Wien

Ein fast unbekannter Schatz aus Knochen

Autor: 
dpa
Lesezeit 4 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
19. Oktober 2018
Das Massengrab von 47 Opfern der Schlacht von Lützen im Dreißigjährigen Krieg.

Das Massengrab von 47 Opfern der Schlacht von Lützen im Dreißigjährigen Krieg. ©dpa - Matthias Röder

Die Vitrinen wirken aus der Ferne wie etwas verstaubte Bücherregale. Doch in den Glasschränken des Naturhistorischen Museums (NHM) in Wien lagern Totenschädel aus Tausenden Jahren.

Mit 40.000 Objekten besitzt das NHM eine der größten Knochensammlungen der Welt. In der Schau «Krieg. Auf den Spuren einer Evolution» zeugen die menschlichen Überreste von der Gewalt, zu der der Mensch fähig ist.

Ein Tiefpunkt: das Massengrab von 47 Opfern der Schlacht von Lützen im Dreißigjährigen Krieg. Bisher war es nur im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle an der Saale zu sehen. «Es handelt sich um Kämpfer beider Seiten im Alter von 15 bis 50 Jahren», sagt Karin Wiltschke, stellvertretende Leiterin der osteologischen Sammlung.

Die Ausstellung, die sich als archäologische Spurensuche über einen Zeitraum von 7000 Jahren begreift, läuft vom 24. Oktober bis zum 28. April 2019. Sie ist eine der seltenen Gelegenheiten, Teile der Knochen-Sammlung des NHM zu sehen. Normalerweise wird nur ein Totenschädel in der anthropologischen Dauerausstellung des Museums ausgestellt. Der Großteil der Objekte lagert in den Vitrinenschränken oder im museumseigenen Tiefendepot.

Dass die osteologische Sammlung in der Öffentlichkeit ein Schattendasein führt, stört Wiltschke nicht. «Die Sammlung ist nicht dazu da, dass sie möglichst viele Menschen sehen, sondern vor allem für die Wissenschaft bestimmt», erklärt die studierte Biologin. Und in der internationalen Fachwelt genieße die Kollektion einen guten Ruf: «Hier lagert ein einzigartiger anthropologischer Schatz, den wir gemeinsam mit Forschern aus aller Welt untersuchen.»

Auch in Deutschland gibt es Institute, die sich wissenschaftlich mit den menschlichen Überresten alter Zeiten befassen. «Andere Wissenschaftszweige wie die DNA-Forschung haben momentan zwar einen prominenteren Ruf, aber die klassische osteologische Sammlung erlebt eine gewisse Renaissance», sagt der Kurator der etwa 10.000 Objekte umfassenden Sammlung an der Universität Tübingen, Michael Francken. Die Forschung merke, dass mit neuen Methoden aus den Knochen noch viel detailliertere Erkenntnisse zu gewinnen seien.

- Anzeige -

Die Skelette und Schädel der Wiener Sammlung sind Hunderte oder gar Tausende Jahre alt - die ältesten Schädel und Knochen rund 35.000 Jahre. Ein großer Teil der Sammlung stammt aus Österreich, einige Objekte aber auch aus Afrika, Südamerika oder Ozeanien. Den Grundstock legten Forschungsreisende im 18. und 19. Jahrhundert.

Teilweise wurden die Stücke jedoch auf fragwürdige Weise erworben - bis heute ein Politikum. Vor allem Ureinwohner der Herkunftsländer fordern immer wieder die Herausgabe ihrer Vorfahren. Vor einigen Jahren gab das Museum rund 30 Objekte an australische Aborigines zurück, aktuell laufen Verhandlungen über Rückgaben an indigene Stämme in Neuseeland. «Diese Gespräche sind sehr langwierig, weil wir schwer feststellen können, woher genau die Schädel wirklich stammen - unabhängig davon, ob sie damals geschenkt, gekauft oder geraubt wurden», erklärt Wiltschke.

