturen von Prag und Ost-Berlin. Der wilde Beat wirkte dabei wie ein Brandbeschleuniger, die aufbrechende Musikkultur reflektierte und vertiefte das vom erwachsenen Establishment angerichtete Chaos der Widersprüche. 

Haare wurden länger

Der Rock ’n’ Roll der noch braven Fünzigerjahre uferte aus, verlor den Anstrich von Tanzmusik à la Bill Haley. Die umtriebigen Beatles veröffentlichten ihr legendäres »White Album«, die Haare der »Fab Four« wurden immer länger. Das nun beginnende Beatage mit seinen Bands kippte alle Vorstellungen von bürgerlicher Moral und normalem Leben. 

Bei den Studentenprotesten der außerparlamentarischen Oppostion (APO) wurde die Obrigkeit angerempelt: »Unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren«. Doch der blumige Beat der beginnenden Flower Power-Epoche ließ nicht nur in London die Röcke der Modemacherin Mary Quant immer kürzer werden. Lustorientierte APO-Rebellen griffen den lasziven Blues der Szene auf und texteten an Unis und anderen Orten der Republik: »Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment.« 

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Was die vielfältige Musikszene jener Tage schuf, war schlicht genial. Bands schossen wie Pilze aus dem Boden: Led Zeppelin, Black Sabbath, MC5, Frank Zappas Mothers of Invention, Country Joe & The Fish. In Deutschland gründeten sich die legendären Can und avancierten zu weltweit akzeptierten Mitspielern des progressive Rock. Die neue Experimentalwut an den Instrumenten und beim Erforschen des Universums der Klänge öffnete die Türen zur Innerlichkeit. 

Janis Joplin, Jimi Hendrix oder Jim Morrison von den Doors waren musikalische aber keine politischen Rebellen. Ihre Suche nach Sinn war und blieb viel authentischer als der verquaste Unsinn, der seinerzeit durch Mao-Bibeln sogar bei Karstadt auf dem Büchertisch verbreitet wurde.

Weniger spießig

 Der Autor Johannes Waechter machte sich im »SZ-Magazin« über heutige Märchenerzählungen lustig. Die Musikszene sei weniger spießig als die Linken an den Unis gewesen. Sie sei außerdem wirklich unabhängig und überwiegend unpolitisch gewesen: »Denn das Drehbuch zur Revolution hat Karl Marx und kein anderer verfasst, und in dessen Schriften ist selbst bei gründlichster Analyse kein Hinweis auf lange Haare und elektrische Gitarren zu finden.« 

Sicherlich gab es John Lennons »Working Class Hero« und den »Street Fighting Man« der Rolling Stones. Aber eigentlich ging es um das große Abenteuer namens Musik, einen Aufbruch in vorher nie Gehörtes. Stellvertretend für diese innere Revolution, die nun an die Pforten der Wahrnehmung klopfte, standen experimentelle Hardrocker wie Deep Purple, Blue Cheer oder Iron Butterfly. Letztere lieferten dem Jahr 1968 die wohl ungewöhnlichste Hymne aller Zeiten. 

Das 17-minütige Rock-Stück »In-A-Gadda-Da-Vida« füllt eine komplette Albumseite, wobei dieser Song zu zwei Dritteln aus dem Schlagzeugsolo des Iron Butterfly-Drummers Ron Bushy besteht. Wer dieses bahnbrechende Solo einmal hörte, dem geht es nie wieder aus dem Kopf. Genau das war 1968, eine aufregende musikalische Sinnsuche, eine Begegnung mit künstlerisch geschaffener Magie. 

1969 folgte dann das legendäre Woodstock Festival. Danach war der Siegeszug der freizügigen Klang- und Lebenswelten nicht mehr aufzuhalten.

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