Lustspiel "Die Niere" in der Kehler Stadthalle

Doppelbödig mit guten Pointen

Autor: 
Oscar Sala
Lesezeit 3 Minuten
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17. Februar 2020

Arnold, Dominic Raacke, und seine Frau, Katja Weitzenböck. ©Oscar Sala

Die Berliner Komödie am Kurfürstendamm machte mit ihrer Aufführung von „Die Niere“ die Organspende zum Thema in Kehl. Passend für eine Komödie?

„Nicht bloß auf Menschen und Menschencharakter, auch auf Schicksale macht uns die Schaubühne aufmerksam und lehrt uns die große Kunst, sie zu ertragen“, bemerkte schon Friedrich Schiller. Mit der Aufführung des Schauspiels „Die Niere“ (2018) in der Kehler Stadthalle rückte am Sonntag das hochbrisante Thema Organspende in den Mittelpunkt. Aktueller kann die Produktion der Berliner Komödie am Kurfürstendamm kaum sein, doch ist eine Nierenspende als Komödie vertretbar? Harter Tobak auf jeden Fall.

Mut zur Entscheidung

Autor Stefan Vögel schafft es, die Balance zwischen Schwarzem Humor und Ernsthaftigkeit zu halten – denn letztendlich geht es bei seinem bitter-witzigen Boulevard-Stück trotz des ungewöhnlichen Titels eigentlich nicht um eine medizinisch-moralische Frage, sondern viel allgemein gefasster um den Mut zur Entscheidung.  Und die Liebe wird auf eine harte Probe gestellt: Star-Architekt Arnold (Dominic Raacke) hat den Auftrag seines Lebens an Land gezogen und will feiern. Doch kurz vor der Ankunft seiner Gäste erfährt er, dass seine Frau (Katja Weitzenböck) eine Spenderniere benötigt. Er käme als Spender in Frage, doch Arnold bittet um Bedenkzeit  „bis zur Deadline“, wie er sich etwas unglücklich ausdrückt.  

Freund Götz (Romanus Fuhrmann), der ebenfalls die passende Blutgruppe hat,  gibt sich spendabler, als Gutmensch würde er ohne zögern seine Niere spenden – da hat allerdings seine entsetzte Frau Diana (Jana Klinge) ein Wörtchen mitzureden. Beim anschließenden „Hahnenkampf“, schließlich ist eine Nierenspende intimer als Beischlaf, müssen alle Beteiligten Federn lassen. Abgründe tun sich auf.

Hier zeigt sich ein weiteres Mal, dass man über alle Themen Komödien schreiben kann, nur muss man diese Kunst beherrschen. Unter der erfrischenden Regie von Martin Woelffer entfaltet sich ein rasantes Schauspiel mit perfekter Taktung, das trotzdem nicht an die „Nieren“ geht. 

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Wunderbar flexibel

Gewiss, manchem Betroffenen wird das eine oder andere unangebracht vorkommen, lustig ist das Thema nicht; dennoch kann sich der Zuschauer angesichts treffsicherer Pointen und der eigenwilligen Doppelbödigkeit der vier Figuren nicht die Lacher verkneifen. 

Nicht zuletzt sorgt das kühle, eckig-nüchterne Architekten-Behausung für die passende Großstadtatmos-
phäre. Hier entspinnen die Akteure ein wohltemperiertes Beziehungsgeflecht von menschlichen Schwächen und Unaufrichtigkeiten. Es ist das reinste Vergnügen, die Wandlung Arnolds mitzuerleben – vom arroganten Kotzbrocken zum Häufchen Elend. Raackes Mimik und Gestik ist beredt, er agiert mit wunderbarer Flexibilität und humorvollem Elan. 

Die brillante Katja Weitzenböck verkörpert die weibliche Intelligenz wie keine andere. Während Romanus Fuhrmann den verlässlichen Freund mit viel Humor rüberbringt, verkörpert Jana Klinge die elegante und „liebenswürdige“ Ehefrau, die sich auf ein kleines Abenteuer eingelassen hat, mit viel Charme.  
Nach dem fulminanten ersten Teil verliert die Komödie in der zweiten Hälfte allerdings etwas an Fahrt – die Auflösung des Spender-Dilemmas wirkt, trotz dramaturgischer Überraschungseffekte, konstruiert. 

Das Publikum fühlt sich dennoch bestens unterhalten und spendet begeisterten Beifall.  

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