"Rheinpassagen": Werner Ewers aus Kehl
Dossier: 

"Ein aufsässiger Charakter"

Autor: 
Tilmann Krieg
Lesezeit 8 Minuten
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16. Oktober 2020

(Bild 1/2) „Aufsässiger Charakter“: Mit einem gewissen Stolz zeigt Werner Ewers das Relegations­schreiben der Straßburger Kunstakademie. ©Tilmann Krieg

„Rheinpassagen“: Der Kehler Bildhauer Werner Ewers ist auf beiden Seiten des Rheins zuhause. In Straßburg begann er zu studieren, lernte dort seine Frau kennen, hatte Ateliers und Ausstellungen. In Kehl hat er gearbeitet und gelebt – und ist immer wieder über den Rhein gewechselt.

Grenzgänger? Werner Ewers scheint etwas irritiert, man merkt, der Begriff will ihm nicht so recht schmecken. „Für mich gibt es keine Grenze, Straßburg und Kehl, das ist für mich wie eins.“ Er hat in Kehl gewohnt, in seinen Straßburger Ateliers als Bildhauer gearbeitet, mit französischen Künstlerkollegen zahlreiche Ausstellungen gezeigt, auf deutscher wie auf französischer Seite. Auch seine Frau fand er in Straßburg, für ihn hat sie damals ihre gut dotierte Beamtenlaufbahn aufgegeben, um mit ihm in Kehl zu wohnen, ganz an der Seite ihres Mannes zu stehen.

Französisch war Pflichtfach auf dem Gymnasium „Schulfranzösisch halt...“, dass es fließendes Französisch wurde, verdankt er in erster Linie seinen Kameraden, mit denen er als junger Mensch um die Häuser zog. Französische Soldaten waren in Kehl stationiert, wohnten mit ihren Familien in den Kasernen am Hafenareal. „Wir hatten als Jugendliche jede Menge französische Kumpels. Die Sprache wurde uns so selbstverständlich wie unser Deutsch“. Anfang der 60er-Jahre begann Werner Ewers mit seinem Kunststudium an der Straßburger Akademie. “Ecole des Arts décoratifs“ nannte sich die Hochschule damals noch in aller Bescheidenheit.

Es war die Zeit, als Straßburg seinem östlichen Nachbarn noch die unschöne Hinterseite entgegenstreckte: Die orange-weiße Buslinie Nummer 21 fuhr durchs Hafengebiet, vorbei an den trüben Bunkern, die als Schießgelände der Fremdenlegion Beklemmung verbreiteten, vorbei an verrußten Kohlehalden und Indus­trieanlagen, durch staubiges, verunkrautes Niemandsland. Am Place Corbeau stieg man aus, lief dann nordwärts an der Ile entlang in die Rue de l‘Academie, wo die Werkstätten inmitten eines Parks in einem klassizistischen Bau mit ausgetretenen Sandstein-Treppenstufen und kühlfeuchten Kellerfluchten lagen.

Kein Pardon

Hier lernte man Zeichnen an altmodischen, vergilbten Gipsbüsten. Auf dem Programm außerdem: Lithographie, Gravure (Radierung), Aktzeichnen und Malen. Disziplin war erwünscht, Widerspruch und eigene Ideen eher weniger. Tomi Ungerer flog hier von der Hochschule, Werner Ewers ging es nicht besser, und auch der Autor dieser Zeilen kann ein Lied davon singen. Einer von Ewers’ Lehrern bestand auf sofortige Relegation. Der Direktor lud ihn vor: mit Bedauern, denn er bestätigte ihm, dass er künstlerisch einer der besten Studenten sei, aber leider – ein Professor habe nun einmal darauf bestanden, ihn von der Schule zu werfen, und wo käme man hin, wenn man sich seitens der Direktion gegen einen der eigenen Professoren wendet.

