TV-Tipp: US-Architekt Frank Lloyd Wright im Porträt

Dramen, Skandale und Ikonen

Autor: 
Ulla Hanselmann
Lesezeit 3 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
20. November 2020
Architektonisch genial, menschlich schwierig: Frank Lloyd Wright

(Bild 1/5) Architektonisch genial, menschlich schwierig: Frank Lloyd Wright ©Foto: SWR/William Short

Der US-amerikanische Architekt Frank Lloyd Wright hat weltberühmte Bauten hinterlassen. Mindestens genauso aufsehenerregend wie seine Architektur war sein Leben, wie eine Arte-Doku von Sigrid Faltin jetzt zeigt. Sein Vermächtnis ist aktueller denn je.

Stuttgart - Er werde der „größte Architekt des 20. Jahrhunderts“ sein – dieses Zitat ist Frank Lloyd Wright oft genug in den Mund gelegt worden. Darauf in einem Fernsehinterview angesprochen, antwortete der damals 88-Jährige verschlagen schlau: Gesagt habe er das nie. „Aber gedacht“.

Manche der Häuser, die der 1867 in Wisconsin geborene Sohn eines Pfarrers und Anwalts schuf, wurden zu Ikonen: seine Spirale des Salomon R. Guggenheim Museums in New York; Fallingwater, das Wohnhaus für einen Warenhausbesitzer aus Pittsburgh, das er 1935 nicht an, sondern über einem Wasserfall baute.

T. C. Boyle wohnt in einem Wright-Haus

Als Wright 1959 mit 91 Jahren starb, hatte er in siebzig Jahren über tausend Gebäude entworfen, von denen mehr als 500 verwirklicht wurden. Acht dieser Bauten wurden 2019 zum Unesco-Weltkulturerbe geadelt. Mindestens genauso aufsehenerregend wie die Architektur war auch das Leben des amerikanischen Baumeisters, prall gefüllt mit Dramen und Skandalen. Hausbrände, Scheidungen, Insolvenzen, Verhaftungen, gesellschaftlicher Ächtung, Mord – seine zweite Ehefrau und deren Kinder wurden von einem psychisch kranken Angestellten getötet: Aus all diesen Katastrophen ging Wright wie ein „Phoenix aus der Asche“ hervor. Dies ist denn auch der Untertitel der TV-Doku, mit dem die Filmemacherin Sigrid Faltin den Jahrhundert-Architekten porträtiert

- Anzeige -

Der US-Schriftsteller T. C. Boyle gehört zu jenen, die das Privileg genießen, heute in einem der Häuser Wrights zu leben – ein Haus wie ein Baumhaus, durch das die Natur hindurchfließe, beschreibt Boyle das 1909 erbaute George C. Stewart House im kalifornischen Montecito. Mit der Natur zu bauen, nicht gegen sie, ein Gebäude harmonisch aus seiner Umgebung herauswachsen zu lassen: Mit den Prinzipien seiner organischen Architektur war Frank Lloyd Wright seiner Zeit weit voraus; heutzutage ist sein Vermächtnis aktueller denn je.

Streit stimulierte seine Kreativität

Architektonisch genial, menschlich schwierig: In ihrer Filmbiografie wendet sich Sigrid Faltin vor allem der charismatischen Persönlichkeit Wrights zu, skizziert die Architektur nur in groben Zügen. Neben Boyle, der ja einen Roman über Wrights Frauen zu seinem Opus zählt, kommen ein Enkel, Schüler sowie Experten zu Wort; der Maestro selbst ist mit ­O-Tönen aus seiner Autobiografie sowie zum Teil bislang unveröffentlichten Filmausschnitten präsent.

Die Autorin lässt Linien und Geometrien über Schwarz-Weiß-Fotografien ranken. Markante, zum Teil dramatische Lebenssituationen stellt sie in altertümlicher Comic-Manier dar, etwa die doppelte Ehebruch-Episode, in welcher der verheiratete Wright 1909 mit seiner neuen Lebensgefährtin Martha „Mamah“ Borth­wick Cheney, der Frau eines Auftraggebers, nach Europa reist, um den US-Schlagzeilen zu entgehen. Auf diese Weise erzählt sie auch davon, wie Wright über seine drei größten Konkurrenten dachte: „Corbusier!“ „Gropius!“, „Mies!“ rief er angeblich aus, wenn er nach lästigen Fliegen klatschte.

Boyle sagt in der 53-minütigen SWR-Produktion, Wright habe öffentliche Skandale gebraucht, um auf die Welt herabzusehen; im Mittelpunkt von Streit zu stehen, „stimulierte seine Kreativität“. Zu Wrights größtem kreativen Triumph verhalf ihm Hilla von Rebay, die deutsche Direktorin der Sammlung von Solomon Guggenheim. In einem Brief bat sie ihn, ein Museum, ja, „einen Tempel des Geistes“ zu entwerfen, sie brauche dafür „einen Kämpfer, einen Freund des Raums“. 1943 erhielt Frank Lloyd Wright den Auftrag, da war er 76 Jahre alt. Er konnte alle Skandale und Sorgen hinter sich lassen und wurde weltberühmt.

