Rameau-Medley und „Tristia“ im Festspielhaus Baden-Baden

Dirigent Teodor Currentzis ein überwältigendes Live-Erlebnis

Autor: 
Dietrich Mack
Lesezeit 3 Minuten
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05. November 2019
Teodor Currentzis inmitten seines Chors Music Aeterna.

Teodor Currentzis inmitten seines Chors Music Aeterna. © Alexandra Muravyeva

Das Festspielhaus Baden-Baden widmet dem Dirigenten Teodor Currentzis und seinem Ensemble Music Aeterna in der Saison 2019/2020 eine besondere Reihe. Gestartet ist sie am Donnerstag mit Musik von Jean-Philippe Rameau. Am Samstag folgte „Tristia“, eine Gedichtvertonung von Philippe Hersant.

Schon vor Jahren hat Teodor Currentzis Mozarts „Requiem“ und Musikstücke von Jean-Philippe Rameau („The Sound of Light“) aufgenommen, hat 2018 den Liederzyklus „Tristia“ in Hamburg und Berlin aufgeführt. Aber man muss dieses schlaksige Energiebündel sehen, das 47 ist, und wie ein Endzwanziger auf der Bühne herum tobt. Man muss Currentzis live erleben, um überwältigt zu werden von der Wucht seines Musizierens. 

Vor 15 Jahren war er im sibirischen Novosibirsk und dann in Perm ein Geheimtipp. 2010 dirigierte er erstmals in Baden-Baden („Carmen“). „Cosi fan tutte“ und „Bohème“ folgten. Inzwischen ist er als Klassik-Rebell etabliert, gastiert in der Welt, dirigiert große Brocken wie das Verdi-Requiem oder Mahlers 9. und befeuert als Chef das SWR-Sinfonieorchester zu Höchstleistungen. Im Festspielhaus klotzt man mit ihm: Drei Konzerte mit seinem russischen Ensemble Music Aeterna gab es am Feiertagswochenende, drei weitere folgen an Pfingsten 2020.

Die im 18. Jahrhundert berühmten Opern und Ballette von Rameau, mehr als 30, kennen bei uns nur wenige. Es gibt Schallplatten, aber kaum Aufführungen. Man muss schon nach Paris fahren, um aktuell ein Hauptwerk wie die Ballett­oper „Les Indes Galantes“ auf der Bühne zu erleben. Currentzis­ hat ein Rameau-Medley inszeniert als Arrangeur, Regisseur, Hauptdarsteller, Lichtdesigner und natürlich Dirigent. Zunächst steigt aus der Stille meditative Musik aus den „Six concerts en sextuor“ auf. Irgendwo im Dunkel der Bühne sind sechs Musiker, nirgends der Dirigent. Dann schleichen Orchester und Dirigent herein. Kein Auftrittsapplaus stört, suggestiv wird man in die Musik hineingezogen. 

Dieses Medley aus zehn Opern und Balletten hat nichts mit einem Nummernprogramm zu tun. Es ist wie eine Suite komponiert, atemberaubend in innerer und äußerer Dynamik, Agogik, in Witz und Frische. Ouvertüren, Chaconne, Orage und Airs wechseln mit drei Arien, klug und witzig von Nadine Koutcher gesungen. Fließende Übergänge, alles ist Bewegung, lebt aus den Gegensätzen, aus dem Tanz.

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Fast wie ein Popstar 

Currentzis dirigiert wie ein Vortänzer, ausdrucksstark wie ein Mime, musikalisch aber präzise bis in die kleinsten Details. Immer auf Wirkung bedacht, fast wie ein Popstar. Das wird nicht jedem gefallen, aber langweilig ist es keinen Augenblick. Ramisten nannte man die Anhänger von Rameau; nach diesem Abend gab es viele Currentzisten.

Weitere Fans kamen am Samstag hinzu, obwohl der zweite Abend mit dem Titel „Tristia“ von tiefer Stille umfangen und streng in seinem Schmerz ist. Der französische Komponist Philippe Hersant (71) hat auf Anregung von Currentzis 33 Gedichte aus dem französischen Gefängnis Clairvaux und den russischen Lagern des Gulag vertont. Die Texte sind ergreifend in ihrer schlichten Wahrheit, in ihrer Nacktheit und Poesie, wie die von Ossip Mandelstam. 

Das gilt auch für die Musik von Hersant, die klar und unpathetisch in ihrer Tonalität ist. Currentzis dirigiert diszipliniert, ohne jede Show. Das größte Wunder aber ist der Chor Music Aeterna. Viele Chöre singen eindrucksvoll, keiner bewegt sich so sicher, so souverän wie dieser, so dass aus der Abfolge der Lieder ein Ganzes wird. Der Chor teilt sich in Gruppen, schließt sich in Kreisen, ist ständig in Bewegung; aber es entsteht paradoxerweise keine Unruhe, sondern Ruhe, Ruhe der Seele. Man muss Wagner zitieren: „Versinken, unbewusst, höchste Lust“. Kann man das steigern?

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