Doch welchen Nutzen hat es, Totenschädel und Skelette aufzubewahren? «Wichtig ist unsere Sammlung für Wissenschaftler, vor allem für Anthropologen, die an den Knochen evolutionäre Veränderungen erforschen. Und für Mediziner, die die Variationsbreite des menschlichen Körpers untersuchen», sagt Wiltschke. Ein aktuelles Forschungsprojekt etwa widme sich der Frage, wie sich weibliche Beckenknochen durch eine Schwangerschaft veränderten.

Zudem lasse sich erforschen, wie sich Ernährung oder Krankheiten auf das menschliche Skelett auswirkten. Historiker und Archäologen erfahren Näheres über Migrationsströme, Ernährungsgewohnheiten und bewaffnete Konflikte bei unseren Vorfahren.
Die knöchernen Zeugnisse der Gewalt lassen noch heute beim Betrachter den Schmerz und die Qual, den schnellen oder den langsamen Tod erahnen. In einer Vitrine liegt ein Skelett, bei dem ein mittelalterliches Schwert einst den Kopf vom Körper trennte. Auch ein 25 bis 30 Jahre alter Mann wurde etwa im Jahr 1000 mit zahlreichen Hieben getötet. Sein Unterkiefer wurde laut Wiltschke dabei fast abgetrennt, sein Schädel mit mindestens drei Hieben traktiert.

Gerade das Massengrab von Lützen, einer Schlacht mit etwa 6000 Opfern innerhalb weniger Stunden, drängt eine generell gültige Erkenntnis auf, wie Wiltschke sagt: «Krieg ist zu jeder Zeit grausam.»

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeigen
  • 18.04.2019
    Ab Samstag
    In Kehl startet am Samstag wieder der beliebte Ostermarkt. Bis zum 28. April warten auf Besucher dort zahlreiche Attraktionen und ein vielfältiges Programm.
  • 17.04.2019
    500 Quadratmeter Fläche
    Der Obi Markt in Offenburg hat seine neue 500 Quadratmeter große »BBQ & Grillwelt« eröffnet – und ist damit die Top-Adresse für Grill-Fans. Kunden erwartet ein konkurrenzlos großes Angebot an Grills und Zubehör von Top-Marken. In den kommenden Wochen gibt es dazu ein sehenswertes Showprogramm.
  • 08.04.2019
    Was ist wichtig bei der Planung der perfekten Traumküche? Hier sind die 10 wichtigsten Fragen und Antworten!
  • 01.04.2019
    Lahr
    Wer auf der Suche nach einem Suzuki-Neuwagen oder einem Gebrauchten ist und gleichzeitig eine vertrauensvolle, persönliche Beratung möchte, dem kann geholfen werden: Das Suzuki-Autohaus Baral in Lahr ist genau die richtige Adresse für jegliches Anliegen rund um Suzuki. 