Weitere Artikel aus der Kategorie: Kultur

27.11.2020
Rückblick auf ein reiches Künstlerleben
Die Künstlerin Ilse Teipelke ist immer noch eine bekennende Streiterin für die Rechte der Frauen. „Ich wollte, dass man meine Stimme hört“, sagt sie im Gespräch. Ihre künstlerische Biografie trägt deswegen auch den Titel „systemrelevant“.
Rembrandts Porträt „Brustbild eines Mannes in orientalischer Kleidung“.
26.11.2020
Ausstellung „Rembrandts Orient“ im Kunstmuseum Basel
Das Kunstmuseum Basel widmet sich in einer opulenten Schau der Orientbegeisterung von Rembrandt und seinen Zeitgenossen. Sie veranschaulicht zugleich Einflüsse orientalischer Kunst auf das Goldene Zeitalter. Am Mittwochabend ist der Eintritt frei.            
Dietrich Mack.
26.11.2020
Kulturkolumne
Sportstars können auch in Zeiten der Pandemie ihren Beruf ausüben, in dem sie in einer Blase leben. Sie verdienen Millionen, ohne mit dem Publikum in Kontakt zu treten. Doch wie lässt sich die schützende Blase auf das ganz normale Lleben übertragen?       
23.11.2020
Eine Ära in der Städtischen Galerie Offenburg geht zu Ende
„Es waren immer schöne Begegnungen“: Gerlinde Brandenburger-Eisele, promovierte Kunsthistorikerin, hat knapp 30 Jahre lang Museum und Städtische Galerie der Stadt Offenburg betreut.  Nun geht sie in den Ruhestand und freut sich auf die Dinge, die da kommen werden.
Buchcover der Textsammlung „Corona Decamerone“.
20.11.2020
Autorennetzwerk Ortenau-Elsass führte Tagebuch
„Katzen brauchen keinen Mundschutz“ oder „Vom Niesen und Genießen“ sind Geschichten von 38 Mitgliedern des Autorennetzwerks Ortenau-Elsass überschrieben, die dessen Leiterin Karin Jäckel unter dem Titel „Corona Decamerone“ als Buch herausgegeben hat.       
Temperamentvoll wie ihre ausdrucksstarke Malerei: Künstlerin Gabi Streile.
20.11.2020
Oberkircher Künstlerin Gabi Streile 70 Jahre alt
Die Oberkircher Malerin Gabi Streile wird am 20. November 70 Jahre alt und wirft im Gespräch einen Blick auf ihre Arbeit. Zwei süße Babys und eine Ausstellung in ihrer Karlsruher Galerie bereiten der Künstlerin Freude in schwierigen Zeiten.
Jürgen Stark.
19.11.2020
Kulturkolumne
Vor Corona hielt Gerd Gruss sein Geschäft nur einmal während der Geschäftszeiten geschlossen: an seinem Hochzeitstag. In diesem Jahr hat der Geschäftsführer des Karlsruher Rock Shops vor allem auf dem Veranstaltungssektor mit den Folgen der Pandemie zu kämpfen. 
16.11.2020
Spurensuche Kunst im Raum
Fotograf Ulrich Marx hält Kunstwerke im öffentlichten Raum fest. In Kehl fand er „Begegnungen“.
13.11.2020
Literatur-Kolumne
In seiner neuen Kolumne setzt sich Jose F. A. Oliver mit der Frage nach Sprache und Wortschöpfungen auseinander und der sich ändernden Bedeutung.
Dietrich Mack.
12.11.2020
Kulturkolumne
Der berühmt-berüchtigte Satz „You’re fired“, mit dem Donald Trump viele Jahre jede Folge der TV Reality-Show „The Apprentice“ (Der Lehrling) beendete und der dann seine Personalpolitik im Weißen Haus prägte, fällt nun auf ihn selbst zurück: Er ist gefeuert
10.11.2020
Gespräch in der Kunstschule Offenburg
Welche Bedeutung haben Kunstschulen, wenn der Kultur die kalte Schulter gezeigt wird? Für die Pädagogen der Offenburger Schule ist die Antwort klar: „Grundbedürfnis befriedigen.“
09.11.2020
"Rheinpassagen": Der Maler Friedrich Geiler aus Kehl
„Rheinpassagen“ stellt den Kehler Maler Friedrich Geiler vor. Sein Markenzeichen sind die konstruktivistischen Landschaften der  geometrischen Formen, inspiriert durch den Fluss und die Rhein-Landschaften.