Kulturkolumne

Die schöne neue Welt des Streamings - prev

Autor: 
Dietrich Mack
Lesezeit 3 Minuten
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17. Mai 2021
Dietrich Mack

Dietrich Mack ©privat

Wer kennt das nicht: Nach einem stressigen Arbeitstag nach Hause gehetzt, im Stehen ein Käsebrot, im Laufen die Klamotten gewechselt, ins Auto gesprungen, keinen Parkplatz gefunden, im Galopp ins Theater, der Sitznachbar schnieft und hüstelt. In der Pause teure Häppchen, Smalltalk. Der ganz normale Theaterwahnsinn.
Säße man da nicht lieber zu Hause auf dem Sofa? Der Kachelofen vertreibt das ungemütliche Wetter, ein leichtes Abendessen auf dem Schoß, ein sanfter Grauburgunder im Glas. Der Fernseher ist groß und modern, internettauglich. Auch neue Boxen hat man angeschafft, denn Musik geht ins Ohr. Auf dem Programm der neue „Rosenkavalier“ aus München. Wunderbar. Kostenlos. Eine Eintrittskarte hätte man nie bekommen.
Zwei Tage später liest man eine sehr ausführliche, begeisterte Kritik dieser Aufführung, nickt bei jedem Wort zustimmend. Nur bei der kleinen, nebensächlich wirkenden Bemerkung „leider nur online“ schüttelt man den Kopf. Auch der Kritiker hätte auf das „leider“ verzichten können, denn später preist er die Klarheit des Klanges, zu der die coronabedingte Ausdünnung des Orchesters beigetragen habe. Neuer Klang ohne Stress. Willkommen in der schönen, neuen Welt des Streaming. „Brave New World“-Autor Aldous Huxley hätte es vielleicht die Droge Soma genannt für Künstler und Publikum. Oder?
Seit Beginn unseres Jahrhunderts wuchs die Frustration vieler Kulturschaffenden über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der zunehmend seinen Kulturauftrag wegen der berüchtigten Einschaltquote an die Unterhaltungsmaschinerie verriet. Theater-, Konzert-, Opern-, Ballettübertragungen wurden immer seltener. Man griff zur Selbsthilfe, zur Selbstvermarktung. Vorreiter war die Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker, die zu einem gewaltigen Archiv aufgebaut wurde. Andere folgten zunächst zögerlich, aber dann kam Corona und Streaming explodierte. Den Film- und vor allem Serienbereich hatte Streaming längst erobert. Netflix gelang das Wunder, Qualität mit Quantität zu verbinden, verbuchte im ersten Quartal 2020 15,4 Millionen neue Abonnenten. Davon träumen alle. Auch die Kulturschaffenden.

Aufgepeppt

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Im Vergleich zum Fernsehen und vor allem zum Film sind die technischen Mittel allerdings bescheiden. Meist wurde frontal abgefilmt. Doch inzwischen werden die Streams aufgepeppt. Man baut nach dem Vorbild des Wiener Neujahrskonzerts touristisch wirkungsvoll auch Land und Leute ein, man kann interaktiv Fragen stellen und bekommt Antworten. Auch bei uns im Land.
Das Freiburger Theater streamt „Dringeblieben“, das Festspielhaus Baden-Baden das „Hausfestspiel“, das Karlsruher Ballett streamt nicht nur „Feuervogel“, sondern produziert selbst einen Dokufilm mit dem schönen Titel „Seid umschlungen“, die Staatstheater Stuttgart präsentieren einen respektablen Onlinespielplan mit Watchparty und Nachgespräch, dazu ein Lyriktelefon. Not macht kreativ.
Sind das Ersatzhandlungen wie Pornografie statt Sex? Weniger drastisch ausgedrückt: Ist das Streaming eines Konzerts, einer Oper ein Bild ohne Rahmen? Nicht Kanapee und Sektflöte fehlen, sondern die zwischenmenschlichen Töne, Tratsch und Klatsch, kluge und dumme Bemerkungen, sportiver Beifall und Buhs. Es menschelt nicht. Die meisten Künstler wünschen sich bis zum Schlussbeifall ein sehr stilles Publikum, einige wie Keith Jarrett oder Glenn Gould am besten gar keines. Also eine Gewinn- und Verlustrechnung.
Warum nicht beides: Live und Stream? Winfried Kretschmann sagte kürzlich in einem Interview: „Alles wieder so wie früher? Wollen wir das? Die Krise ist auch eine Chance, dass wir ein paar Weichen anders stellen als früher.“ Auch in der Kultur.

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