"Rheinpassagen": Schauspielerin Camilla Kallfaß
Dossier: 

Die Ortenau wurde zur Heimat

Autor: 
Tilmann Krieg
Lesezeit 7 Minuten
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23. Oktober 2020

(Bild 1/2) Angekommen und total happy in der Ortenau – Camilla Kallfaß liebt dieses Land und diese Leute! ©Tilmann Krieg

„Rheinpassagen“: Für die Schauspielerin und Sängerin Camilla Kallfaß ist die Ortenau zur neuen Heimat geworden. 
Derzeit ist die gebürtige Heidelbergerin in dem Ein-Personen-Stück „Ein wenig Farbe“ im Theater Baden-Alsace zu sehen.

Diese Augen stahlen, ihr Lachen steckt an, alles an ihr sprüht vor Energie. Wenn man Camilla Kallfaß im privaten Gespräch erlebt, vermutet man nicht gleich, dass sie auch die dramatischen Rollen überzeugend darstellt, vielschichtig und mit tief empfundener Empathie. 

Gerade steht sie im Musical „Ein wenig Farbe“ von Rory Six auf der Bühne des Theaters Eurodistrict Baden Alsace im Europäischen Forum am Rhein in Neuried, das in der vergangenen Woche Premiere feierte. Volle zwei Stunden füllt sie allein den Abend, schlüpft in verschiedene Rollen, singt, tanzt, zweifelt, weint, lacht, jubelt, flüstert und erzählt dabei die Geschichte eines Mannes, der nach Jahren des Lebens als braver Familienvater sein Coming-out hatte und nun, am Vorabend der Operation, die ihn endgültig zur Frau machen wird, auf sein bisheriges Leben zurückblickt. 

Es war die Deutschlandpremiere des Stückes, das in anderen Ländern bereits Erfolge feierte, sie spielte vor „ausverkauftem Haus“. In Corona-Zeiten bedeutet das zwar nur relativ wenige Zuschauer, doch die hat sie voll erwischt mit ihren bravourösen Gesangseinlagen, die jedesmal vom Publikum beklatscht wurden. 

Erstmal kein Traum von der Schauspielerei

Obwohl das Transgender Thema vermutlich nicht zum Alltagshorizont der meisten Menschen gehört, vermochte das subtil gearbeitete Musiktheaterstück durch die Interpretation von Camilla Kallfaß bei den Zuschauern starke Emotionen zu wecken und den Konflikt, dem Menschen ausgesetzt sind, die nicht in die normative Konvention der Mehrheit zu passen scheinen, verständlich und nachvollziehbar zu machen. Am Ende kommt die Erlösung – für den Protagonisten des Stücks durch seine Metamorphose in die Identität, die er/sie immer ersehnt hatte, für die Darstellerin und ihre Regisseurin Diana Zöller in Form von minutenlangen stehenden Ovationen und Bravo-Rufen des Publikums.

Und Camilla Kallfaß? Gab es auch für sie mal diese Momente in ihrer Jugend, wo sie heimlich in andere Rollen schlüpfte, verborgen vor strengen Elternaugen Träume von Tanz und Schauspielerei nachhing? „Ganz im Gegenteil“, lacht sie, ich wollte das überhaupt nicht. Ihre Mutter ist Schauspielerin, Camilla konnte sich das nicht für sich selbst vorstellen. Vier Jahre ging sie auf eine Waldorfschule, wurde gedrängt in einem Theaterstück eine Hauptrolle zu tanzen, sie habe sich strikt geweigert. Später machte sie ein sehr gutes Abitur. „Medizinerin oder Biophysikerin, vielleicht auch Tierärztin“, so lagen ihre Vorstellungen, aber erstmal wollte sie sich Zeit für eine Entscheidung lassen – und die füllte sie aus mit einem Musical-Workshop bei „Performing Arts“ in Wien. 

Dort zündete der Funke, besonders, da ihr Dozent im privaten Gespräch ihr außergewöhnliches Talent bescheinigte und dringend riet, sich zum Schauspiel- und Gesangsstudium zu bewerben und eine professionelle Karriere anzustreben.

In einem künstlerischen Fach an einer Hochschule zugelassen zu werden, ist ein fast aussichtsloses Unterfangen. Das gilt für alle Disziplinen. Es braucht nicht nur weit überdurchschnittliches Talent, man muss es auch nachweisen, in langwierigen Aufnahmeprüfungen und Auswahlverfahren. In der Regel schaffen etwa drei bis fünf Prozent der Bewerber die Aufnahme und die Konkurrenz ist riesig. Camilla Kallfaß schaffte es an die renommierte Universität der Künste in Berlin, studierte dort intensiv von 2004 bis 2008 und bestand am Ende ihr Diplom mit Auszeichnung.

Bereits während des Studiums hatte sie in einer Hauptrolle auf der Bühne der Neuköllner Oper Berlin gestanden. Nach dem Diplom sang sie am Staatstheater Cottbus die Hauptrolle der Reno Sweeney in Cole Porters Musicalklassiker „Anything goes“. Als Hauptrolle „Lucy“ bezauberte sie 2010 bis 2013 in „Jekyll & Hyde“ das Publikum des Staatstheaters Cottbus. Besonders geliebt hat sie die Revue „Vom Wedding nach Las Vegas“, in der sie seit 2008 am Kleinen Theater in Berlin die Schlagersängerin Manuela ausfüllt. 