„Caractère insoumis“, bestätigte Professor Edel dem Studenten Ewers – „aufsässiger Charakter“. Und so folgte der zwangsweise Auszug aus der Akademie auf dem Fuße.„Zum Glück“, sagt Ewers heute, „denn sonst wäre ich an dieser Provinzschule versauert.“ Das professorale Testat hängt heute noch an der Wand seines Arbeitsraumes, es hat ihn durch alle Ateliers begleitet. Denn irgendwie ist er auch stolz darauf, ein Renegat zu sein. An der Stuttgarter Kunstakademie hingegen nahm man den talentierten Studenten gerne auf. So konnte Ewers sein Studium nahtlos fortsetzen. 
Erst eine familiäre Notlage brachte Ewers wieder nach Kehl zurück. „Ich konnte meine Mutter in dieser Situation nicht alleine lassen. Ich fühlte mich für sie verantwortlich.“ Gemeinsam mit seiner Frau stieg er ins elterliche Geschäft ein, half bei der Pflege des Vaters und später auch  der Mutter; das Paar bekam einen Sohn, dass er behindert war, machte die Situation nicht leichter. „All das schweißte mich und meine Frau nur umso fester zusammen“, sagt Erwers. „Wir mussten darüber gar nicht erst reden. Wir verstanden uns auch ohne viele Worte.“ Heute hat auch der Sohn seinen Platz im Leben und eine Partnerin gefunden. Darüber empfindet Ewers großes Glück.

Aber auch in den schwersten Zeiten, sagt Ewers, habe er immer gemalt: nach dem Geschäft, nach den harten Anforderungen des Alltags, hunderte Bilder, des Nachts, an den Wochenenden, wann immer es ging. Es war seine Welt, mehr  als das: Es war seine Leidenschaft und innere Notwendigkeit. Ausstellen wollte er seine Malerei nicht, oder irgendwann später vielleicht einmal. Aber dann fiel ihm dieses weiße Pappelholz in die Hände und er begann es zu bearbeiten, zu schnitzen, zu schleifen, zu formen und mit dem Zahnarztbohrer zu behandeln. 

Neue Ideen

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Seine skulpturalen Arbeiten wurden immer filigraner, immer sensitiver. Doch fehlte dem hellen Holz ein Gegenpart, ein Element, das die weiche Form kontrastierend ergänzte. Ein dunkler Stein könnte das sein, war die Idee des Bildhauers, und so kam Ewers zum schwarzen Schiefer, oder der Schiefer kam zu ihm. Fortan kommunizierten die Formen und Materialien miteinander. Aufgabe des Künstlers wurde es, das imaginäre Zwiegespräch materiell umzusetzen. Immer wurde es eine Beziehung der Elemente untereinander und ineinander. Immer gab es ein Innen und ein Außen, und während die äußere Erscheinung schmeichlerische, oft fast erotische Landschaften zeigte, ergaben sich im Inneren hochkomplexe, feingliedrig ineinandergreifende Verbindungen, gleich geografischen Höhenreliefs, die haargenau passten. Wie ein Renaissancebaumeister schuf Ewers in den unsichtbaren Bereichen filigrane Strukturen, Positiv- und Negativformen; Erhabenes und Vertieftes griffen absolut perfekt ineinander. 

„Je schwieriger es wurde, desto mehr schweißte es uns zusammen.“ Dieser  Satz des Künstlers fällt dem Rezensenten wieder ein, während Ewers seine Skulpturen vorstellt: hell und dunkel, hart und weich, glatt und strukturiert, außen und innen. Diese Skupturen sind sein künstlerisches Statement geworden, diese Skulpturen wollte er auch ausstellen, unbedingt. In einem Husarenstück schmuggelte er einfach eine auf die Art Basel. 

Nicht einmal einen Katalog darf man als Künstler da mit hineinnehmen, Ewers nahm eine ganze Skulptur hinein, einfach so, und stellte sie einem Galeristen vor den Messestand. „Die kannst du gleich hier stehen lassen“, habe der gesagt – und so begann die Karriere des Werner Ewers direkt auf der bedeutendsten Kunstmesse der Welt.