Weitere Artikel aus der Kategorie: Kultur

vor 13 Stunden
Festspielhaus: Rückblick und Ausblick
Die »klassischen« Töne der Osterfestspiele im Festspielhaus klingen noch nach, da hört man bereits »poppige« Klänge: Das Erfolgs-Musical »Mamma Mia!« kommt mit den Hits von Abba vom 26. April bis 2. Mai nach Baden-Baden.
vor 14 Stunden
Künstler-Tagebuch
Der Oppenauer Künstler Tim Otto Roth arbeitet derzeit in Indien, genauer in Varanasi, zusammen mit heimischen Künstlern an einem neuen Projekt. In einem "Tagebuch" gibt er Impressionen. 
vor 15 Stunden
"Beat It!" in der Oberrheinhalle
Martialische Gestalten marschieren im wummernden Bass-Takt auf die Bühne. Blendende Lichtstrahlen, ein Knall – und da ist er: Michael Jackson leibhaftig. Der Eingangssong »They don’t care about us« sorgt für einen furioser Auftakt. In der restlos ausverkauften Oberrheinhalle bejubelten am...
Scarlett Johansson in einer Szene von «Avengers: Endgame».
vor 22 Stunden
Berlin
Wohl noch nie in der Historie der US-Superheldenfilme hat ein Werk im Publikum so viele offene Münder hinterlassen wie zuletzt «Avengers: Infinity War». Der Film, der vor einem Jahr in die deutschen Kinos kam, überraschte mit einem so melancholischen wie brutalen Ende: Mit einem Fingerstreich hatte...
Verena Lafferentz-Wagner und der damalige Festspielleiter Wolfgang Wagner 2008 in bayreuth.
23.04.2019
Bayreuth/Überlingen
Sie war die letzte Enkelin des Komponisten Richard Wagner (1813-1883): Nun ist Verena Lafferentz-Wagner am vergangenen Freitag im Alter von 98 Jahren in Nußdorf, einem Ortsteil von Überlingen am Bodensee, gestorben. Das teilte das Präsidiumsmitglied im Richard-Wagner-Verband International, Rainer...
Cervantes-Preisträgerin Ida Vitale (m) mit König Felipe und Königin Letizia von Spanien nach einer Zeremonie.
23.04.2019
Madrid
Die uruguayische Dichterin Ida Vitale (95) hat den Premio Cervantes, die bedeutendste Literaturauszeichnung der spanischsprachigen Welt, in Empfang genommen.
Blick in die Ausstellung «Mantegna und Bellini. Meister der Renaissance».
23.04.2019
Berlin
Zwei Legenden der Renaissance locken weiter kräftig Besucher: Die Ausstellung «Mantegna und Bellini. Meister der Renaissance» in Berlin erfreut sich anhaltend großer Nachfrage.
Inga Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) wagen einen Tandem-Fallschirmsprung.
23.04.2019
Berlin
Mit der stärksten Einschaltquote am Montagabend hat sich das Bremer «Tatort»-Duo Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) aus der ARD-Reihe verabschiedet. Den letzten Fall «Wo ist nur mein Schatz geblieben?» verfolgten im Ersten durchschnittlich 8,56 Millionen Zuschauer - das war...
Die Stadt Emden will ihren Ehrenbürger Otto mit speziellen Ampeln würdigen. Fotocredit: Otto Waalkes/
23.04.2019
Emden
Der wahrscheinlich bekannteste Ostfriese der Welt bekommt vielleicht bald eine eigene Ampel. Die Stadt Emden will ihren Ehrenbürger Otto Waalkes mit speziellen Lichtzeichenanlagen würdigen. Als Motive für Rotlicht- und Grünlichtphasen sind die berühmten Rüsseltiere («Ottifanten») des Komikers und...
Alt-Großherzog Jean von Luxemburg starb im Alter von 98 Jahren im Kreise seiner Familie. (Archivbild von 2006).
23.04.2019
Luxemburg
Im Kreis des Hochadels war sein Platz immer in der ersten Reihe: Auf Tuchfühlung und Augenhöhe mit den anderen Königinnen und Königen Europas, vor allem aber mit der englischen Monarchin. Altgroßherzog Jean von Luxemburg, von 1964 bis zur Abdankung im Jahr 2000 Staatschef, war als Mitglied des...
»Der Freischütz« weit weg von pittoreskem Brauchtum: Das Volk trägt Militär-Overalls,
23.04.2019
Rheinoper in Straßburg
Bei Jossi Wieler und Sergio Morabito ist »Der Freischütz« keine romantische Oper. Ihre modernisierte und nicht minder kontroverse Neuauflage von Carl Maria von Webers National-Epos feierte am Mittwoch in der Straßburger Rheinoper eine insgesamt umjubelte Premiere.  
Antwortschreiben von Hanni Hase an Kinder aus aller Welt.
20.04.2019
Ostereistedt/Zeven
Der Osterhase hatte viel zu tun: 40.560 Kinder aus aller Welt haben in diesem Jahr an seine Adresse im niedersächsischen Ostereistedt geschrieben und Antwort bekommen.