„Camilla Kallfaß erweist sich dabei als absoluter Glücksgriff“, lobte die Berliner Morgenpost, „mit ihrem fröhlichen Strahlen und einem bezaubernden Mezzosopran“. Mittlerweile hat sie die Manuela bereits in über 60 Vorstellungen gegeben und wird auch heute noch oft vom „Manuela-Fanclub“ eingeladen. Was Camilla Kallfaß spielte, wurde fast immer zum Erfolg: „Gretchen“ in der Rockoper „Faust“, „Hattie“ in „Kiss me Kate“, „Marion“ in „Dantons Tod“, daneben die Mitwirkung an Filmprojekten und CDs. 

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Ein Glücksfall

„2013 hatte ich in nur 10 Monaten 11 Produktionen zu bewältigen“, erinnert sie sich. „Ich sah nur noch Bahnhöfe und Hotels, es ging rundum von einer Stadt in die andere: Freiburg, Cottbus, Berlin, Rottweil, Bern, Winterthur …“ Irgendwann wollte die gebürtige Heidelbergerin sesshaft werden, und so landete der Stern in der Ortenau, nicht nur, weil sie die Region besonders schön, sondern weil sie dort auch ihren Mann fand, mit dem sie eine Familie gründete.

Ein Glücksfall war die Begegnung mit einem nahe gelegenen professionellen Theater. BAALnovo nannte es sich damals noch. „Wo hätte ich sonst in der Region beginnen können?“, fragt sie sich nachdenklich. Die Nähe Frankreichs, die binationale Ausrichtung des Theaters, die kreative, künstlerische Atmosphäre eines freien Theaters, das auch eigene Produktionen schreibt – das alles hat ihr sehr gefallen. 

Gerade schrieb der Intendant Edzard Schoppmann ein eigenes Stück über die Vergangenheit des letzten Krieges zwischen Deutschen und Franzosen – ein buntes musikalisches Stück, das ebenso ans Herz ging, wie auch zum Lachen reizte: „Blutschwestern“. Camilla Kallfaß wurde mit der musikalischen Leitung und der Choreographie betraut und übernahm eine Rolle, mit der sie gesanglich zum ersten Mal in der Ortenau brillierte. Ähnlich einer richtigen Thespis-Karre zogen das Stück und sein Ensemble durch viele Städte der Region und schlug seine Bühne auf den Marktplätzen auf. 

Besondere Erfahrung

Seither wurde die Zusammenarbeit zwischen Camilla Kallfaß und dem Theater – das seit dem Umzug in seine neue Spielstätte in Neuried offiziell „Eurodistrict Theater Baden Alsace“ heißt –, immer wieder in fruchtbarer Weise belebt. Sie übernahm Rollen und Gesangsparts in verschiedenen Produktionen und übernahm mehrfach Choreographie und die Einstudierung der Musik mit anderen Ensemblemitgliedern. 

Die gemeinsame Arbeit am neuen Stück „Ein wenig Farbe“ mit Regisseurin Diana Zöller war für Kallfaß eine ganz besondere Erfahrung. „Die Regisseurin hat mir viel künstlerische Freiheit gelassen, aber immer wieder entscheidende Impulse gegeben, die mir halfen, mich ganz in die Figur hineinzufinden. Das war sehr wichtig und intensiv“, lobt sie.

In der Ortenau ist Camilla Kallfaß dadurch nicht nur bekannt geworden, sondern auch angekommen. In der Grenzregion fühlt sie sich richtig zuhause, die Nähe zu Frankreich, die Kultur der Grenzregion gefällt ihr ungemein. „Unsere Familie war immer sehr Frankreich-affin“, erzählt sie, „schon als Kind bin ich oft mit meinen Eltern nach Frankreich in Ferien gefahren“. 

Dass das Theater deutsch-französische Produktionen unternimmt, stellt sie mitunter noch vor Herausforderungen, dafür lernt sie jetzt aber intensiv die Sprache der Nachbarn, hat bereits einige französische Lieder in ihrem Repertoire und immerhin war sie bereits eingeladen, in der deutschen Botschaft beide Nationalhymnen und die Europahymne in beiden Sprachen zu singen.

Auch ein eigenes Programm hat Camilla Kallfaß geschrieben. „Life ToHuWaBoHu“ heißt die Musical-Comedy, in der sie mit dem Pianisten Johannes Söllner am 5. Dezember im „Löwen“ in Ichenheim zu sehen sein wird. Vor einem Jahr hat sie ihr Programm dort schon einmal aufgeführt, damals war der Saal des Löwen brechend voll. In diesem Jahr gelten auch dort strenge Hygienevorschriften und Abstandsregeln.
Doch Camilla Kallfaß ist zuversichtlich – immerhin gewährleistet die offene Bestuhlung hervorragenden Blick auf die Bühne. Sehens- und hörenswert ist ihre Show allemal.

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"Rheinpassagen"

Der Rhein: Er war und ist Transportband, er trennt, und er verbindet die Ortenau und das Elsass. Er war Flucht- oder Exilort und ist auch immer Inspirationsquelle für Künstler. 
In unseren Geschichten „Rheinpassagen“ erzählen wir von Künstlern und kulturellen Einrichtungen von diesseits und jenseits des Rheins.
Die Schauspielerin und Sängerin Camilla Kallfaß hat in der Ortenau und im Theater Baden Alsace eine neue Heimat gefunden.

Info

Termine

Die nächsten Termine, an denen Camilla Kallfaß auf der Bühne zu sehen ist: „Ein wenig Farbe“, Europäisches Forum in Altenheim: 25. und 29. Oktober sowie 1. November, 18 Uhr; 24., 27. und 31. Oktober, 20 Uhr. „Life-ToHuWaBoHu“, Musical-Comedy; Piano: Johannes Söllner; im „Löwen“ Neuried-Ichenheim: 5. Dezember, 20 Uhr.

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