Über den Fluss

Es folgten viele nationale und internationale Ausstellungen, wie zahlreiche Plakate in seinem Atelier bezeugen, oft auch in Gemeinschaft mit französischen Künstlerkollegen. Ewers’ Atelier nämlich lag mitten im Straßburger Neudorf. „Für mich war es wichtig, den Fluss zu überqueren“, sagt Ewers. „Immer, wenn ich auf der anderen Rheinseite ankam, hatte ich alles hinter mir gelassen und konnte mich voll auf meine Arbeit fokussieren.“ Jahrelang traf man ihn auf wichtigen Kunstmessen, beispielsweise auch am Stand der Galerie Zaiss auf der Art Karlsruhe.
Ewers wird 80 Jahre alt im kommenden Jahr. Lange Zeit musste er ohne Atelier auskommen, denn die Zeiten, da es günstigen Arbeitsraum für Künstler in der Region gab, sind längst vorbei. Auch trieb ihn ein Gedanke um, der fast allen Künstlern irgendwann den Nachtschlaf raubt: „Was wird eigentlich aus meinem Werk, wenn ich nicht mehr bin?“ 

Vergeblich bot er seiner Heimatstadt Kehl seinen künstlerischen Nachlass als Geschenk an. „Man habe leider keine Möglichkeit...“, beschied man ihm bei der Verwaltung und ebenso seitens der Bürgerstiftung. „Die wollten mich einfach nicht“, so interpretiert Ewers die Absage. Wütend drohte er öffentlich, alle seine Kunstwerke in eine Baugrube zu werfen. Jürgen Grossmann, der gerade  ein paar Kilometer rheinaufwärts ein „Europäisches Forum am Rhein“ plante, und der Ewers Skulpturen schätzt, las von dem öffentlichen Dilemma. Grossmann, bekannter, durchaus nicht unumstrittener Architekt, bot Ewers ein Agreement an: Das neue Forum dürfe er als Ausstellungsfläche nutzen, und er würde einen Arbeitsraum als Atelier erhalten. Dafür gingen alle Arbeiten ausnahmslos in den Besitz der Grossmann-Stiftung über, wo sie fürderhin bewahrt und gezeigt würden und auch erworben werden können.

Das Lebenswerk in toto wechselte also, notariell bezeugt, den Besitzer. Ewers’ Skulpturen sind nun im neuen Bau sehr prominent und in hellem Licht zu bewundern, und er selbst hat endlich wieder ein Atelier. Dennoch – ist das nicht komisch, auf solche Weise sein ganzes künstlerisches Werk aus der Hand zu geben? 

„Sieh mal“, entgegnet Ewers, „in meiner Familie ist niemand, der sich wirklich für meine Kunst interessiert. Meine Zeit ist jetzt begrenzt, aber seit ich mit der Grossmann-Stiftung diese Übereinkunft getroffen habe, weiß ich, dass meine Arbeiten erhalten bleiben, sichtbar und zugänglich, und das macht mich außerordentlich froh. Außerdem habe ich hier meinen Arbeitsraum, niemand stört mich, niemand redet mir herein, ich kann ganz konzentriert und in Ruhe arbeiten.“ Es schwingt keine Verbitterung in diesen Sätzen, keine Melancholie. Werner Ewers ist, so scheint es, mit sich im Reinen. Der „aufsässige Charakter“ hat seinen Frieden gefunden. 

Info

Kontakt

www.Ein Dossier zu den „Rheinpassagen“ finden Sie unter: www.bo.de/iloveortenau

Hintergrund

"Rheinpassage"

Der Rhein: Immer mal wieder hat er seine Funktion gewechselt. Er war und ist Transportband, einst wichtig für die Kinzig-Flößer, er trennt und verbindet, Deutschland mit Frankreich, die Ortenau mit dem Elsass. Er war aber auch Flucht- oder Exilort für Menschen aus beiden Richtungen. 
Der Rhein ist auch immer Inspirationsquelle für Künstler. In unseren Geschichten „Rheinpassagen“ erzählen wir von diesen Verbindungen, stellen Künstler und kulturelle Einrichtungen von diesseits und jenseits des Rheins vor. 
Für den Künstler Werner Ewers war der Rhein ein Verbindungsband, Straßburg und das Elsass ebenso ein Zuhause – auch künstlerisch – wie seine Heimatstadt Kehl und die Ortenau, in beiden Sprachen fühlt er sich wohl.

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